London. Es ist nicht unbedingt üblich, dass ein britischer Premierminister in den Wahlkampf zu einer Nachwahl eingreift, bei der ein einzelner Sitz im Unterhaus neu besetzt wird. Anfang dieser Woche jedoch besuchte Keir Starmer den Südosten von Manchester.

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In einer örtlichen Sporthalle trat der Regierungschef aus London an der Seite der Labour-Kandidatin für den Wahlkreis Gorton and Denton, Angeliki Stogia, auf. Unterstützer hielten gelbe Schilder mit roten Lettern in die Höhe. Darauf stand: „Vote Labour“ – „Wähle Labour“.

Der Besuch des Premiers galt als Signal und als Warnung zugleich. Starmer appellierte an potenzielle Wähler der Grünen, ihre Stimme bei der Wahl am Donnerstag nicht zu „zersplittern“ und so der rechtspopulistischen Reform UK den Weg ins Parlament zu ebnen – jener Partei am rechten Rand unter dem Brexit-Treiber Nigel Farage, die im Fall eines Siegs bei der nächsten regulären Parlamentswahl, die spätestens im Sommer 2029 stattfinden muss, ein Vorgehen nach dem Vorbild der US-Einwanderungsbehörde ICE angekündigt hat.

Einst komfortabler Vorsprung ist dahin

Dass Starmer persönlich erschien, unterstreicht, wie ernst Labour die Lage nimmt. In dem einst sicheren Wahlkreis ist der Ausgang der Nachwahl offen: In Umfragen lagen zuletzt die Grünen knapp vorn, dicht gefolgt von Reform UK, während Labour wenig dahinter rangierte.

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Bei der Parlamentswahl 2024 hatten die Sozialdemokraten mit einem komfortablen Vorsprung gewonnen. Ein dritter Platz könnte die ohnehin unter Druck stehende Position Starmers nach schwierigen Wochen noch weiter schwächen.

Ben Walker, Gründer der Analyseplattform „Britain Elects“, beschreibt eine Stimmung, in der viele Wähler kaum Unterschiede zwischen Labour und den Konservativen erkennen. „Viele, die grundlegenden Wandel erwartet haben, spüren ihn nicht“, sagt der Experte und Journalist. Stattdessen dominiere das Gefühl, dass es im Grunde weitergehe wie bisher. Zudem nahmen Teile der Community in dem Wahlkreis mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil den Kurs Starmers im Gazakrieg als nicht hinreichend kritisch gegenüber der israelischen Regierung wahr.

Kann sich Hoffnungen auf Stimmzuwächse für ihre Partei machen: Grünen-Kandidatin Hannah Spencer.

Zack Polanski, Vorsitzender der Grünen, sieht darin eine historische Chance. Labour habe in Wahlkreisen wie Gorton and Denton jahrelang Stimmen als selbstverständlich betrachtet – und sei nun „irrelevant“ geworden. Die Grünen wollen sich ihrerseits mit sozialen Reformversprechen und der Forderung nach einer stärkeren Rolle des Staates als linke Alternative in städtischen Zentren etablieren.

Grüne und Rechtskonservative haben Chancen

Ihre Kandidatin ist Hannah Spencer, die als Klempnerin arbeitete, bevor sie in die Politik ging. Für Reform UK tritt der Politikwissenschaftler und Moderator des rechtskonservativen Fernsehsenders GB News, Matthew Goodwin, an. Der 44-Jährige hat sich als scharfer Kritiker von Migration und Multikulturalismus profiliert, er gilt als prominente Stimme des rechten Lagers.

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Damit wird die Nachwahl zum Testfall für die künftige Kräfteordnung im Land. Ein Sieg der Grünen in Gorton and Denton hätte Signalwirkung. Er würde zeigen, dass eine Stimme für die Partei im britischen Mehrheitswahlrecht kein verlorenes Votum mehr ist, sagt Walker.

Ein solcher Erfolg könnte sich auch landesweit auswirken: Labour könnte in Umfragen von derzeit rund 19 Prozent auf etwa 15 Prozent zurückfallen, während die Grünen von 14 oder 15 Prozent auf 18 oder 19 Prozent zulegen würden. Labour droht damit womöglich das Abrutschen auf Platz drei oder vier – mithin ein tiefgreifender Einschnitt für das linke Lager.

Vom Zwei- zum Mehrparteiensystem?

Die Folge wäre ein stark fragmentiertes Parteiensystem, in dem Sozialdemokraten, Konservative, Reform UK, Grüne und Liberaldemokraten um Einfluss konkurrieren, ohne dass eine Kraft klar dominiert. Regierungen könnten dann kaum noch allein gestellt werden, sondern müssten als Minderheitsregierungen oder in Koalitionen entstehen. In einem solchen Szenario geriete ein System, das strukturell zwei große Parteien begünstigt, an seine Grenzen.