Ein voller Raum, gespannte Erwartung, viele Fragen: Das sehr gut gefüllte Foyer im Medienzentrum der Augsburger Allgemeinen war am Mittwochabend Resonanzraum für eine Frage, die viele aktuelle umtreibt: Wie kommt Deutschland wieder in Bewegung? Beim Format AZ Live war Ex-Bundespräsident Christian Wulff zu Gast. Unter dem Motto „Reden wir über Deutschland – wie wir unser Land wieder nach vorn bringen“ stellte er sich den Fragen von Chefredakteur Peter Müller und Chefredakteurin Andrea Kümpfbeck.
Mit Wulff saß ein Gast auf der Bühne, der deutsche Politik langjähriger Spitzenakteure kennt – als niedersächsischer Ministerpräsident und als Bundespräsident. Zwar trat er nach zwei Jahren im Amt wegen Vorwürfen der Vorteilsannahme zurück, 2014 wurde er jedoch freigesprochen und ist bis heute das jüngste Staatsoberhaupt Deutschlands. Mittlerweile arbeitet er wieder als Rechtsanwalt. Zudem steht er als Vorsitzender der Deutschlandstiftung Integration, des Deutschen Chorverbandes und als Repräsentant Deutschlands bei Auslandsterminen weiterhin in der Öffentlichkeit.
Christian Wulff plädiert für Optimismus: „Die Zukunft hängt von uns ab“
Das Publikum erlebte an diesem Abend in intimer Atmosphäre einen Gast, der über Herausforderungen und Krisen sprach, aber auch Zuversicht und Zukunftsperspektiven teilte. Mit humorvollen Aussagen über seine eigene Gesangsfähigkeit, Toilettenpapier-Kaufgewohnheiten und die Anzahl der Hochzeiten entlockte er dem Publikum immer wieder Lacher.
Auf die Frage, was ihn trotz schwachen Wirtschaftswachstums, des Krieges in der Ukraine und eines Donald Trump, der Europa zunehmend als unberechenbarer Gegner gegenübersteht, noch optimistisch stimme, startete Wulff positiv in den Abend: Bei den wichtigsten Faktoren sei das Leben in unserer Zeit immer besser geworden. In Deutschland herrsche seit 80 Jahren Frieden. „Die Zukunft wird toll, wenn sich Leute dafür einsetzen“, sagte der Ex-Bundespräsident. Gleichzeitig warnte er vor Zukunftspessimismus und gab zu bedenken: „Wenn wir nicht an unser Land glauben, dann können wir einpacken.“
Christian Wulff findet klare Worte zur AfD und übt sich in Zurückhaltung bei Merz
Angesprochen auf die aktuelle Regierung und Kanzler Friedrich Merz gab sich der Ex-Bundespräsident betont zurückhaltend: „Wer bin ich, dass ich Noten vergebe?“ Er wolle sich nicht wie ehemalige Trainer des FC Augsburg zur aktuellen, laufenden Lage äußern, sagte er mit einem Augenzwinkern. Beim Augsburger Publikum kamen solche lässig-regionalen Kommentare gut an.

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AZ-Live mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Es moderierten Chefredakteurin Andrea Kümpfbeck und Chefredakteur Peter Müller (links).
Foto: Bernhard Weizenegger
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AZ-Live mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Es moderierten Chefredakteurin Andrea Kümpfbeck und Chefredakteur Peter Müller (links).
Foto: Bernhard Weizenegger
Befragt zur AfD und der Brandmauer hingegen fand er klare Worte: „Durch das Aufgreifen von AfD-Themen macht man sie stärker.“ Die Parteien der politischen Mitte müssten sich argumentativ klar gegen die AfD positionieren.
Den einstigen Fall vom höchsten Amt des Landes ins politische Abseits hat Wulff offenbar gut verkraftet: „Krisen braucht man natürlich nicht – aber wichtig ist, dass man sie gut verarbeitet.“ Er sei über die Jahre optimistisch geblieben, blicke nach vorn und freue sich, wenn er noch weitere 30 Jahre demokratisch aktiv sein dürfe. Besonders gefalle es ihm, mit jungen Menschen zu arbeiten. „Wenn ich in Schulen gehe, haben wir 80 Jahre etwas davon – wenn ich mit Meinesgleichen rede, nur noch 20 Jahre.“ Er betonte zudem, dass die junge Generation stärker in den Diskurs über die Zukunft eingebunden werden müsse. In der aktuellen Debatte über die Nutzung von Social Media unterstütze er Bestrebungen eines Verbots bis 14 oder 16 Jahre.
Migration: Wulff hält an seinem Satz zum Islam in Deutschland fest
Am Ende des Abends streifte das Gespräch das Thema Migration. Fünf Jahre vor Angela Merkels Flüchtlingspolitik prägte Wulff seinerzeit den Diskurs mit dem Satz: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Auch heute hält er den Satz nach wie vor für richtig. Deutschland sei ein weltanschauungsneutrales Land, jeder dürfe frei wählen, was er glaube. „Wenn ich mehrere Millionen Muslime in Deutschland habe, dann muss ich ihnen sagen, dass sie voll dazugehören“, sagte Wulff. Sonst entstünden Subkulturen, und das spiele Extremisten in die Hände. Wulff spricht sich für ein Miteinander der Religionen und Kulturen aus.
Zwischen Applaus und Gelächter fand der Abend seinen Ausklang, wie er begonnen hatte: mit Optimismus und einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Das Amt des Bundestagspräsidenten sei das einzige in Deutschland, das noch keine Frau inne gehabt habe: „Es wäre sehr charmant, wenn es eine Frau ausfüllen könnte“, schloss Wulff. Und es gäbe da „eine ganz nette Bayerin“. Namen wie etwa den einer gewissen Ilse Aigner wollte er aber nicht nennen.
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Anja Volkwein
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