Paris. Ein Wort macht jüngst die Runde in Frankreich: der »Kirk-Effekt«. Französische Medien, aber auch Politikerinnen benutzten es wiederholt, um die in den vergangenen Tagen in Frankreich entstandene Lage zu charakterisieren. Am Abend des 12. Februar hatten Antifaschisten einem Video zufolge bei einer Auseinandersetzung mit einer Gruppe Rechtsextremer in Lyon den 23jährigen Quentin Deranque, am Boden liegend, mit Tritten unter anderem gegen den Kopf traktiert; er starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Der rechte Privatfernsehsender CNews zog daher eine Parallele zwischen Deranques Tod und dem des christlich-nationalistischen Ideologen Charles Kirk, den in den USA am 10. September vorigen Jahres der 22jährige Attentäter Tyler James Robinson auf einer Veranstaltung erschossen hatte, was zu einem rechtsextremen Märtyrerkult um Kirk führte – den der Sender sich wohl nun in Frankreich erhofft.

Hingegen warnte Mathilde Panot, die Frak­tionsvorsitzende der linkspopulistischen Partei La France insoumise (Das unbeugsame Frankreich, LFI) in der Nationalversammlung, am Sonntag im Mittagsinterview beim Nachrichtensender BFM TV vor einem »Kirk-Effekt« im eigenen Land, den es dringend zu verhindern gelte.

Das Strafverfahren, das wegen des Vorwurfs des Totschlags an Quentin Deranque geführt wird, richtet sich auch gegen zwei parlamentarische Mitarbeiter von Raphaël Arnault (La France insoumise).

Seit Deranques Tod in einem Lyoner Krankenhaus öffentlich bekannt geworden war, ging vor allem sein Vorname durch die Medien und wurde für Plakataktionen und Kampagnen herangezogen, so in Form des Mottos »Gerechtigkeit für Quentin«.

An jenem fatalen Donnerstagabend fand in Lyon eine Konferenz von Rima Hassan, einer palästinensisch- und syrischstämmigen Europaparlamentarierin von LFI, an der Elitehochschule École normale supérieure de Lyon statt, die gegen 18 Uhr begann. Vor deren Türen protestierte die rechtsextreme Frauenorganisation Némésis – benannt nach einer Rachegöttin der griechischen Mythologie – dagegen, die eine Facette der kleinteiligen »Identitären Bewegung« in Lyon darstellt.

Sechs oder sieben Frauen von Némésis waren gekommen, um sie herum zehn männliche Ordner, weitere warteten in angrenzenden Straßen. Allerdings waren auch mehrere Dutzend Antifaschisten, darunter solche aus autonomen Gruppen sowie der 2018 in Lyon gegründeten und 2025 aufgelösten Antifa-Gruppierung La Jeune Garde (Die junge Garde) gekommen. Diese waren darauf aus, die im Hintergrund lauernden Rechtsextremen auszumachen und zu attackieren. Zur Auseinandersetzung kam es in rund einem halben Kilometer Entfernung vom Veranstaltungsort. Sowohl die Rechtsex­tremen als auch die Antifaschisten dürften nach einer Schlägerei gesucht haben. In deren Zuge gingen drei Rechtsextreme zu Boden, wurden vom Rest ihrer Gruppe isoliert und, als sie bereits auf der Erde lagen, von Antifa-Aktivisten mit Fußtritten traktiert.

Frauen als Köder

Deranque wurde dann um 19.40 Uhr gut anderthalb Kilometer weiter, am Flussufer der Saône, von Sanitätern und Feuerwehrleuten aufgegriffen und in eine Klinik transportiert. Er hatte sich aus eigener Kraft zu Fuß vom Ort der Auseinandersetzungen entfernt, unterstützt von einem ihn begleitenden Freund. Doch sein Zustand verschlechterte sich schnell, der Begleiter rief ­einen Krankenwagen. Die schweren Kopfverletzungen erwiesen sich als tödlich.

Am Montag publizierte die linke ­Tageszeitung L’Humanité einen auf der Auswertung von Telegram-Kommunikation von Némésis-Mitgliedern vom vorigen Herbst beruhenden Artikel, in dem belegt wird, wie Némésis vorgeht: Gerne schicke man zwei oder drei deutlich auftretende junge Frauen etwa zu einer Flugblattaktion, was jedoch unter Umständen nur dazu diene, Gegenaktionen hervorzurufen, um dann eine Auseinandersetzung mit im Hintergrund lauernden Männern zu provozieren. »Wir dienen dann sozusagen als Köder«, äußert eine der zitierten Frauen explizit.

Deranque gehörte unter anderem der nationalistischen Action française an – heutzutage eine Kleingruppe, die gleichnamige Vorläuferorganisation in der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert war jedoch eine einflussreiche monarchistische und antisemitische Massenorganisation –, ebenso der Gruppierung Academia Christiana, die ­einen Bogen von den Themen rechter Katholiken zu denen der »Identitären Bewegung« spannt. Im Mai 2025 war Deranque Mitgründer der neofaschistischen Gruppe Les Allobroges, zudem beteiligte er sich der neofaschistischen Gruppe Audace Lyon zufolge an deren Box- und Lauftraining, die damit zur »weißen Selbstverteidigung« ertüchtigen möchte.

»Arbeit, ­Familie, Vaterland«

In rechten Medien wird wegen Deranques Tod nun die antifaschistische Szene angeprangert, ebenso von Poli­tikern des bürgerlich-konservativen und wirtschaftsliberalen Lagers. Martine Vassal, die Spitzenkandidatin von Les Républicains (LR) für das Rathaus von Marseille bei den Kommunalwahlen im März, forderte, »Antifa-Organisationen« als »terroristisch« einzustufen wie in Ungarn unter Viktor Orbán oder in den USA unter Donald Trump. Vassal provozierte jüngst bei einer Wahlsendung auf BFM TV mit einer positiven Bezugnahme auf Philippe Pétains – Nazi-Kollaborateur und Staatschef von Vichy-Frankreich – Slogan »Arbeit, ­Familie, Vaterland«.

Im Mittelpunkt der Anwürfe steht vor allem La Jeune Garde, da mehrere der an der körperlichen Auseinandersetzung Beteiligten bei dieser Gruppe organisiert waren. Sie wurde im Juni 2025 durch einen Regierungsbeschluss verboten, doch ist ein Einspruch gegen die Auflösungsverfügung derzeit vor dem Conseil d‘État anhängig, dem höchsten Verwaltungsgericht Frankreichs.

Der Gründer der Jeune Garde, Raphaël Arnault, ist seit Juli 2024 LFI-Abgeordneter in der Nationalversammlung für Avignon, weshalb auch die linkspopulistische Partei und ihr Führungspersonal in der öffentlichen Debatte nun verschiedentlich als »Mittäter«, ja »Mordkomplizen« beschuldigt wurden. Das Strafverfahren, das wegen des Vorwurfs des Totschlags an Deranque geführt wird, richtet sich auch gegen zwei der parlamentarischen Mitarbeiter Arnaults; einer von ihnen sitzt deshalb zusammen mit sechs anderen Personen in Untersuchungshaft.

Angriff auf einen 15jährigen Juden

Zudem wird gegen einen der beiden sowie acht weitere mutmaßliche Mitglieder von La Jeune Garde wegen des Angriffs auf einen jüdischen 15jährigen am Rande einer Konferenz von Rima Hassan in Paris im Mai 2024 ermittelt; der Staatsanwaltschaft zu­folge schlugen sie ihn und zwangen ihn, »Es lebe Palästina« zu rufen.

In ihrer Symbolik bezieht sich La Jeune Garde nicht wie manche anderen Antifagruppen auf die Ästhetik des stalinistisch geprägten Rotfrontkämpferbunds am Ausgang der Weimarer Republik, sondern auf die »Eiserne Front« im Umfeld der damaligen SPD, deren Symbol – drei Pfeile, die »Reaktion, Nazismus und Stalinismus« ­treffen sollen – im weiteren Verlauf der dreißiger Jahre auch die französische sozialdemokratische Partei SFIO aufgegriffen hatte und das nun La Jeune Garde benutzt.

Mittlerweile zieht die Affäre auch international Kreise. Die rechtsextreme Regierung Italiens unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kritisierte die französische Regierung für ihre vermeintliche Passivität gegen »linke Gewalt«, ähnlich äußerte sich die ­US-­Regierung unter Präsident Donald Trump. Deren Botschafter in Paris, Charles Kushner, wurde deswegen am Montagabend ins französische Außenministerium einbestellt, erschien dort jedoch nicht. Ihm soll nun der direkte Zugang zur Regierung verwehrt ­werden.

Der Rassemblement national (RN) distanzierte sich, wohl aus Imagegründen – der Vorsitzende Jordan Bardella verbot allen Parteifunktionären vorsichtshalber die Teilnahme an der Demonstration. 

Am Samstag demonstrierten nach Angaben der Polizei 3.200, den Veranstaltern zufolge 3.500 Aktivisten und Sympathisanten der außerparlamentarischen Rechtsextremen in Lyon »im Andenken an Quentin«. Dessen Familie distanzierte sich von dieser »politischen Vereinnahmung«. Größere Zwischenfälle wurden vermieden, auch durch eine starke Polizeipräsenz, doch leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren wegen Hitler-Grüßen und rassistischen Beleidigungen gegen Anwohner ein.

Der Rassemblement national (RN) distanzierte sich, wohl aus Imagegründen – der Vorsitzende Jordan Bardella verbot allen Parteifunktionären vorsichtshalber die Teilnahme an der Demonstration. Hingegen nahm ein Senator, also Oberhausabgeordneter, der konservativen Partei LR, Étienne Blanc, an dem Aufmarsch teil.

Schweigeminute in der Nationalversammlung

In der französischen Nationalversammlung wurde am Dienstag vergangener Woche eine Schweigeminute für Deranque abgehalten. Dies kritisierten linke Politiker heftig; im vorigen Jahr hatte das Parlamentspräsidium eine ähnliche Geste für den aus rassistischen Motiven erschossenen Tunesier Hichem Miraoui abgelehnt, weil man nicht »eines individuellen Falls« gedenke. An der Fassade des von LR geführten Regionalparlaments von Lyon wurde am Samstag, dem Tag der Demonstration, ein Riesenporträt von Deranque aufgehängt.

In der Vergangenheit gab es, wenn es darauf ankam, von den anderen Parteien eine Abwehrfront gegen den rechtsextremen Front national, später Rassemblement national. Nun forderte der LR-Vorsitzende und frühere Innenminister Bruno Retailleau dazu auf, eine vergleichbare Front gegen LFI zu bilden.