Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan eskaliert. Nach neuen gegenseitigen Luftangriffen hat Pakistan der herrschenden Taliban-Regierung in Afghanistan den „offenen Krieg“
erklärt. „Unsere Geduld ist am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg
zwischen uns und euch“, schrieb der pakistanische Verteidigungsminister
Khawaja Asif am Freitag im Onlinedienst X.

In der Nacht griff Pakistans Militär die afghanische Hauptstadt Kabul sowie die Provinzen Kandahar und Paktia an. In Kabul waren Explosionen und Sirenen zu hören. Sicherheitskreisen in Pakistan zufolge handelte es sich um ​Luft-
und Bodenangriffe gegen Posten, Hauptquartiere ⁠und
Munitionsdepots der Taliban entlang der ​Grenze. Beide Seiten
meldeten zahlreiche Tote. Die Zahlen ⁠gehen
jedoch stark auseinander ​und konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Pakistans Militär greift Kabul an

Bereits Stunden zuvor war es zu heftigen Auseinandersetzungen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze gekommen. Afghanische Truppen hätten in der Nacht „breit angelegte“ Luftangriffe auf Militäreinrichtungen in Pakistan
geflogen, teilte ein Sprecher der radikalislamischen Taliban-Regierung in Afghanistan mit. Pakistan reagierte mit Vergeltungsschlägen.

Pakistans Präsident Asif Ali Zardari schrieb in der Nacht auf X, die
Reaktion der pakistanischen Streitkräfte sei umfassend und entschlossen.
Sein Land werde keine Zugeständnisse in Bezug auf Frieden und
territoriale Integrität machen. Der
pakistanische Innenminister Mohsin Naqvi sprach von einer „angemessenen Reaktion“ auf die „offene Aggression“ der Taliban.

Reporter der Nachrichtenagentur AFP in Kabul meldeten laute Explosionen
und Schussgeräusche über einen Zeitraum von mehr als zwei Stunden. Im
südafghanischen Kandahar, wo der Taliban-Anführer Hibatullah Achundsada
seinen Sitz hat, waren demnach Flugzeuggeräusche zu hören.

UN-Generalsekretär ist besorgt

Der Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed hatte Pakistan zuvor vor einer Eskalation gewarnt. Sollte Pakistan Kabul oder andere Großstädte ​angreifen, werde Afghanistan im Gegenzug pakistanische
„Schlüsselzentren und wichtige Städte ins Visier nehmen“. Die ⁠Taliban ​strebten keine Ausweitung der Kämpfe an, würden ‌aber zurückschlagen.

© Lea Dohle

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Beide Seiten meldeten zuletzt, gegnerische Posten zerstört oder eingenommen zu
haben. Nach Angaben des pakistanischen Informationsministers, Attaullah
Tarar, starben 133 afghanische Talibankämpfer bei pakistanischen
Angriffen. Taliban-Sprecher Mudschahed sprach dagegen von 55 getöteten pakistanischen Soldaten und acht getöteten Taliban. Zudem seien 13 Zivilisten verletzt worden. Die Angaben ließen sich
zunächst nicht unabhängig überprüfen.

UN-Generalsekretär
António Guterres forderte beide Länder zur Deeskalation auf. Die Parteien sollten versuchen,
alle Differenzen auf diplomatischem Weg beizulegen, sagte Guterres nach Angaben
seines Sprechers. Sie müssten ihren Verpflichtungen nach dem
Völkerrecht nachkommen und den Schutz der Zivilbevölkerung gewährleisten. Guterres verfolge die Berichte über die grenzüberschreitenden Zusammenstöße mit
Besorgnis.

Vergeltung für mehrere Selbstmordanschläge

Die Beziehungen
zwischen den beiden ⁠Nachbarländern sind seit Langem ​angespannt. Sie haben sich verschärft, seitdem die Taliban im August 2021 wieder die Herrschaft über Afghanistan übernommen haben.

Die jüngsten Gefechte entstanden nach einem Bombenanschlag auf eine schiitische
Moschee in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad
vor zwei Wochen, zu dem sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannt hatte. Der Anschlag folgte auf eine ‌Reihe von
Selbstmordanschlägen von Islamisten
, für die Pakistan die
Taliban verantwortlich macht.

Pakistan wirft
den in Afghanistan herrschenden Taliban vor, Extremisten zu beherbergen. Die Taliban-Führung in Kabul weist dies zurück. Trotzdem hatte Pakistan am Sonntag Ziele mutmaßlicher Extremisten an der Grenze zu
Afghanistan angegriffen
– nach eigenen Worten aus Vergeltung für die Terroranschläge in seinem Land.

Insbesondere die Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan
(TTP), weithin als pakistanische Taliban bekannt, und ein regionaler IS-Ableger verüben in Pakistan seit Jahren
immer mehr Anschläge. Nach Angaben des Pakistan Institute for Peace
Studies ist die Zahl der Terroranschläge in Pakistan im Jahr 2025 auf fast
700 gestiegen.

Auch die Vereinten Nationen schreiben in einem
jüngst veröffentlichten Bericht, dass die Regierung in Kabul
verschiedenen Terrorgruppen im Land ein günstiges Umfeld biete und die Pakistanischen Taliban unterstütze. Die regierenden Taliban bestreiten
das.

Pakistan und Afghanistan teilen sich eine umstrittene Grenze

Die Nachbarländer teilen sich eine rund 2.400
Kilometer lange Grenze, die 1893 zwischen dem damaligen Britisch-Indien
und dem Emirat Afghanistan entstand. Der Verlauf der als Durand-Linie bekannten faktischen Grenze ist zwischen den Ländern umstritten.

Im vergangenen
Oktober war es im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan bereits zu
einwöchigen Kämpfen mit mehr als 70 Toten und Hunderten von Verletzten gekommen.
Zwar verständigten sich beide Länder unter Vermittlung Katars und der Türkei auf
eine Waffenruhe, konnten sich aber in mehreren folgenden Verhandlungsrunden
nicht auf eine dauerhafte Vereinbarung einigen.

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