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Erstmals erklang in Göttingen der Muezzin-Ruf – beim Fastenbrechen im Ramadan. Die Oberbürgermeisterin erklärt, was dahintersteckt.
Göttingen – Seit dem Start des Ramadans am 19. Februar fasten Muslime weltweit – in Göttingen erklang nun erstmals in der Geschichte der Stadt der Muezzin-Ruf beim gemeinsamen Fastenbrechen der Abrahamsreligionen in der örtlichen DITIB-Moschee. Das interreligiöse Ereignis brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, verschiedenen Glaubensgemeinschaften sowie weiteren stadtgesellschaftlichen Institutionen zusammen.
In dieser Woche erlebte Göttingen eine historische Premiere: Zum ersten Mal überhaupt ertönte in der Stadt der Muezzin-Ruf. © Luftbild/Archiv: Michael Mehle/nh
Auch Oberbürgermeisterin Petra Broistedt war zugegen und richtete ein Grußwort an die Anwesenden – sichtlich bewegt von dem, was sich anschließend ereignete. Bei der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA äußerte sie: „Das war ein bewegender Augenblick und für Göttingen ein besonderer Moment.“
Stadt Göttingen will mit Muezzin-Ruf Zeichen setzen – „hohes Gut unserer Verfassung“
Bereits am Montag hatte sie in einem Pressegespräch die rechtliche Einordnung vorgenommen: „Die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut unserer Verfassung. Sie gilt für alle Glaubensgemeinschaften gleichermaßen.“ Die Stadt stehe klar zu Artikel 4 des Grundgesetzes, der nicht allein die innere Überzeugung schütze, sondern ebenso die sicht- und hörbare Religionsausübung.
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Für Broistedt gilt dabei ein klares Prinzip: Alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften seien nach denselben rechtlichen Maßstäben zu behandeln – ob Kirchenglocken oder Muezzin-Ruf. „Das ist kein politisches Symbol, sondern gelebter Rechtsstaat. Gerade in polarisierten Zeiten setzen wir bewusst auf Dialog, Respekt und den Schutz unserer gemeinsamen Freiheit“, so die Oberbürgermeisterin. Kritische Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien bei der Stadt bislang nur in nicht nennenswertem Umfang eingetroffen, heißt es.
Was ist der Muezzin-Ruf?
Der Muezzin-Ruf heißt auf Arabisch Adhān. Das ist der islamische Gebetsruf, mit dem Muslime zum täglichen Gebet eingeladen werden. Ein Muezzin (Gebetsrufer) trägt den Ruf traditionell von einem Minarett aus vor — heute oft über Lautsprecher einer Moschee. Der Adhān erinnert Gläubige daran, dass es Zeit für eines der fünf täglichen Pflichtgebete ist.
Die Reaktionen auf den erstmaligen Muezzin-Ruf in Göttingen fallen gemischt aus. Scharfe Kritik kommt von der Jungen Union und der AfD. Demgegenüber betonen Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche die Bedeutung eines geregelten, pluralen Miteinanders im öffentlichen Raum. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Jaqueline Jürgenliemk, plädiert für interreligiösen Dialog als Mittel gegen Vorurteile und Hass. Die Ditib-Gemeinde selbst unterstreicht, dass der Muezzin-Ruf eine liturgische Einladung und keine politische Botschaft sei – und kündigt in den kommenden Wochen mehrere offene Gesprächsformate an. Quellen: Stadt Göttingen, eigene Recherche (bk)