Stuttgart. Wer am letzten Februarsamstag über den Stuttgarter Schlossplatz geht, hat die Qual der Wahl. Am südlichen Ende, kurz vor der Buchhandlung, dem „Wittwer“, der jetzt Thalia heißt, demonstrieren Verdi und IG Metall. Die Gewerkschafter haben einen Musik-Truck dabei und beschallen den gesamten Platz. Irgendwann beschließen sie, in Richtung Charlottenplatz zu ziehen. Das ist die liberale Chance.

Denn wer es noch nicht wusste, erfährt es am nördlichen Ende des Schlossplatzes. Dort findet an diesem Samstag die zentrale Kundgebung des bundesweiten Aktionstags der FDP statt. Gut 100 Menschen sind gegenüber vom Gloria-Kino zusammengekommen, viele von ihnen tragen einen gelben Schal. Je näher man der Bühne kommt, desto hörbarer wird: Die FDP gibt es noch.

Kurzzeitig ist nicht klar, wer akustisch die Oberhand behält

Dieser labile Zustand gerät erneut in Gefahr, als der gewerkschaftliche Demonstrationszug auf seinem Weg zum Landtag zwischen Kino und FDP-Bühne vorbeizieht. Kurzzeitig ist nicht klar, wer akustisch die Oberhand behält. Doch Hans-Ulrich Rülke hält das Versprechen, das er eine halbe Stunde zuvor dem Reporter gegeben hat. Der baden-württembergische Spitzenkandidat spricht so laut, dass er zumindest in den ersten beiden Reihen die Gewerkschaftsraver übertönt.

Trotzdem sind die Schwierigkeiten des liberalen Wahlkampfs nicht zu überhören. Wen interessiert schon die FDP, wenn anderswo auf der Welt der nächste Krieg aufzieht und im Südwesten alles nur noch von einem Herzschlagfinale zwischen Hagel und Özdemir spricht? Rülke wiederholt, was er in den vergangenen Wochen und Monaten schon x-mal gesagt hat: dass er die Bürokratie abbauen will, dass die Realschule überleben muss und dass man Özdemirs Versprechungen nicht trauen könne.

„Und jetzt schaut euch mal die Umfragen von der SPD an!“

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr ruft den Industriearbeitern zu, dass die FDP auch für ihre Arbeitsplätze kämpfe und nicht nur für ihre Chefs. Und tatsächlich halten einige der Gewerkschafter kurz bei den Liberalen an. Rülke nutzt die Gelegenheit, den Genossen von der IG Metall „herzliche Grüße“ auszurichten. Die hätten ihn nämlich mit der Begründung, der FDP werde keine Rolle spielen, von einer Podiumsdiskussion ausgeladen. „Und jetzt schaut euch mal die Umfragen von der SPD an!“ Bald haben die Gewerkschafter genug und gehen ihres Weges.