Benutzt man in Scherstetten besonders häufig Schneidewerkzeuge? Was hat der König mit Königsbrunn zu tun? Und wie tief sind die Gräben in Graben wirklich? Dr. Hans-Peter Eckart hat seine Doktorarbeit über Ortsnamen im Altlandkreis Augsburg geschrieben. In unserer Serie erklärt er, wie die Orte zu ihrem Namen gekommen sind. Heute wirft er einen Blick auf die im Vorspann seit Wochen erwähnten Scherstetten und Königsbrunn.

Siedlungen mit der Endung -stetten gelten als relativ alt: Man geht davon aus, dass sie in der Zeit vom 6. bis zum 9. Jahrhundert gegründet wurden. Sie lagen auf waldfreiem und fruchtbarem Boden. Scherstetten liegt aber in den Stauden und damit auf weniger gutem Siedlungsland. Auch gibt es keine archäologischen Funde, die auf eine frühmittelalterliche Siedlung hinweisen. Die zeitliche Besiedlung von Scherstetten liegt also im Dunkeln.

Scherstetten an der Klippe?

Bringt die urkundliche Erstnennung im Jahr 1252 mit „Schersteten“ Klarheit? Eindeutig ist der zweite Teil des Ortsnamens auf das althochdeutsche „stat“ zurückzuführen. Man deutet es als „bei den Wohnstätten“. Was ist aber mit dem ersten Teil? Häufig findet sich bei den -stetten-Orten im ersten Teil ein Personenname, wie etwa bei Bonstetten: Der Erstbeleg von 1063 „Bonesteten“ lässt die Deutung „bei den Wohnstätten des Bono“ zu. Für Scherstetten ist aber kein alt- oder mittelhochdeutscher Personenname nachweisbar. In solchen Fällen greifen Sprachwissenschaftler zu einem Trick: Sie rekonstruieren einen Personennamen. Den überlegen sie sich unter Berücksichtigung von Grammatik, Wortschatz und Lautwandel. Im vorliegenden Fall werden „Skaro, Skeri, Scarius“ als Möglichkeit angeführt.

Denkbar ist aber auch ein Bezug zum Althochdeutschen „scario“ in der Bedeutung „Verwalter, Hauptmann“. In diesem Fall wäre der Ortsname zu deuten als „bei den Wohnstätten des Verwalters oder Hauptmanns.“ Wer das gewesen sein soll, ist leider ebenfalls reine Spekulation. Nicht auszuschließen ist die Herleitung vom Mittelhochdeutschen „schëre“ in der Bedeutung „Felszacke, Klippe“. Weil Scherstetten am Westhang des Schmuttertals liegt und sich oberhalb davon eine bewaldete Hochebene befindet, kann man den Ortsnamen als „bei den Wohnstätten an der Klippe/am Abhang“ deuten.

Königsbrunn: Für manche eine Kolonie auf dem Bobinger Lechfeld

Königsbrunn ist im Vergleich hierzu ein offenes Buch: So gibt es archäologisch zahlreiche Funde, die auf eine Besiedlung ab etwa 2300 vor Christus hinweisen. Auch eine römische villa rustica wurde in den 1970er Jahren ausgegraben. Im Mittelalter war der Ort aber offensichtlich nicht besiedelt. Erst 1828 bis 1832 sind erste Siedler belegt. Nachdem Rentamtmann Geiger von Schwabmünchen 1831 und der Schreiner Josef Wiedmann aus Diedorf 1835 Grundstücke erworben hatten, explodierte die Siedlung förmlich: 1837 hatte „Koenigsbrunn“ noch vier Wohnhäuser, 1840 bereits 60. Und 1842 lebten bereits 403 Einwohner in 76 Häusern. Königsbrunn wurde zur Gemeinde erhoben und wuchs weiter. Auf fast 28.000 Einwohner bis Ende 2024.

Die Erklärung des Ortsnamens formulierte der erste Kaplan des Ortes, Josef Wagner, 1851 so: „Die Kolonie Königsbrunn führt ihren Namen von einem Brunnen, der auf Befehl seiner Majestät des Königs Ludwigs wenige Jahre vor Gründung der Kolonie auf dem Lechfelde … gegraben wurde.“ Nicht alle waren vom königlichen Ortsnamen und dem raschen Anwachsen der Siedlung begeistert. Vor allem in den umliegenden Dörfern Bobingen und Oberottmarshausen gab es die Tendenz, die Eigenständigkeit der Siedler zu unterdrücken. Bezeichnungen wie „Kolonie“ oder „Neubobingen“ belegen dies. Höhepunkt der Geringschätzung ist die Nennung des Ortes 1841 als „Kolonie auf dem Bobinger Lechfeld“ mit dem entscheidenden Zusatz „fälschlich Königsbrunn“.

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