Es war eine Show, die in ihrer optischen Opulenz und leider auch in ihrer Langatmigkeit fast das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) vorwegnahm. Dabei wollte der erstmals federführende Südwestrundfunk für den deutschen Vorentscheid des Musikwettbewerbs wohl nur auffahren, was möglich ist. So durften 1400 Zuschauer im Fernsehstudio in Berlin-Adlershof am Samstagabend live mitverfolgen, wie zunächst eine Jury und später das Publikum nach insgesamt drei Stunden die Kölnerin Sarah Engels zur Gewinnerin kürte. Ihr tanzbarer Europop-Song „Fire“ ist musikalisch so etwas wie der größte gemeinsame Nenner aus hunderten ESC-Stücken – und nun der deutsche Beitrag für das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Wien am 16. Mai.
Immerhin reist mit der 33-jährigen eine erfahrene Entertainerin nach Österreich. Engels belegte unter anderem 2011 den zweiten Platz bei der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, trat als Duo mit ihrem Ex-Mann Pietro Lombardi auf und hat eine Hauptrolle im derzeit noch in Köln ansässigen Musical „Moulin Rouge“. Zudem war sie Gast in diversen Reality-TV-Formaten. Die Sängerin ist präsent auf der Bühne, besitzt eine sympathische Ausstrahlung – ob das allerdings reicht, um im europäischen Vergleich einen vorderen Platz zu erlangen, ist eher fraglich. So bietet ihr Song zwar einen eingängigen Refrain, wirkt aber insgesamt zu glatt und flach, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Zumal an vergleichbaren Tanzpop-Nummern beim ESC meist kein Mangel besteht.
Ein anderer Kandidat bringt den Glamour
Dabei war mit dem non-binären Musiker Wavvyboi aus Liechtenstein durchaus ein Künstler im Rennen, der mit einem ungewöhnlichen Stilmix und einem glamourösen Auftritt punkten konnte. Auch der 27-Jährige hatte es beim Vorentscheid mit seinem wilden Mix aus Glamrock, Punk und Emo-Pop als einer von drei Interpreten ins sogenannte „Superfinale“ geschafft, unterlag aber am Ende knapp Sarah Engels. Auf sie entfielen 38,30 Prozent der Zuschauerstimmen, auf Wavvyboi 34,15 Prozent. Für den Liechtensteiner hätte allerdings gesprochen, dass sein Song „Black Glitter“ nicht nur musikalisch ausgefeilter und bemerkenswerter ist, sondern er sich auch so eigensinnig zu inszenieren weiß, dass sein Auftritt nachhallt. Um den ESC zu gewinnen, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, braucht es aber genau das – eine Prise Extraordinäres, Brillantes, vielleicht auch leicht Bizarres.
Bei dem Vorentscheid wurde aber vor allem darauf geachtet, alles möglichst geordnet und überraschungsfrei abzuwickeln. Daher moderierte die ESC-geschulte Barbara Schöneberger, unterstützt von Comedienne Hazel Brugger sowie Kommentator Thorsten Schorn. Nach einem leicht verkrampften Auftakt sorgte vor allem Brugger immer mal wieder mit ihrer Neigung zu anarchischem Humor für komische Momente, etwa bei Interviews mit den Künstlern im „Green Room“ („Wärst du jetzt lieber Tierärztin?“) oder im Schlagabtausch mit Schöneberger („Man hört dich immer so knarzen in deinem Kleid.“). Über weite Strecken aber blieb die Show zu betulich, schleppte sich mit mäßig lustigen Einspielfilmchen und substanzlosen Gesprächen dahin.
So wurden neben Paola Felix und Michael Schulte, beide standen schon im ESC-Finale, auch Carolin Kebekus und „Bergdoktor“ Hans Sigl über ihre Verbindung zum Wettbewerb befragt. Warum, erschloss sich nicht. Immerhin erzählte die 75-jährige Felix charmant und beseelt von ihren Auftritten, auch die filmischen Zusammenschnitte der schrägsten und schönsten Momente gerieten recht kurzweilig. Was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass damit eine inhaltlich dünne Show abendfüllend aufgepumpt werden sollte. Nach den Entscheidungen der internationalen Jury, die aus den insgesamt neun Acts drei für das Superfinale auswählte, hätte man sich zudem noch ein paar Aussagen darüber gewünscht, woran die Ausgeschiedenen gescheitert waren. Neben Engels und Wavvyboi schaffte es noch Molly Sue mit der Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“ ins Superfinale. Dort setzte sich dann wenig überraschend die Künstlerin mit dem größten Bekanntheitsgrad durch.
Einige der Musiker hatten ohnehin kaum Erfahrung, Bela stand zum ersten Mal auf einer Bühne. Für sie alle war es extrem schwierig, gegen die routinierteren Acts zu bestehen, die zudem allesamt erst zum Schluss auftraten. So wirkte die Show auch ein wenig zugeschnitten auf die erfahreneren Kandidaten. „Euer Schicksal wird jetzt besiegelt“, orakelte Brugger am Ende gegenüber den drei Finalisten, bevor die Siegerin verkündet wurde. Was etwas befremdlich klang angesichts des laufenden Angriffs auf den Iran, der per Laufband im Fernsehbild auch die Live-Show erreichte und deren Bedeutung zurechtrückte. Andererseits wollte die Welt des ESC schon immer ein eskapistischer Gegenentwurf sein, ein Ideal verkörpern. Engels freute sich dementsprechend riesig und erklärte später, dass dies die größte Chance ihrer Karriere sei und sie keine Angst habe, beim ESC zu scheitern. Warum auch? Sie wäre damit ja mittlerweile in guter Gesellschaft.