Wie klingt das Brechtfestival 2026? Nach knallbunter Popkultur von 20 Uhr bis weit nach Mitternacht. Samstag feierte das Fest wieder eine lange Brechtnacht, mit Konzerten auf vier verschiedenen Bühnen. Klänge und Momente:

Sophia Kennedy eröffnet die Brechtnacht im Martinipark

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Wird das hier etwa ein … Sitzplatzkonzert? Martinipark, Staatstheater, strenges Parkett? Davon will die Frau auf der Bühne nichts hören. Sophia Kennedy schmeißt sich in ihre Songs, in Hemd und Krawatte. Und roten Fußballshorts. Sie wackelt mit den Knien und rudert mit dem Mikro am Kabel, sie beugt sich zum Publikum in den Stühlen: „Ihr könnt alle hier nach vorne, ich hab euch lieber noch näher. Kommt doch her!“ Plötzlich Rudelbildung vor der Bühne, stehende, tanzende Menge. Sophia Kennedys Musik löst ein Echo von Gefühlen aus. Geboren ist sie in Baltimore, USA, aber aufgewachsen in Deutschland. Auf Englisch singt sie von der fiesen Zeit, als sie 17 war: „Ich hatte Angst vor allem. Ich presste meine Stimme in die Höhe und schrie.“ Heute strotzt ihr Stimme vor Lust und Theater: Wenn sie ihre Elektro-Poprock-Gedichte raunt, klingt das eben noch lieblich, dann knorzig und so viel älter als ihr Alter. Kennedy füllt diesen Sound mit Plot, sie hat etwas zu erzählen über Sehnsüchte und Ironien des Lebens. Von ihr würde man gerne mal einen Song aus Brechts „Dreigroschenoper“ hören. Oder wie eine Zuhörerin in Reihe drei, Lederjacke und Leoprintleggings, sagt: „Eine Ausstrahlung hat die Frau! Wahnsinn! Diese Spannung, wenn sie singt!“

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Spannung – steht dem Publikum im Martinipark-Foyer ins Gesicht geschrieben. Erst mit großen, fragenden Augen, bald mit großem Lächeln. Wippende Füße, Jubel-Rufe: Silvano Kreuz greift zum Mikro und grüßt die Zuschauer, als sei er der King: „Thank you very much“, murmelt er wie Elvis seinerzeit. Elvis trägt er als Tattoo-Motiv auf dem Arm, im Herzen und in seiner Stimme. Wobei, eine Spur von Tom Waits knistert auch mit, wenn Kraus singt, diese kratzbürstige Tiefe. Und „Buongiorno“ sagt er immer wieder, wie ein Cantautore. Englisch, Italienisch, Elvis-Zitate, aus solchen Elementen mixt Silvano Kreuz seinen Swing. Seine Heimat bleibt aber der Jazz der Sinti, der Kultur, aus der er stammt. Zwei Männer begleiten ihn in seiner Band „O‘chavo Pretzlie“, spielen Bassklarinette, Sax und einen Bass, der den Blues zupft. „Wenn das nicht außergewöhnlich ist, was dann?“, sagt ein Zuhörer. „Gute Stimme, der trifft den Beat!“ Inklusion ist das Thema des Festivals 2026, und so kann sie klingen.

O‘Chavo Pretzlie auf der kleinen Bühne m Martinipark-Foyer.

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O‘Chavo Pretzlie auf der kleinen Bühne m Martinipark-Foyer.
Foto: Peter Fastl

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O‘Chavo Pretzlie auf der kleinen Bühne m Martinipark-Foyer.
Foto: Peter Fastl

„8 Eimer Hühnerherzen“ tritt im Augsburger Provino auf

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Die Kreuzberger mit dem formidablen Namen „8 Eimer Hühnerherzen“ wundern sich, 580 Kilometer zum Brechtfestival fahren zu müssen, ist Bertolt doch nach Annahme Johnny Bottrops Ost-Berliner. Sie „haben dann aber nochmal nachgelesen“ und sind somit einverstanden, mit ihren kurzen Nylon-Punk-Granaten das Festival in Brechts Geburtsstadt zu eröffnen. Auftakt im Textilmusem.

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Auftritt Sorvina, Auftritt – ja von wem? Einer Rapperin? Einer New Yokerin, die jetzt in Berlin lebt? Also einer Weltbürgerin? Oder vielleicht einfach einer Geschichtenerzählerin? Denn Sorvina kann nicht nur mit den Reimen, Sorvina hat nicht nur eine Stimme, sie verzaubert einen auch redend, anmoderierend, ja erzählend. Erinnert an ihre High-School-Zeit, ein Vorort von New York. Eine runde High-School. Und es gab da diese Cheerleaderin, von der sie etwas wollte. Also stellte sie sich ein Jahr lang jeden morgen um 8.03 Uhr an dieselbe Stelle, wartete auf sie, grüßte sie mit „Hi“, und rannte dann um die halbe Schule herum, um das nochmal zu machen auf der gegenüberliegenden Seite. Ein Jahr lang, ohne Erfolg. Und nun – fünfzehn Jahre später – hat Instagram sie ihr ganz oben eingespielt. Und was musste Sorvina feststellen? Die Cheerleaderin war ihr entfolgt. Aber, und nun wird das Song, singt sie und die Band setzt ein: „Still fucking love you“. Applaus.

Pop, Rock und mehr: So war die Brechtnacht 2026

Brechtnacht 2026 Bildergalerie

Jede Menge Musik, in Bertolt Brechts Namen: Wir haben Eindrücke von der langen Brechtnacht 2026 in Augsburg gesammelt, von den Künstlern und vom Publikum der Nacht.

Nenda präsentiert ihr beeindruckendes Debutalbum „KRRRA“

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Eine historische Kegelbahn ist ein einzigartiger Ort für Konzerte, verfügt aber leider über Eingänge, die für eine Handvoll angetrunkener Kegelbrüder konzipiert wurde statt für hunderte Nachtschwärmer auf den Spuren des „kulturellen Paten Augsburgs“, wie „Das Manische Magazin“ Brecht bezeichnen. Zu dieser Einordnung muss man sich ein wenig Augenzwinkern dazudenken, die Band hat Humor und lacht allen, die Post Punk für eindimensional halten, ins Gesicht. Das Provino ist randvoll, das Publikum erstaunlich textsicher und die Resonanz auf die kurz nach Stunde Null geschriebene City-Club-Nummer beweist die Regel: je derber die Razzia, desto enger die Szene.

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„Ändere die Welt, sie braucht es“ – eines der Zitate BBs, die nicht an Aktualität verlieren, und eines, das sich „Nenda“ vermutlich unbewusst zu Herzen nahm, als sie die Tracks für ihr beeindruckendes Debutalbum „KRRRA“ schrieb. Ihre Texte spenden Menschen Kraft, die sich mit für viele unsichtbarer Alltagsdiskriminierung abgeben müssen, ihre Chamäleon-Band wechselt nach belieben die Klangfarbe und macht aus Nendas warmer Soulstimme, entspannten Raps und intensiven Spoken-Word-Parts krachenden Stoner Rock, dunklen R‘n‘B oder fein nach alter Schule duftende Hip-Hop-Tracks. Körper wogen, Wasser tropft von der Decke und Musikong Bubong spielen sich Backstage auf Bambusinstrumenten in einen kleinen Rausch. Der Kontrast zwischen der Marching Band und dem abgrundtiefen Elektro-Punk von „Das Kinn“ könnte nicht größer sein. Toben Piel geht laut Labelinfo gerne auf Friedhöfe, wahrscheinlich, weil seine Musik klingt, als stiegen Depeche Mode als untote NDW-Band aus der Gruft, um mit eiskalten Beats und verhallter Stimme die Totenruhe von Spelunken-Jenny zu stören.

„Die Höchste Eisenbahn“ ist ein Highlight im Brechtfestivalprogramm

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Ab geht‘s um 22.30 Uhr im Martinipark, denn pünktlich nach Fahrplan tritt jetzt die prominenteste Band der Nacht auf: „Die Höchste Eisenbahn.“ So nennen sich die Männer aus Berlin, auf die viele hier gewartet haben. Mit ihren Texten gehören sie zu Grönemeyers Erben, mit ihrem Sound in die Reihe von Deutschpop-Lyrikern wie Wir sind Helden. „Du sagst ‚Hallo‘, ich sag ‚auf Wiedersehen‘“, singt die Band. Es sind vier Jeans-und-T-Shirt-Typen, die hier vor der Leinwand eines blauen Himmels mit weißen Wölkchen spielen. Im Saal kuscheln Paare im Stehen, tanzen Freunde gemeinsam, kaum einer sitzt noch. „Wir haben so viel tolle Musik heute erlebt. Und der nächste Song passt wie Faust aufs Auge zum Brechtfestival. Episch nahezu“, sagt Francesco Wilking und kichert. „Es geht nämlich um Arbeit.“ Denn das Leben ist ja meistens Schwerstarbeit, davon singt „Die Höchste Eisenbahn“ mit Halbironie und Herzlichkeit: Wie lebt und liebt‘s sich zwischen Gefühls-Burnout und vermeintlicher Lifestyle-Teilzeit? Geht euch diese Arroganz des Reichtums auch auf den Zeiger? Und spürt ihr schon diese Sehnsucht nach dem Landleben? „Oh wie du dich verändert hast“, sentimentale Songzeilen. Und dazwischen quatschen die Männer ihr Publikum liebevoll an: „Ist das hier Schwaben?“, „Das mit den Wahlen hier demnächst, ist das aufregend?“ Und: „Gibt es hier noch eine Möglichkeit, dass wir alle gemeinsam was trinken gehen?“

Im Martinipark machte "Die Höchste Eisenbahn" den Abschluss.

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Im Martinipark machte „Die Höchste Eisenbahn“ den Abschluss.
Foto: Peter Fastl

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Im Martinipark machte „Die Höchste Eisenbahn“ den Abschluss.
Foto: Peter Fastl

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Was „Brezel Görings Psychoanalyse“ wohl zu den Erwachsenen sagen würde, die in der Hüpfburg im Karo10 ihr inneres Kind wiederentdecken? Man wird es leider nie erfahren. Jedenfalls ist ein Konzert der dadaistischen Chanson-Punkrock-Legende wohl die beste Verwendung, die man sich für ein leerstehendes Warenhaus vorstellen kann. Männer weinen, Kissen fliegen, es ist Brechtnacht.

  • Sebastian Kraus

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