
AUDIO: Prora: Geschichte verschwindet hinter Hochglanzfassaden (1 Min)
Stand: 01.03.2026 10:41 Uhr
Der „Koloss von Prora“ soll – neben Wohnungen – künftig auch ein neues Dokumentationszentrum beherbergen. Fördermittel wurden dafür schon 2021 vom Bund eingeplant. Wegen der langen Planungszeiträume droht aber ein Verfall der Förderzusage.
Strahlende Fassaden mit vorgesetzten Glasbalkonen: Nachdem der Bund die NS-Hinterlassenschaft auf Rügen an Investoren verkauft hat, sind hier hunderte Wohnungen entstanden. Die von den Nationalsozialisten als „Seebad der 20.000“ geplante und zu DDR-Zeiten zu einem großen Militärstandort ausgebaute Anlage hat sich in einen modernen Urlaubsort verwandelt.

Als „Seebad der 20.000“ hatten die Nazis die riesige Anlage geplant. Inzwischen sind die denkmalgeschützten Gebäude wieder interessant.
Bund: Prüffähiger Antrag des Landes fehlt
Damit die vielschichtige Geschichte des Ortes nicht in Vergessenheit gerät, wollen Bund und Land ein Ausstellungszentrum finanzieren. Doch die Planungen kommen nur stockend voran. Jetzt drohen sogar Fördergelder zu verfallen, die 2021 in den Bundeshaushalt eingestellt wurden. Der Deutsche Bundestag habe das Ziel, dass Projekte zügig nach Bereitstellung der Haushaltsmittel umgesetzt werden, heißt es auf Nachfrage aus der Pressestelle des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). „Aus diesem Grund werden sie fünf Jahre nach Bereitstellung überprüft. Innerhalb dieses Zeitraumes, das heißt hier bis Ende 2026, müsste zumindest ein aussagekräftiger und prüffähiger Antrag eingebracht werden“, so ein Sprecher.
„Herangehen wie an das Schweriner Schloss“

Die Fassade des Dokumentationszentrums Prora in Block V zeigt den Sanierungsbedarf.
Doch die Planungen für das Zentrum, die in der Regie des Landes liegen, sind weit davon entfernt, in einen prüffähigen Antrag zu münden. Die Voruntersuchungen hätten viel Zeit beansprucht, sagt Stefan Wenzl, der für Hochbau zuständige Abteilungsleiter des Finanzministeriums in Mecklenburg-Vorpommern. Das Hauptausstellungsstück in Prora sei das Gebäude. „Und an das muss man mit dem gleichen Aufwand herangehen, wie man an das Schweriner Schloss herangeht“, sagt er. Derzeit erstelle der spätere Betreiber, die Landeszentrale für politische Bildung, ein „raumscharfes Ausstellungskonzept“. Das sei Voraussetzung für die weiteren baulichen Planungen im Block V.
Finanzierungslücke muss geschlossen werden
Unklar bleibt weiter, wie die Finanzierungslücke geschlossen werden soll. Bund und Land hatten sich 2021 darauf geeinigt, die damals auf 13,7 Millionen Euro geschätzten Kosten je hälftig zu teilen. Inzwischen ist klar, dass diese Summe nicht ausreichen wird, um das Projekt finanzieren zu können. Aktuelle Schätzungen gehen mittlerweile von mehr als 20 Millionen Euro aus. Auch über einen weiteren Zuschuss des Bundes könne erst entschieden werden, wenn ein prüffähiger Antrag vorliegt, heißt es aus dem BKM. Die Entscheidung obläge dann dem Deutschen Bundestag als Haushaltsgesetzgeber.
Dokumentationszentrum: Mehr Tempo bei den Planungen gefordert

Katja Lucke leitet das Dokumentationszentrum Prora.
Den Verein Dokumentationszentrum Prora, Träger der Ausstellung „MachtUrlaub“, erfüllt das mit Sorge, gerade auch mit Blick auf die Landtagswahl. „Wir wissen, was Erinnerungskultur für die AfD heißt. Die Begriffe sind hier Schuldkult und Vogelschiss. Wir können da nicht damit rechnen, dass solche Projekte dann noch nach wie vor den entsprechenden Stellenwert haben, den sie haben sollten“, sagt die Leiterin Katja Lucke. Sie fordert mehr Tempo bei den Planungen. Land und Bund müssten mehr Verantwortung für den geschichtsträchtigen Ort übernehmen, um eine Bildungs- und Dokumentationsstätte vor Ort zu garantieren. Das Dokumentationszentrum Prora lebt von Projektförderung, finanziert wird das Alltagsgeschäft über die Eintrittsgelder der jährlich 80.000 bis 85.000 Besucher. Die Ausstellung ist geduldet in einem inzwischen privatisierten Gebäudeteil der NS-Hinterlassenschaft.
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Miraß: Dokumentations- und Bildungsstandort hat Zukunft
Vorpommernstaatssekretär Heiko Miraß (SPD) kann diese Befürchtungen nicht teilen. „Ich gehe davon aus, dass die Demokraten in diesem Land nach wie vor hier die Landesregierung stellen werden. Und wir sind uns völlig einig über alle Parteigrenzen hinweg, dass dieser Dokumentations- und Bildungsstandort Prora eine Zukunft haben muss“, sagt Miraß. Das Finanzministerium kündigte auf NDR Anfrage an, rechtzeitig einen Verlängerungsantrag beim Bund zu stellen, damit die Fördermittel nicht verfallen. Denkmalschutz und Anforderungen an einen modernen Ausstellungsort in Einklang zu bringen, das sei ein schwieriger Spagat, sagt Abteilungsleiter Wenzl. Er rechnet damit, dass die Bauarbeiten 2028/29 starten können. „Und ich schätze mal, so drei Jahre wird das dann dauern, bis dieses Gebäude dann fertiggestellt ist.“

Einst von den Nazis geplant, wurden Teile der riesigen Anlage zu Ferienquartieren umgebaut. Pluspunkt: die direkte Strandlage.

Steigende Mindestlöhne und vor allem die hohen Energiekosten des vergangenen Jahres haben dem Verein offenbar zugesetzt.