TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen

Stuttgart – Kurz vor der Wahl am 8. März spitzt sich der Kampf um die Macht im Ländle dramatisch zu: Jüngste Umfragen sehen die Spitzenkandidaten von CDU und Grünen nur noch ein bis zwei Prozentpunkte auseinander. Während eine Neuauflage einer Koalition aus Grünen und Schwarzen damit immer wahrscheinlicher wird, ist völlig offen, wer als neuer Ministerpräsident in die Villa Reitzenstein einzieht. Alles ist möglich!

BILD am Sonntag hat Manuel Hagel (37, CDU) und Cem Özdemir (60, Grüne) befragt, wie sie die kriselnde Wirtschaft im Südwesten wieder in Schwung bringen wollen. Außerdem verraten die beiden Schwaben, wo sie persönlich am liebsten sparen, ob sie die AfD verbieten möchten – und wie sie zum Dienst an der Waffe stehen:

Wer ist Ihr politisches Vorbild – und warum?

Manuel Hagel: „So dieses eine Vorbild – im Sinne von ‚genau so will ich sein‘, habe ich nicht. Das Original gibt es immer nur einmal. Wenn ich einen Stil beschreiben müsste, dann wäre es die Wirtschaftskompetenz von Lothar Späth, die Geschwindigkeit von Günther Oettinger und schaffen wie der Teufel.“

Cem Özdemir: „Alle Menschen, die sich für Freiheit und Menschlichkeit eingesetzt haben oder einsetzen. Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Richard von Weizsäcker, Lord Dahrendorf, Rita Süssmuth, Joschka Fischer oder aktuell Winfried Kretschmann haben mich zutiefst beeindruckt und geprägt.“

Wenn Sie heute 18 wären: Würden Sie zur Bundeswehr gehen?

Manuel Hagel: „Ja – aus Überzeugung. Ich habe großen Respekt vor jeder und jedem, die das tun. Sie übernehmen den Schutz unseres Landes und unserer Freiheit – notfalls mit ihrem eigenen Leben. Das verdient unsere höchste Anerkennung und Dankbarkeit.“

Cem Özdemir: „Ja, denn die Welt hat sich fundamental verändert. Ich habe mich 1983 als Jugendlicher aktiv für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, bin aber nie gemustert worden. Als Abgeordneter, der über Auslandseinsätze der Bundeswehr entscheidet, war mir aber wichtig, diese von innen kennenzulernen. Darum war ich dreimal jeweils eine Woche dort.“

2023 machte Cem Özdemir (60) ein Truppenpraktikum in Hannover

2023 machte Cem Özdemir (60) ein Truppenpraktikum in Hannover

Foto: Henning Scheffen

Was sind die moralischen Leitlinien Ihres Handelns – spielt dabei der Glaube an Gott eine Rolle?

Manuel Hagel: „Ich bin Christ. Mein Glaube ist Quelle und Grenze meines Tuns. Er gibt mir Halt und Orientierung – gerade bei schwierigen Entscheidungen. Mein Glaube prägt, wie ich Politik verstehe: Der einzelne Mensch im Zentrum, ohne gleichzumachen oder umzuerziehen. Deshalb scheitert, grüne Politik häufig am Realitätscheck.“

Cem Özdemir: „Meinen Eltern waren Regeln und Werte sehr wichtig: Anstand, Respekt, Fleiß, Achtung vor dem Anderen. Darum haben sie mich auch in den evangelischen Religionsunterricht geschickt, der mich tief geprägt hat.“

Was unterscheidet Sie persönlich am deutlichsten von Ihrem härtesten Konkurrenten Manuel Hagel?

Manuel Hagel: „Er ist ein Grüner, ich bin Christdemokrat.“

Cem Özdemir: „Ich bin Kind von Gastarbeitern aus der Türkei, in Bad Urach geboren und 1994 als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Deutschen Bundestag gewählt worden.“

Warum ist Ihr Gegenkandidat der Falsche, um Baden-Württemberg als Ministerpräsident zu führen?

Manuel Hagel: „Die Menschen wollen doch nicht dauernd hören, wie man über die Konkurrenz schimpft, sie wollen erfahren, was man selbst vorhat. Das ist für mich auch eine Frage des Stils. Wer im Wahlkampf immer auf andere schimpft der traut seinem eigenen Programm und der eigenen Partei nichts zu.“

Cem Özdemir: „Wer der Richtige für Baden-Württemberg ist, haben die Wählerinnen und Wähler zu beurteilen.“

Würden Sie als Juniorpartner mit dem Wahlsieger zusammenarbeiten?

Manuel Hagel: „Erwin Teufel war mein Vorgänger als CDU-Landesvorsitzender. Deshalb gilt für mich: zuerst das Land, dann die Partei, dann die Person.“

Cem Özdemir: „Ich werde alles für das Land geben.“

Mehr zum Thema

Warum schließen Sie eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch aus und sollte die AfD verboten werden?

Manuel Hagel: „Die AfD sagt: raus aus der EU, raus aus dem Euro. Das würde zu Massenentlassungen führen. Wir arbeiten dafür, dass es unserem Land gut geht. Deshalb machen wir jetzt die Probleme klein, die die AfD groß machen. Ich will die AfD mit politischen Mitteln schlagen.“

Cem Özdemir: „ Die AfD ist eine Partei, die Menschen wie mir abspricht, dazuzugehören, weil meine Eltern aus der Türkei kamen. Führende Parteimitglieder sind eng mit dem russischen Autokraten Putin verbandelt. Mit solchen Leuten kann es keine Zusammenarbeit geben. Ein AfD-Verbot ist zu ernst als Wahlkampfthema, aber ich stehe für eine ernsthafte Prüfung eines Antrags im Bundesrat.“

Wie viele Zuwanderer sollen in den nächsten Jahren nach Baden-Württemberg kommen und unter welchen Voraussetzungen?

Manuel Hagel: „Wir werden doch immer Migration brauchen – aber eben in unseren Arbeitsmarkt und nicht in die Sozialsysteme. Deshalb ordnen, steuern und begrenzen wir Migration.  Mit dem Sonderstab gefährliche Ausländer schieben wir diejenigen ab, die hier Straftaten begangen haben.“

Cem Özdemir: „Baden-Württemberg ist ein Einwanderungsland und soll es bleiben – im Gesundheitsbereich oder der Pflege etwa sind wir darauf angewiesen. Entscheidend ist, dass Zuwanderung kontrolliert und gesteuert ist. Wir müssen Zuwanderung und Asyl trennen. Irreguläre Migration muss begrenzt werden.“

Wie wollen Sie Baden-Württemberg konkret sicherer machen?

Manuel Hagel: „Mit mehr Personal, einer noch besseren Ausstattung und mehr rechtlichen Möglichkeiten für unsere Landespolizei. Ganz entscheidend für die Sicherheit der Menschen sind öffentliche Räume – wir wollen saubere Innenstädte und Bahnhöfe und setzen auf KI-gestützte Videoüberwachung.“

Cem Özdemir: „Ich will mehr Polizeipräsenz auf unseren Straßen und Plätzen und die Polizei von unnötiger Schreibtischarbeit entlasten, verbunden mit einer Einstellungsoffensive. Ich will die KI-gestützte Videoüberwachung ausbauen, damit sich alle Menschen überall und jederzeit sicher fühlen können.“

Manuel Hagel (37) sprach beim CDU-Bundesparteitag zu den Delegierten

Manuel Hagel (37) sprach beim CDU-Bundesparteitag zu den Delegierten

Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur


Was wollen Sie tun, damit Baden-Württemberg Autoland bleibt und möglichst wenig Industriearbeitsplätze verloren gehen?

Manuel Hagel: „Der grüne Kulturkampf gegen das Auto muss aufhören und das Verbrennerverbot muss weg. Technologie ist der Schlüssel für die Zukunft: Entscheidend für das Auto der Zukunft ist nicht nur der Antrieb, sondern auch die Software – da müssen wir vorne mit dabei sein. Deshalb wollen wir eine KI-Universität gründen.“

Cem Özdemir: „Weg mit unnötigen Vorschriften und Berichtspflichten, schnelle und einfache Verfahren und Genehmigungen gepaart mit massiven Investitionen in Forschung und Entwicklung, damit das Auto von morgen auch aus Baden-Württemberg kommt. Stärkung der Gesundheitswirtschaft, KI, Verteidigung, Luft- und Raumfahrt.“

Schwaben gelten als besonders sparsam. Wo sparen Sie privat – und wofür geben Sie gern auch einmal viel Geld aus?

Manuel Hagel: „Derzeit spare ich vor allem an meiner Freizeit.“ (lacht)

Cem Özdemir: „Ich schalte Zuhause und bei der Arbeit stets das Licht aus, wenn es nicht benötigt wird und versuche auch sonst sparsam zu leben. Ich achte allerdings auf gutes, regionales Essen und in Plattenläden kann ich auch kaum widerstehen.“

Wer ist privat Ihr wichtigster Ratgeber für politische Entscheidungen?

Manuel Hagel: „Meine Frau. Sie hat ein unglaublich gutes Gespür für Menschen und Augenblicke und ein riesengroßes Herz. Unsere Kinder und meine Frau sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben.“

Cem Özdemir: „Ich habe einige sehr gute Freunde, mit denen ich auch über Politik rede. Und meine Frau. Ihren Rat schätze ich besonders.“

Wer sind die anderen Spitzenkandidaten?

Hinter CDU und Grünen wird voraussichtlich die AfD landen. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier (35) setzt im Wahlkampf auf eine harte Einwanderungspolitik und verspricht, die Wirtschaft wieder flottzubekommen. Umfragen sehen die AfD bei 18 bis 19 Prozent – knapp doppelt so viel wie 2021, aber deutlich weniger als im Bundestrend. Innerhalb der Partei gibt es zudem lautes Grummeln über die Wahlkampftaktik. Frohnmaier will Ministerpräsident werden, kandidiert aber gar nicht für den Landtag. Und kurz vor der Wahl reist der Spitzenkandidat auch noch in die USA. „Alles andere als ein überragendes Ergebnis“ werde „sehr unangenehme Fragen“ aufwerfen, raunt ein Bundestagsabgeordneter. Frohnmaier ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Markus Frohnmaier (35) ist Spitzenkandidat der AfD

Markus Frohnmaier (35) ist Spitzenkandidat der AfD

Foto: AFP

Baden-Württemberg war nie eine Hochburg der Sozialdemokraten. Mittlerweile kämpft die Partei aber endgültig gegen einen massiven Bedeutungsverlust an. Umfragen sehen die SPD bei nur noch sieben bis neun Prozent. Spitzenkandidat Andreas Stoch (56) wirkt menschlich nicht unsympathisch, ist politisch aber blass. Und dazu hat er jetzt auch noch ein fettes Pasteten-Problem: SWR-Reporter hielten fest, wie Stoch erst eine Tafel besuchte und den Bedürftigen gut zusprach. Nur, um kurz darauf seinen Chauffeur loszuschicken, damit dieser ihm französische Pasteten kauft. Wenig volksnah für den Vertreter einer Arbeiterpartei. Andreas Stoch ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch (56) kommt aus der Bundesliga-Stadt Heidenheim

SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch (56) kommt aus der Bundesliga-Stadt Heidenheim

Foto: picture alliance/dpa

Eine Partei links von SPD und Grünen im Landtag – für das bürgerlich geprägte Ländle wäre das ein Novum. Dafür setzt die Linke auf gleich drei Köpfe an der Spitze. Kim Sophie Bohnen (26) steht auf Platz eins der Landesliste. Daneben sind Amelie Vollmer (22) und Mersedeh Ghazaei (28) die Spitzenkandidatinnen. Erfolg bringen soll ein radikales Wahlprogramm: Enteignungen, Wahlrecht ab dreimonatigem Aufenthalt in Baden-Württemberg und ein Verzicht auf Grenzkontrollen. Zielgruppe der Kampagne sind enttäuschte Wähler der Grünen. Deren Spitzenkandidaten Cem Özdemir warf die Linke dafür auch schon mal „Rassismus“ vor. Umfragen sehen die Partei bei sechs Prozent.

Kim Sophie Bohnen (26) steht auf dem ersten Platz der Linken-Landesliste

Kim Sophie Bohnen (26) steht auf dem ersten Platz der Linken-Landesliste

Foto: Katharina Kausche/dpa

Einzug in den Bundestag verpasst, unbekanntes Personal an der Spitze: Die FDP befindet sich in einer existenziellen Krise. Dass seine Partei jetzt nicht auch noch im Stammland aus dem Landtag purzelt, dafür soll er sorgen: Hans-Ulrich Rülke (64), Fraktions- und Landeschef. Im Wahlkampf nimmt Rülke vor allem AfD und Grüne ins Visier, schließt mit beiden Parteien eine Koalition aus.

Auf seinen Schultern ruht die ganze Hoffnung der FDP: Hans-Ulrich Rülke (64)

Auf seinen Schultern ruht die ganze Hoffnung der FDP: Hans-Ulrich Rülke (64)

Foto: Uli Deck/dpa

Umfragen sehen die FDP unterhalb ihres Ergebnisses von 2021 (10,5 Prozent) – aber knapp im Landtag. Hoffnungen, in einer Deutschland-Koalition mit CDU und SPD sogar Regierungsverantwortung zu übernehmen, haben sich mit den jüngsten Umfragen weitgehend zerschlagen. Rülke ist verheiratet und hat drei Kinder.