Er weiß nicht, wohin. Der junge Mann, dessen Geschichte Mohmoud Abo Lahem erzählt, bleibt in diesem Text anonym, aber in Kiel hat er einen Namen. 2016 ist er aus Syrien nach Schleswig-Holstein geflohen, betreibt eine kleine Autowerkstatt in der Landeshauptstadt, erzählt der Mann aus dem Vorstand der syrischen Gemeinde. „Er wollte gern jemanden einstellen, aber sein Deutsch ist nicht so gut, dass er sich mit den Behörden verständigen kann oder überhaupt weiß, an wen man sich wendet.“

Aber weil sich der Mann in der syrischen Gemeinschaft auskennt, wendet er sich an Lanemo – das Landesnetzwerk von und für Migrantenorganisationen in Schleswig-Holstein. „Zu uns hatte er Vertrauen“, sagt Mitarbeiter Abo Lahem, der für seinen Landsmann einen Termin beim Jobcenter organisiert, damit der einen Lohnkostenzuschuss für seinen neuen Mitarbeiter bekommen kann.

Berät Migranten: Mohmoud Abo Lahem.
Foto: Michael Staudt

Berät Migranten: Mohmoud Abo Lahem.Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize

SchliessenX ZeichenKleines Zeichen welches ein X symbolisiert

Es ist nur einer von rund 250 Menschen, die Abo Lahem und sein Team allein im Januar in Kiel beraten haben. „Es geht um Sprachkurse, Arbeitsstellen, Schulen, Behördengänge, aber auch in letzter Zeit immer mehr um freiwillige Rückkehr in die Heimatländer“, sagt Samit Alyousef, der ehrenamtlich für Lanemo arbeitet. „Und dabei geht es um anerkannte und nicht anerkannte Menschen.“

Weniger Flüchtlinge in Schleswig-Holstein: Warum der Schein trügt

Lanemo ist der Dachverband verschiedener Migrantenvereine und funktioniert wie ein Scharnier zwischen den Flüchtlingen und der deutschen Gesellschaft. Die Mitarbeiter weisen den Flüchtlingen den Weg zu den Stellen, bei denen sie Unterstützung bekommen können. Nur könnte das bald vorbei sein, denn die Förderung läuft Ende Mai aus. 900.000 Euro bekommt das Netzwerk von der EU, 100.000 Euro vom Land.

Fangverbote für Dorsch und Hering: Darum sind EU-Abgeordnete aus SH dagegen

Für Delara Burkhardt ist das gut investiertes Geld, für das sie weiter kämpfen will. Die SPD-Abgeordnete im Europarlament fürchtet, dass die EU im Zuge der Haushaltsverhandlungen die Mittel für den Europäischen Sozialfonds für Schleswig-Holstein von 88 Millionen Euro auf die Hälfte kürzt. Dazu könnten die Sozialmittel mit denen für ländliche Räume oder der Agrarwirtschaft zusammengelegt werden, die jetzt noch einzeln verteilt werden. „Dann muss man sich entscheiden, ob man mit dem Geld Bauern subventioniert oder es für die Integration von Flüchtlingen ausgibt“, sagt Michael Saitner vom Wohlfahrtsverband „Der Paritätische“, der Burkhardt an diesem Tag zu verschiedenen Initiativen begleitet, die um ihre Zukunft fürchten.

Fürchtet weitere Kürzungen: Michael Saitner.
Foto: Michael Staudt

Fürchtet weitere Kürzungen: Michael Saitner.Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize

SchliessenX ZeichenKleines Zeichen welches ein X symbolisiert

Denn auch die Mittel aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU könnten nach einem Vorschlag der Kommission künftig neu verteilt werden. „Dann bestimmen die Nationalstaaten darüber und die Regionen haben kein Mitspracherecht mehr“, wettert Burkhardt, die gerade für ein eher kleines Bundesland wie Schleswig-Holstein Nachteile fürchtet. Zudem könnten Mittel eher für die Rückführung von Flüchtlingen anstatt für deren Integration genutzt werden, meint sie. Und für die Aktiven von Lanemo ist es auch so schon eng: In der ersten Förderrunde sind sie nicht mehr dabei. „Damit steht das hier alles vor dem Aus“, sagt Saitner und deutet in die Runde. „Es geht um 16 Köpfe.“

Will Kommunikation auf Augenhöhe: Aurelie Djotsa.
Foto: Michael Staudt

Will Kommunikation auf Augenhöhe: Aurelie Djotsa.Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize

SchliessenX ZeichenKleines Zeichen welches ein X symbolisiert

Eine, die dazu nickt, ist Aurelie Djotsa vom Afrodeutschen Verein Schleswig-Holstein. Dabei ist die junge Frau alles andere als einverstanden mit dem Vorstoß der EU-Kommission. Die Wörter „Unterstützung“, „Förderung“, „Töpfe“ und „EU-Mittel“ verwendet sie immer wieder. Sie sagt aber auch, dass der Dachverband der Vereine nötig sei, um mit Behörden und Politik auf Augenhöhe zu sprechen. Denn viele Flüchtlinge scheuten den Kontakt. „Die reden lieber mit Menschen, die aussehen wie ich.“

Jobs für Zuwanderer: Claus Ruhe Madsen und Aminata Touré sind gefragt

Nun könnte man denken, dass der Staat ein Projekt fördert, das Lobbyarbeit für verschiedene Ethnien betreibt, und ein bisschen ist das bestimmt auch so. Es gebe eben viele Vorurteile von Deutschen gegenüber Flüchtlingen, sagt Bashar Kanou von der syrischen Gemeinde. „Aber es gibt auch viele Vorurteile von Migranten gegenüber Deutschen.“ Und die versuchten er und die anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter abzubauen, von denen die meisten im Hauptberuf beim Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge arbeiten. „Denn durch unsere Arbeit vermeiden wir, dass Parallelgesellschaften entstehen.“

Was passiert, wenn die EU kein Geld mehr gibt?

Für Burkhardt ist das „gelebte Integration“. Die Europaabgeordnete will sich für Lanemo und die anderen Initiativen einsetzen, die sie an diesem Tag besucht. Aber sie sagt auch, dass das Land vorbereitet sein müsse, um notfalls die Finanzlücke zu stopfen, falls die Mittel aus der EU nicht weiterfließen sollten. Ob das klappt, ist fraglich.

2025 kamen nur noch halb so viele Flüchtlinge nach SH wie ein Jahr zuvor

Was macht dann der Mann aus der Autowerkstatt, der immer wieder kommt und jetzt kurz davor ist, einen Praktikanten einzustellen, um ihn so fit zu machen, dass er vielleicht auch einen Job bei ihm bekommen kann? Für seinen neuen Mitarbeiter hat er jedenfalls den Lohnkostenzuschuss bekommen. Auch weil er wusste, wo ihm damit geholfen wird.