Der angeklagte Staatsanwalt (M) kommt in den Gerichtssaal im Landgericht Hannover.

AUDIO: Korrupter Staatsanwalt: Kontakte zu „Hells Angels“ lange bekannt (1 Min)

Stand: 03.03.2026 09:15 Uhr

Der niedersächsischen Justiz lagen bereits seit 2020 Informationen über enge Kontakte zwischen dem Staatsanwalt Yashar G. und einem Mitglied der „Hells Angels“ vor. Dennoch wurde G. nicht aus einer sensiblen Abteilung der Staatsanwaltschaft abgezogen.

von Benedikt Strunz und Mandy Sarti

Cayan I. ist für die niedersächsische Justiz kein Unbekannter. Der 35-Jährige gilt als Full-Member des Motoradclubs „Hells Angels“ und ist in der Vergangenheit bereits häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten. So auch im Sommer 2020. Damals, zur Hochphase der Corona-Pandemie, kam es in Göttingen zu gewalttätigen Ausschreitungen. Über einen Wohnkomplex in der Nähe des Bahnhofs war Quarantäne verhängt worden. Mehrere Bewohner bewarfen im Rahmen einer Demonstration Polizisten unter anderem mit Eisenstangen und einem Stuhl, ein Polizist wurde bei den Ausschreitungen im Gesicht verletzt.

Brisante Informationen auf den Handys von Cayan I.

Die Staatsanwaltschaft Göttingen sah es damals als erwiesen an, dass der „Hells Angel“ Cayan I. diese Straftaten im Internet lobte und einem der Täter zur Belohnung „eine neue Küche“ versprochen habe. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung von Cayan I. fanden die Beamten dann eine Kutte der Hells Angels, mehr als 13.000 Euro Bargeld, mehrere Packungen Testosteron sowie einen Teleskop-Schlagstock. Außerdem beschlagnahmten sie mehrere Datenträger, darunter zwei Handys. Auf den Handys suchten die Beamten Hinweise auf die Posts, die Cayan I. zugeschrieben wurden. Doch auf den Geräten fanden sich noch deutlich brisantere Informationen.

Ein Angeklagter steht im Gerichtssaal

Der langjährige Drogen-Ermittler der Staatsanwaltschaft Hannover habe neun Mal 2.500 Euro angenommen.

Staatsanwalt und „Hells Angel“ in engem Kontakt

Die Auswertung der Handys zeigt, dass der „Hells Angels“-Mann offenbar in vertraulichem Kontakt zu einem Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Hannover steht, zu Yashar G.. Das geht aus einem Dokument hervor, das den Titel „Bericht zur Chatauswertung“ trägt und von einem Mitarbeiter der Polizeidirektion Göttingen erstellt wurde. In den ausgewerteten Chats tauscht sich Yashar G. mit Cayan I. unter anderem über ein Urteil gegen den „Hells Angels“-Anführer Kadir P. aus. P. wurde 2019 in Berlin zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Berliner Landgericht sah es als erwiesen an, dass Kadir P. einen Mord an einem Kontrahenten in Auftrag gegeben hat. In dem spektakulären Prozess hatte ein „Hells Angels“-Mitglied eine Kronzeugen-Regelung in Anspruch genommen. Statt 15 Jahren Haft erhielt er deshalb nur zwölf Jahre Haft wegen Mordes. In dem Chat schreibt Yashar G. unter anderem: „Das ist schon krass. Vor allem für die petze nur 3 Jahre Rabatt. Er hat für drei Jahre seinen Arsch verloren.“

„Alsooooo Bruderherz, was geht? Alles fit bei dir?“

In den Chats tauschen sich Yashar G. und der „Hells Angel“-Mann dem Bericht zufolge auch über andere Fragen aus. Demnach soll I. den Staatsanwalt gefragt haben, ob Yashar G. „über das Amtsgericht an günstige Immobilienangebote“ komme. Yashar G. soll hierauf geantwortet haben, „dass er schauen möchte, was immobilienmäßig so geht. Er hätte 1-2 Rechtspflegerinnen und Urkundsbeamte am Amtsgericht, die er in die Spur schicken“ wolle, wie der Polizeibericht vermerkt. Von einem weiteren Chatverlauf ist lediglich die Begrüßung erhalten. Demnach soll Yashar G. am 25. März 2020 an den „Hells Angel“ geschrieben haben: „Alsooooo Bruderherz, was geht? Alles fit bei dir?“ Worauf I. geantwortet haben soll: „Selam brudiii (…) Bestens bra und bei dirrr“. Die anschließende Kommunikation, insgesamt 36 Nachrichten, wurden jeweils vom Absender gelöscht. In dem Bericht der Polizeidirektion Göttingen heißt es dazu: „Da es davor und danach noch andere Konversation gab, welche nicht gelöscht wurde, scheint es hier zu einer Konversation gekommen zu sein, welche nicht durch Dritte, insbesondere durch Strafverfolgungsbehörden, gelesen werden sollte.“

Der Angeklagte Yashar G. kommt im Rahmen des Prozesses gegen ihn gemeinsam mit Justizmitarbeitern in einen Saal des Landgerichts Hannover.

Die Aufnahmen einer Drogenbande wurden vor dem Landgericht Hannover abgespielt. Demnach soll Yashar G. Einfluss genommen haben.

Erfuhr das Justizministerium von den Chats?

Der Bericht der Polizeidirektion Göttingen liegt dem NDR vor. Er datiert auf den 30. März 2022, die Chat-Inhalte dürften den niedersächsischen Justizbehörden aber bereits deutlich länger bekannt gewesen sein. Unklar ist, ob und wann die Staatsanwaltschaft Göttingen die Staatsanwaltschaft in Hannover, den Dienstsitz von Yashar G., über den Vorgang informierte. Unklar ist auch, ob das Justizministerium von den Chats erfuhr und welche Konsequenzen hieraus gezogen wurden. Eine kurzfristige Nachfrage des NDR ließ das Justizministerium zunächst unbeantwortet. Die Tatsache, dass offenbar bereits 2020 Hinweise in der niedersächsischen Justiz vorlagen, die eine enge Verbindung des Hannoverschen Staatsanwalts zu einem Mitglied der „Hells Angels“ nahelegen, ist bisher öffentlich nicht bekannt. Unklar ist auch, ob die Chats zu irgendwelchen Konsequenzen geführt haben. Weder der Rechtsanwalt von Yashar G., noch der Rechtsanwalt von Cayan I. wollten sich auf Nachfrage zu dem Vorgang äußern.

Der angeklagte Staatsanwalt (M) kommt in den Gerichtssaal im Landgericht Hannover.

Yashar G. hat vor dem Landgericht Hannover gestanden, in neun Fällen Informationen gegen Bezahlung weitergegeben zu haben.

Prozess um Yashar G. in Hannover läuft

Der Vorgang wirft weitere Fragen in der politischen Aufarbeitung des Justizskandals auf. Yashar G. muss sich derzeit vor dem Landgericht Hannover verantworten, weil er Ermittlungsgeheimnisse an eine Drogenbande verraten haben soll. Auf diese Weise sollen sich mehrere Beschuldigte in einem 16-Tonnen-Kokainverfahren ihrer Festnahme entzogen haben. Obwohl in der Staatsanwaltschaft Hannover bereits frühzeitig Verdachtsmomente gegen Yashar G. vorlagen, konnte dieser bis 2024 als Staatsanwalt an dem 16-Tonnen-Verfahren weiterarbeiten.

Lange gab es keine Konsequenzen für G.

Bereits im August 2020 unterrichtete Yashar G. seine Vorgesetzten darüber, dass sein Schwager wegen des Vorwurfs des bewaffneten Drogenhandels festgenommen wurde. Yashar G. arbeitete zu diesem Zeitpunkt in der Abteilung für Betäubungsmittelsachen. Obwohl weitere Verdachtsmomente gegen G. aufkamen und obwohl der Verdacht so schwer wog, dass bei G. im Herbst 2022 eine Hausdurchsuchung stattfand, wurde G. weder von dem 16-Tonnen-Verfahren noch aus der Betäubungsmittelabteilung abgezogen.

Das Bild zeigt Kokain , dass mit einem Geldschein geschnupft wird.

Konstantinos S. gilt als Schlüsselfigur im Kokain-Prozess vor dem Landgericht Hannover. Er wurde in Dubai festgenommen.

Der Staatsanwalt Yashar G., dem Korruption vorgeworfen wird, sitzt im Gericht.

Ein Staatsanwalt soll in 14 Fällen Interna an eine Drogenbande weitergegeben haben. Nach NDR Recherchen dürfte das Ausmaß deutlich größer sein.

Der Staatsanwalt Yashar G., dem Korruption vorgeworfen wird, im Gerichtssaal.

Eine Drogenbande soll dem Juristen aus Hannover monatlich 5.000 Euro für Informationen gezahlt haben.

Der angeklagte Staatsanwalt (M) kommt in den Gerichtssaal im Landgericht Hannover.

Yashar G. hat vor dem Landgericht Hannover gestanden, in neun Fällen Informationen gegen Bezahlung weitergegeben zu haben.

Ein Schild hängt an der Staatsanwaltschaft Hannover.

Der 39-Jährige soll Dienstgeheimnisse an Drogenschmuggler verraten und vor Razzien gewarnt haben. Was bisher bekannt ist.