Verschiedene Repliken zum WZ-Beitrag „Was das Internet anrichtet ist schlicht und ergreifend katastrophal“ von Ingrid Felbel vom 27. Februar:
Sehr geehrte Frau Felbel,
Ihre Ausführungen zur Digitalisierung rufen zur Besinnung auf, doch sie verkennen dabei eine historische und soziale Logik, die weit tiefer greift als die Erfindung des World Wide Web. Dass der Computer den Arbeitsplatz erobert hat, war kein plötzlicher Überfall, sondern die konsequente Weiterentwicklung eines Prozesses, den wir seit der Industrialisierung Fortschritt nennen. So wie einst die Dampfmaschine menschliche und tierische Muskelkraft ersetzte, weil sie schlicht effizienter und professioneller agieren konnte, so war es nur folgerichtig, dass diese Entwicklung irgendwann auch die geistigen Tätigkeiten erreichen musste. Ein Computer am Schreibtisch ist in dieser Hinsicht die logische Fortsetzung der Schreibmaschine – ein Werkzeug, das uns hilft, in kürzerer Zeit mehr zu erreichen.
Wenn wir über das Sterben von Kneipen und die schleichende Vereinsamung sprechen, sollten wir den Blick von den Bildschirmen weg und hin zu unseren Lebensrealitäten richten. Das Kneipensterben ist meines Erachtens weniger eine Folge des Internets als vielmehr ein Resultat gestiegenen Leistungsdrucks: Die Menschen müssen heute oft länger und intensiver arbeiten, sodass schlicht die Zeit und die Kraft fehlen, sich abends noch in die Geselligkeit zu stürzen. Und das trotz der digitalen Effizienzsteigerung. Wenn der Kanzler meint, wir arbeiten zu wenig, bringt das zum Ausdruck, dass wir Zeit immer noch höher bewerten als die Ergebnisse. Da bleibt keine Zeit für Kneipe, Verein und Kirche mehr.
Vereinsamung ist kein digitales Nebenprodukt, sondern ein Prozess, der dort beginnt, wo wir aufhören, uns aktiv um unsere Mitmenschen zu kümmern. Zum Beispiel, weil wegen der Arbeit Zeit und Motivation fehlen.
Die Digitalisierung hat uns lediglich vor Augen geführt, wie sehr wir das soziale Miteinander früher als selbstverständlich hingenommen haben. Sie zeigt uns heute schmerzhaft auf, dass Kontaktpflege harte Arbeit ist, die man leisten muss, anstatt darauf zu warten, dass sie von selbst passiert. Auch die architektonischen Sünden unserer Zeit – riesige Shoppingcenter mitten in der Innenstadt oder Discounter mit gigantischen Parkplätzen – lassen sich kaum dem Internet anlasten. Das ist eine Frage der Stadtplanung und wirtschaftlicher Entscheidungen, die schon lange vor dem Online-Handel getroffen wurden und die Viertel ihrer kleinen Ladengeschäfte beraubt haben.
Ähnliches gilt für das Darknet: Kriminalität ist so alt wie die Menschheit selbst. Das Digitale macht Dinge zweifellos einfacher – und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Doch wer die negativen Aspekte verteufelt, darf die enorme Erleichterung im Alltag nicht verschweigen. Ich kann heute meine Bankgeschäfte erledigen, während ich als Fußgänger an einer roten Ampel warte, oder Texte recherchieren, für die meine Kollegen früher tagelang durch Bibliotheken in fernen Städten reisen mussten. Dass ich heute online die Verspätung meines Zuges einsehen kann, während ich noch zu Hause bin, ist ein Gewinn an Lebensqualität, kein Verlust an Menschlichkeit. Vielleicht liegt ein Kern des Problems auch darin, wie wir Arbeit bewerten. Es ist eine gesellschaftliche Schieflage, dass Berufe mit viel direktem Menschenkontakt in der Regel schlechter bezahlt werden als reine Bürotätigkeiten. Gleichzeitig ist es nur menschlich, wenn jemand, der den ganzen Tag beruflich mit Menschen interagiert, auf dem Heimweg in Bus oder Bahn einfach seine Ruhe haben möchte. Früher haben wir hinter Büchern und Zeitungen Schutz gesucht, heute ist es eben das Smartphone – die Distanz zu den zufälligen Mitreisenden ist die Gleiche geblieben.
Das Internet hat uns jedoch die Freiheit geschenkt, uns die Menschen, mit denen wir interagieren wollen, gezielt auszusuchen. Wir sind nicht mehr nur auf die Nachbarn oder die vom Arbeitgeber gewählten Kollegen angewiesen. Diese neue Wahlfreiheit macht die Kontaktpflege anstrengender und mühsamer, aber sie ist notwendig, wenn man nicht vereinsamen will. Das Internet hat diese Arbeit nicht erschaffen, es hat uns nur gezeigt, dass wir sie selbst leisten müssen.
Als 1980 Geborener gehöre ich zu einer Generation, die sowohl eine weitgehend analoge Kindheit erlebt hat als auch mit dem Aufkommen von Computern, Internet und Digitalisierung erwachsen geworden ist. Wir haben den technologischen Wandel nicht nur beobachtet, sondern aktiv miterlebt und uns Schritt für Schritt darin zurechtgefunden.
Gerade aus dieser Perspektive würde ich gerne auf den Gastbeitrag von Frau Ingrid Felbel reagieren. Ich halte es für wichtig, die unterschiedlichen Generationserfahrungen im Umgang mit Digitalisierung sichtbar zu machen und in einen sachlichen Dialog zu bringen.
Das Internet als Spiegel,
nicht Ursache der Gesellschaft
Frau Felbel beschreibt ein verbreitetes Gefühl: Überforderung durch Tempo, Verlust persönlicher Kontakte, Frust über Automatisierung. Das ist ernstzunehmen. Doch die Diagnose, das Internet sei der Kern des gesellschaftlichen Niedergangs, greift zu kurz – und verkennt zentrale Zusammenhänge.
Viele der genannten Entwicklungen – Filialschließungen, Kneipensterben, Rationalisierung, Selbstbedienung – sind keine Folge des Internets, sondern Ausdruck eines langfristigen Strukturwandels. Globalisierung, Effizienzdruck, verändertes Konsumverhalten und politische Rahmenbedingungen haben diese Prozesse angestoßen. Das Internet ist in vielen Fällen nicht Ursache, sondern Werkzeug – oft sogar Symptom bereits bestehender ökonomischer Dynamiken.
Besonders problematisch erscheint mir die Vermischung von Korrelation und Kausalität. Dass Kriminalität heute auch digital stattfindet, bedeutet nicht, dass sie durch das Internet entstanden ist. Kriminelle Strukturen existierten lange vor Glasfaser und WLan. Das sogenannte Darknet ist keine moralische Entgleisung der Technik, sondern eine technische Ausprägung von Anonymität – etwas, dass es in anderer Form immer gab: Bargeld, Briefkästen, Hinterzimmer, Offshore-Konstruktionen.
Das Internet macht vieles sichtbarer und schneller – aber Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Ursprung. Zudem schwingt in dem Text eine starke nostalgische Perspektive mit: Die Vergangenheit erscheint als Ort persönlicher Nähe und sozialer Wärme, die Gegenwart als kalt und entmenschlicht. Doch auch frühere Jahrzehnte waren nicht frei von Isolation, Betrug oder gesellschaftlicher Härte. Sie waren nur weniger vernetzt – und damit weniger transparent.
Das eigentliche Problem liegt daher nicht im Internet selbst, sondern im Umgang damit. Wenn Digitalisierung ausschließlich unter Effizienzgesichtspunkten betrieben wird und menschliche Begegnung systematisch ersetzt, entsteht berechtigter Unmut. Aber dafür ist nicht die Existenz digitaler Technologie verantwortlich, sondern ihre politische und wirtschaftliche Gestaltung.
Technik ist weder Teufelszeug noch Heilsversprechen. Sie verstärkt bestehende gesellschaftliche Strukturen. Wer sie pauschal moralisch verurteilt, vereinfacht komplexe Zusammenhänge und verkennt, dass Fortschritt immer ambivalent ist.
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wie konnte man das zulassen?“ Sondern: „Wie gestalten wir es verantwortlich?“ Geben wir also acht aufeinander – analog wie digital.
Es gibt sie noch: selbstbestimmte Menschen. Wunderbar! Vielen Dank, Frau Felbel, Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Und ich bewundere Ihren Mut, denn Sie werden (wahrscheinlich) als Zurückgebliebene verstanden. Dennoch sehen Sie sehr reflektiert und bedienen keinen Mainstream. Hochachtung!
Über die Gefahren, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat, sind mittlerweile alle im Bilde. Dass dadurch auch die Selbstbestimmung endet, ist allzu deutlich, wenn man bedenkt, wo man überall gezwungen wird, sich online oder anonym zu melden. Qualitativ haben wir uns zurückentwickelt.
Es handelt sich bei der Digitalisierung um ein Marktsegment, das überhaupt nicht nachhaltig ist, da immense Energiekosten benötigt werden, dafür aber stark unsozial ist. Wer zahlt für die Schäden, die dadurch entstehen? Suchtverhalten, Depression, Mobbing, Zeitverschwendung, Hackerangriffe und so weiter.
Die dadurch entstehenden Kosten werden übersehen und/oder privatisiert. Und das, obwohl die Bürger, keine echte Wahlmöglichkeit haben. Staaten kommen meiner Meinung nach ihrer Fürsorgepflicht nicht nach, wenn sie auf Digitalisierung setzen und kein Recht auf analoge Techniken einräumen.
Bei allen technischen Neuerungen verkümmern bestimmte Sinne, die durch Automaten ersetzt werden. Wieso merken die Menschen eigentlich nicht, dass sie sich selbst infrage stellen oder (durch KI) abschaffen? Welche Sinne sind bei den Menschen schon verkümmert, dass sie es hinnehmen oder schönreden?Ich persönlich möchte wählen können, welche Art von Kontakt ich haben will. Nur so bin ich frei. Alles andere ist Augenwischerei. Digitalisierung steht bei mir für Unfreiheit. Künstliche Intelligenz (KI) ist die Steigerung dessen.
Ich stimme dem Artikel von Frau Felbel zu 100 Prozent zu. Man weiß wirklich nie: Was ist Wahrheit, was ist echt? Die Fälschungen sind so perfekt, dass man das nicht mehr unterscheiden kann!
Und man kann ohne die künstliche Intelligenz am Telefon niemanden mehr direkt erreichen. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn man minutenlang Fragen dieser Stimme beantworten muss, um dann am Ende zu hören, man solle unter xxx im Internet die Lösung finden.
Und dass so viel Gewalt und Verbrechen durch das Internet geschehen kann, finde ich einfach erschreckend. Kein Wunder, dass die Gewaltbereitschaft, vor allen bei Jugendlichen, immer mehr zunimmt, kann man das doch tagtäglich im Internet sehen. Da müsste dringend ein Weg gefunden werden, das zu unterbinden!