Ein Silvio Berlusconi, der den europäischen Stier von hinten nimmt, war dann doch etwas zu schlüpfrig für die Beamten des EU-Parlaments. Gemeinsam mit zwei weiteren Entwürfen hat das Hohe Haus Europas jenes Foto der rollenden Karikatur vom italienischen Politiker aussortiert. Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly nahm es gelassen angesichts der Auswahl. Denn bis Ende dieser Woche hängen rund 50 großflächige Bilder seiner politischen Mottowagen, die in den vergangenen Jahrzehnten den Düsseldorfer Rosenmontagszug prägten, im EU-Parlament – angefangen vom sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, der als Sonne im Rosenmontagszug 1990 den Kalten Krieg zum Schmelzen brachte, über Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump bis zum Brexit und die Auseinandersetzung mit der AfD oder europäischen Querschießern wie Ungarn.

Einige der Wagen sind als kleine 3D-Modelle zu sehen, etwa das „Demokratieblatt“ aus dem Jahr 2017. Das Werk in Miniaturform zeigt fünf gefräßige Raupen, die ein grünes Blatt mit dem Wort „Demokratie“ anknabbern. Die Larven sind als Putin, Trump, Recep Tayyib Erdogan, Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, und Jarosław Kaczynski aus Polen dargestellt, also Politiker, die seit Jahren als rechtspopulistisch, antidemokratisch oder autoritär kritisiert werden. Schon damals hätte man spüren können, dass „weltpolitisch etwas ins Rutschen geraten ist“, erinnert sich Tilly. Demokratie werde nicht wie vor 100 Jahren „direkt zerstört“. Vielmehr höhlten „all diese Herrschaften die Demokratie mit den Mitteln der Staatsgewalt von innen“ aus, sagte er. Oder tun es noch immer, wie etwa im Fall von Orbán.

Die humorlose Fraktion der EU

Pointiert und provokant, subversiv, emotional und klar, bösartig und witzig – die Schau ist mit dem Titel „Gegen Machtmissbrauch mit Humor“ überschrieben und auf gewisse Lager in der Brüsseler EU-Blase ist Verlass, wenn es um Humor geht: Sie lassen einen Sinn dafür vermissen. Donald Trump als Arsch mit Ohren ging einigen rechtspopulistischen EU-Abgeordneten jedenfalls zu weit. Die satirische Darstellung des US-Präsidenten sorgte bereits 2016 für Aufregung im Rheinland. Doch es ist nicht überliefert, ob der rechtskonservativen EKR-Fraktion das Absurde an ihrer jetzigen Reaktion auf die Ausstellung bewusst war. „Wir respektieren voll und ganz die deutsche Karnevalstradition und das grundlegende Recht auf Meinungsfreiheit“, hieß es in einem am Dienstag veröffentlichten Statement. Doch diese Bilder zu präsentieren, sei „weder notwendig noch angemessen“, kritisierte der Co-Vorsitzende der EKR, Nicola Procaccini. Es gehe nicht um Zensur, sondern um Maßstäbe. „Unsere Institutionen müssen Würde und demokratischen Respekt widerspiegeln“, so der Italiener.

Strack-Zimmermann kontert Kritik

Die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann konnte über die Erklärung der EKR nur müde lächeln. Sie hatte die bis Ende der Woche laufende Ausstellung in Brüssel initiiert. „Wo offener Protest gefährlich ist, wird Humor zur leisen Waffe“, sagte die Liberale. Satire sei „keine Revolution, aber sie schwächt die emotionale Grundlage autoritärer Herrschaft“. Und: „Die Mächtigen fürchten den Spiegel“, den Jacques Tilly ihnen vorhalte. Die Furcht reicht selbst bis nach Moskau. Tilly muss sich aktuell vor einem russischen Gericht wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane verantworten, dazu gehört neben der Armee auch Präsident Putin.

Es geht unter anderem um einen Karnevalswagen, auf dem Figuren von Putin und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill beim Oralverkehr zu sehen sind. Darunter steht die Botschaft: „From Russia with Love“, „Liebesgrüße aus Russland“. Auch hiervon hängt ein Bild im EU-Parlament. Der Prozess findet derweil in Tillys Abwesenheit statt, trotzdem drohen hohe Strafen. Das Ziel sei, „Menschen einzuschüchtern“, so der Bildhauer. Er hätte nicht gedacht, dass sich das Regime „so zum Narren“ mache. „Zehn Jahre Arbeitslager für Pappmachéfiguren ist schon ziemlich hart.“

Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass auch beim nächsten Karneval wieder Putin und Trump prominente Rollen spielen, auch wenn Tilly erst an Weihnachten mit der Arbeit beginnt für die zwölf, 13 Wagen, die er und sein Team jährlich für den Karnevalsumzug aus Draht und Pappmaché bauen. Stets verfolgt der Künstler das Ziel, „Zeitgeschichte in Bildformeln einzufrieren“.