Was nun? Die „Stuttgarter Zeitung“ zitiert Landesverkehrsminister Hermann: Trotz der vielen Probleme und hohen Kosten des Projekts erteile er „möglichen Ausstiegsfantasien“ eine klare Absage. Es gebe „keinen Weg zurück, sondern nur nach vorne“, sagt Hermann, und das Land werde die Bahn weiterhin „konstruktiv begleiten“ und alles tun, dass der neue Bahnhof fertiggestellt werden könne.

Dabei haben „Ausstiegsfantasien“, wie Hermann es nennt, mittlerweile nicht einmal die S-21-Kritiker, zumindest nicht die im Aktionsbündnis (AB) gegen Stuttgart 21 organisierten. Sie fordern seit Jahren, die noch bestehende, oberirdische Bahn-Infrastruktur, den Kopfbahnhof und seine Zulaufgleise, zu erhalten, unabhängig davon, was dereinst aus dem unterirdischen Tiefbahnhof wird. Denn selbst wenn der irgendwann mal fertig werden wird und Züge durch ihn fahren, ist fraglich, ob er die von den Projektfans versprochene Kapazität je erreichen wird. Ganz abgesehen davon, dass er nicht erweiterbar sein wird, und damit verhindert, dass es mehr Schienenkapazitäten und so mehr Personenverkehr auf der Schiene geben wird.

Und ganz abgesehen davon muss man heute keiner und keinem Bahn-Reisenden mehr sagen, dass von der Bahn keine Wunder zu erwarten sind – weder im Bau noch im Betrieb. Auch wenn der Bahnhof irgendwann fertig sein sollte, auch wenn es zu keinen Unfällen in den vielen Tunneln kommt, auch dann ist nicht zu erwarten, dass er stets reibungslos funktioniert. Betriebsstörungen, Verspätungen und Zugausfälle werden weiterhin zum täglichen Modus der Bahn gehören.

So scheint es plausibel, dass die Probezeit des neuen Tiefbahnhofs enthüllen wird, dass oberirdisch doch noch etwas gebraucht wird. Dann liegen zwar zum Glück die meisten der alten Schienen noch, aber die Gäubahn ist dann schon abgebaut – so der Plan. Weswegen Reisende aus Richtung Zürich nicht nur vom Stuttgarter Hauptbahnhof abgekoppelt sein werden, sondern auch die S-Bahn kein vernünftiges Notfallkonzept mehr haben wird.

Bestehende Infrastruktur: sanieren, bitte

Und bis dahin wird die bestehende oberirdische Infrastruktur noch viel maroder sein als jetzt, hat bis dahin zu vielen weiteren Störungen, Verspätungen, Zugausfällen geführt. Denn wegen der Fata Morgana des ja bald als Ersatz fertigen Tiefbahnhofs ist die seit Jahrzehnten dem kontinuierlichen Verfall preisgegeben.

Deswegen wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, dass sich die S-21-Projektpartner – die Bahn, das Land, die Region Stuttgart und ganz besonders die von frei werdenden Bauflächen träumende Stadt – nun endlich von ein paar Positionen verabschieden.

Zum Ersten: dass man den noch bestehenden Kopfbahnhof weiter verfallen lassen kann. Er und der Gäubahnanschluss sollten „für einen dauerhaften stabilen Betrieb“ saniert werden, fordert das Aktionsbündnis als Reaktion auf die erneute Verschiebung. Und es müssten alle Maßnahmen ergriffen werden, die Bahnreisende „vor weiteren Zumutungen wie Schienenersatzverkehren, Fernwanderwegen, endlosen Baustellen, schützen können“. In der Pressemitteilung plädieren die Projektkritiker konkret für eine „minimalinvasive“ Sanierung – vermutlich mit Anspielung auf die Generalsanierungen der DB, die mit temporären Vollsperrungen von Strecken und damit einhergehenden enormen Zumutungen für Reisende arbeiten. Fun fact: Auf bereits generalsanierten Strecken fahren teilweise die Züge langsamer als vorher – aber das ist eine andere Geschichte.