Ruhig und beschaulich muss es am Mittwoch an Münchens Schulen zugegangen sein. Denn so viele junge Menschen auf einen Schlag haben wohl noch nie die Riemer Messehallen geflutet. Dabei geht es gar nicht um neue Trends der Gaming-Branche, sondern um das gute alte Handwerk. Oder um gleich auf den Punkt zu kommen: um das seit Jahren verzweifelt nach Nachwuchs suchende Handwerk. Fachkräftemangel, wohin man schaut, nicht nur bei Tischlern, Elektrotechnikern und Kfz-Mechatronikern.

Eine Studie des „Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung“ vom Juni 2025 berichtet von 391 000 unbesetzten Stellen im Handwerk. Zwei Drittel der Befragten denken über einen Branchenwechsel nach. Schlimme Zahlen, aber die Wirtschaft, sie will einfach nicht anspringen. In Bayern hat man 2022 für alle Schulen einen verpflichtenden „Tag des Handwerks“ eingeführt, der an kein Datum gebunden ist. Aber was bietet sich dazu als schulische Exkursion besser an als ein Besuch der viertägigen Internationalen Handwerksmesse? Eben.

800 Aussteller in fünf Hallen: Da muss man sich vorab etwas rauspicken, um nicht erschlagen zu werden. Und so dirigieren viele Lehrkräfte ihre Schützlinge erst mal in Halle C1, wo die Handwerkskammer unter dem Motto „Macher gesucht“ eine Rallye anbietet, bei der man 23 Berufe testen kann, vom Brezn-Schwingen bis zur Leberkäs-VR der Metzgerinnung („Du bist, was du isst“). Eine lange Schlange hat sich am Konditor-Stand gebildet, wohl weil man da gratis Zimtschnecken futtern kann. Förderschul-Lehrer Mathis Top, der mit siebter, achter und neunter Klasse da ist, bestätigt den Eindruck: „Die Schüler interessieren vor allem die Stände, an denen es was umsonst gibt.“

Lehrer Mathis Top versucht, eine Brezel zu formen.Lehrer Mathis Top versucht, eine Brezel zu formen. Catherina Hess

Wobei: Ein paar Schritte weiter zieht eine Minecraft-Optik die Teenager magnetisch an. Mike Schleiermacher vom Zentralverband des Deutschen Handwerks erklärt „Handwerk Heroes“, eine App, die intuitiv mit dem Handwerk in Kontakt bringen soll: „136 Berufe, interaktiv begehbar, mit Bau-Challenges und einer eigens entwickelten Handwerksstadt im Minecraft-Universum. Das ist Berufsberatung mal anders.“ Man könne eigene Charaktere entwickeln,  „und wer den QR-Code scannt, kann alles auf dem Handy mit heim nehmen“. Freigegeben ist die App ab 13 Jahren, und wie am Stand zu sehen ist, holt sie den Nachwuchs eher ab als Flyer und Broschüren.

Apropos abholen: Da hat sich auch der Zentralverband für Uhren etwas einfallen lassen. Im sogenannten Uhrmacher-Mobil wurde in einen handelsüblichen Sprinter-Van eine Werkstatt eingebaut. „Wir fahren vor, machen die Tür auf, und los geht’s!“, sagt Albert Fischer, der Präsident des Innungsverbands. „Nur Instagram hilft nicht, wir wollten mehr Sichtbarkeit, mehr Neugier.“ Auch in seinem Handwerksbereich seien die Ausbildungszahlen „seit Jahren rückläufig, Tausende Uhrmacher fehlen“.

Werkstatt im Van: Das Uhrmacher-Mobil soll die Handwerkskunst vor Ort anschaulich machen.Werkstatt im Van: Das Uhrmacher-Mobil soll die Handwerkskunst vor Ort anschaulich machen. Catherina Hess

Davon können die Flecktarnträger von der Bundeswehr ein paar Stände weiter ebenfalls berichten. Viele Jungs und erstaunlich viele Mädchen interessieren sich für das Patrouillenfahrzeug Igel 4, das für den Einsatz in Afghanistan und Mali konzipiert wurde, erzählt einer der Militärs. Nebenan setzen junge Burschen Stahlhelme auf und legen Kampfausrüstung an – so was hat ja sonst keiner auf Instagram.

Ernsthafter geht es beim Nationalteam der Stuckateure zu, wo sich per Wettbewerb entscheidet, wer im September in Shanghai bei der WorldSkills genannten Berufsweltmeisterschaft für Deutschland antreten darf. Im Vorjahr gewann der Bayer Franz Lehnert und fuhr daraufhin zur EuroSkills nach Dänemark. Um ein ernstes Thema geht es auch am Stand nebenan, bei dem um Bestattungsfachkräfte geworben wird, auch mittels einer Puppe, die aus einem Sarg heraus einen überdimensionierten Daumen nach oben reckt. Interessant, wie gut das Thema Sterben auf Social Media ankommt: In Fürth stellt ein Teenager seit zwei Jahren für das Unternehmen „Bestattungen Burger“ Tiktok-Videos online, zu Themen wie „Popcorn-Party im Krematorium“ oder „Was wenn ein Obdachloser stirbt?“ Followerzahl: 1,4 Millionen.

Auch Bestatter lassen sich für die Messe etwas einfallen, um aufzufallen.Auch Bestatter lassen sich für die Messe etwas einfallen, um aufzufallen. Catherina Hess

Da kann Andreas Schützenberger nicht mithalten, will er auch gar nicht. Der Mann kommt eher vom Machen, gilt als renommiertester Rampenbauer Europas, was Fans des Action-Spektakels Munich Mash im Olympiapark bestätigen können. Hier auf der Messe baut er jeden Tag zwei Quarterpipes für BMX-Fahrer, hat sich nun einen Jungen geschnappt, ihm einen Akkuschrauber und eine armlange Schraube in die Hand gedrückt und fordert dessen Kumpels auf, den angehenden Handwerker lautstark zu unterstützen: „Feuert’s ihn an!“ Und zum Schraubendreher: „Konzentrier’ dich!“ Siehe da: Die Monsterschraube verschwindet vorschriftsmäßig im Holz. Jubel! Auch so kann man den Nachwuchs also zum Handwerken bringen.

Das deutsche Handwerk will nicht in Schwung kommen. Vielleicht kann der Schaukelbauer Andreas Bunsen helfen?Das deutsche Handwerk will nicht in Schwung kommen. Vielleicht kann der Schaukelbauer Andreas Bunsen helfen? Catherina Hess

Ein gutes Stück federleichter geht es bei der „bayern design Sonderschau“ namens „Kopf, Hand, Herz“ in der Halle B2 zu. Wer dort mit dem gelernten Marketingmenschen Andreas Bunsen über seine Hutschn, wie man in Berchtesgaden zu Schaukeln sagt, ins Gespräch kommt, gerät flott ins Philosophieren über Bewegung und Begegnung und die stressabbauende Wirkung des Schaukelns. Buch-Tipp: „Schaukeln: Die kleine Kunst der Lebensfreude“, von Wilhelm Schmid.

Und wer jetzt noch wissen will, was zu tun ist, damit die Wirtschaft endlich wieder ins Laufen kommt, der sollte am Freitag kommen, wenn der Kanzler spricht. Außerdem ist an dem Tag auch noch Torten-Gala, Halle B3. Es dürfte wieder schön voll werden auf der Messe.