• Zum 200-jährigen Jubiläum der Sparkasse wird die Kunsthalle nach jahrelanger Schließung wiedereröffnet.
  • Die neue Ausstellung „Im Angesicht der Zeiten“ nimmt die Darstellung der menschlichen Figur in den Blick.
  • Eine Malklasse der HGB praktizierte eine künstlerische Intervention und bemalte die tragenden Säulen der Kunsthalle.

Manchmal steht die Kunstwelt Kopf. In Leipzig tut sie das im buchstäblichen Sinne seit 25 Jahren schon. Denn der Schriftzug am Eingangsbereich der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig ist kopfüber und seitenverkehrt angebracht. Auf der Wasseroberfläche des vor dem Gründerzeitgebäudes in bester City-Lage dahinfließenden Pleiße-Mühlgrabens spiegelt sich dann alles korrekt lesbar. Ein kleiner Kunstgriff mit Pfiff, der zuletzt aber seine Wirkung verfehlte. Die Eingangstür zur Kunsthalle blieb dem Publikum seit Jahren verschlossen.

Ein Schatz: größte Sammlung Leipziger Kunst

Erst kam Corona, dann ging die Kuratorin in den Ruhestand und die Finanzwelt hatte mit Negativzinsen zu kämpfen. Doch inzwischen hat man bei der Sparkasse Leipzig offensichtlich die alte Freude wieder gefunden: am Geld und der Kunst. Denn der Zins ist zurück und das mache vieles leichter, erklärt Vorstandsvorsitzender Harald Langenfeld. Und er betont: „Aber ganz im Ernst, wir hatten immer vor, die Kunsthalle wieder aufzumachen.“

Wir hatten immer vor, die Kunsthalle wieder aufzumachen.

Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender Sparkasse Leipzig

Der Sparkassenvorstand spricht von einem Geschenk, das man zum 200-jährigen Jubiläum des Geldinstituts sich selbst und dem Publikum macht. Man könnte auch von einem Schatz sprechen, der nun wieder gehoben wurde. Die in den 1990er-Jahren begonnene Sammlung der Sparkasse Leipzig umfasst heute über 5.000 Einzelpositionen aller Genre: Malerei, Grafik, Fotografie, Zeichnungen, bildhauerische Objekte, Installationen und Medienkunst sind hier vertreten. Nicht ohne Stolz spricht Langenfeld von der größten Sammlung Leipziger Kunst in der Stadt. Für die man jetzt auch wieder eine Kuratorin gesucht und gefunden hat.

Leipziger Schule im „Angesicht der Zeiten“

Sie heißt Olga Vostretsova, wurde in Novosibirsk geboren und lebt seit ihrem Studium an der Hochschule für Grafik- und Buchkunst (HGB) im Jahr 2003 in Leipzig. Als sie sich in den Bestand der Sammlung und die Historie der Kunsthalle einarbeitete, stellte sie fest, dass es hier noch nie eine explizite Ausstellung zur menschlichen Figur gegeben hat. Weswegen diese jetzt im Mittelpunkt der Wiedereröffnung steht. „Im Angesicht der Zeiten“ ist ihr Titel.

Eins der intensiv-realistischen Porträts von Wolfgang Peuker begrüßt das Publikum. Die hier dargestellte junge Frau nimmt dabei aus dem gemalten Augenwinkel Blickkontakt mit einem Werk gleich daneben auf. Katharina Immekus hat „Drei Schals“ in abstrakt-technoider Buntheit auf die Leinwand gebannt. Stilistisch ein antipodisches Nebeneinander, das in seiner Farbigkeit aber zu einem korrespondierenden Miteinander findet.

Aus den Ateliers der Künstlerfamilien Tübke und Mattheuer

Die Kuratorin hat sich immer wieder von solchen Impulsen leiten lassen und ein, wie sie es nennt, „vielschichtiges Netz der Beziehungen und Verknüpfungen“ geschaffen, dass sie in einem labyrinthisch verschachtelten Raumkonzept präsentiert. Da geht es um die Figur im Stadtraum, familiäre Atelier-Beziehungen der Tübkes, Mattheuers oder Müllers der Leipziger Schule werden da aufgezeigt, Lehrer treffen auf Schüler, Künstlergruppen formieren sich, Mann, Frau und Diversität zeigen sich in teils provozierender Nacktheit. Das beginnt in den frühen 50er- und endet in den 2010er-Jahren. Offenbar die Zeit der letzten Ankäufe durch die Sparkasse.

Junge Kunst am Bau

Kein Schlusspunkt allerdings für die Kuratorin. Sie hat eine Malklasse, die sich gegenwärtig an der HGB figurativ ausbilden lässt, für eine künstlerische Intervention engagiert. In zartem Hellblau haben die jungen Leute die tragenden Säulen der Kunsthalle bemalt. Bezugnehmend zu den Bildern an den Wänden bringen sie sich mit ihrem heutigen Blick frech und unbekümmert ein. So kann, so soll es sein, findet auch der Sparkassenvorstand Dr. Harald Langenfeld und verspricht: „Diese Kunsthalle hat eine klare Perspektive für die Zukunft, wir werden sie auf Dauer und für den Dialog mit dem Publikum und der Kunst offen halten.“

Diese Kunsthalle hat eine klare Perspektive für die Zukunft.

Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender Sparkasse Leipzig

Sehr gut zu diesem Versprechen passt dann auch, was auf einem gemeinsamen Kunstwerk des legendären Leipziger Künstlerpaares Edith Tar und Radjo Monk zu lesen ist: „Wer zu Hause Schutz sucht, den verschlingt das eingemachte Bild“. In diesem Sinne: raus aus den eigenen vier Wänden und rein in die wiedereröffnete Kunsthalle der Leipziger Sparkasse.