Seit Jahren kämpfen das Gewandhaus und die Oper Leipzig mit strukturellen Defiziten. Bei der Oper beträgt der Verlust aktuell 2,3 Millionen Euro, beim Gewandhaus 1,65 Millionen Euro. Die Unterfinanzierung sei durch gestiegene Kosten für Personal, Dienstleistungen und insbesondere im Energiebereich entstanden, erklärt die geschäftsführende Intendantin und Verwaltungsdirektorin Lydia Schubert im Gespräch mit MDR KULTUR. Zudem seien die Basiszuweisungen der Stadt seit 2015 nicht erhöht worden, ergänzt Andreas Schulz, Direktor des Gewandhauses in Leipzig.
Wenn die Stadt jetzt einmal Strukturen zerstört, kommen die nie wieder.
Lydia Schubert, geschäftsführende Intendantin Oper Leipzig
Hinzu kommen für die Oper sinkende Publikumszahlen. Während die Auslastung 2019 noch bei 71 Prozent lag, ist sie mittlerweile auf 58 Prozent gesunken. Zudem fordert die Stadt Leipzig von ihren Eigenbetrieben Kultur jährliche Einsparungen, damit der Haushalt konsolidiert wird – wobei Oper und Gewandhaus das Orchester des Gewandhauses gemeinsam finanzieren. Dabei trägt die Oper 39 Prozent der Kosten, die in Summe etwas über 10 Millionen Euro ausmachen.
Publikum mit verändertem Spielplan anlocken
Um dieser Problematik zu begegnen, haben Gewandhaus und Oper bereits Maßnahmen ergriffen. So soll vor allem das Programm der Oper noch stärker auf die Interessen des Publikums ausgerichtet werden.
Normalerweise planen Gewandhaus und Oper drei Jahre im Voraus. Auf Grund der in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen wurde der Spielplan 2026/27 jedoch noch einmal stark umgestaltet, erzählt Lydia Schubert bei MDR KULTUR.
Wir haben den Spielplan für 26/27 doch nochmal sehr auf den Kopf gestellt.
Lydia Schubert, geschäftsführende Intendantin Oper Leipzig
Dabei gehe es beispielsweise auch darum, zu schauen, welche Veranstaltungen die Spielzeit eröffnen. „Wie gehen wir rein? Mit einem Tag der offenen Tür, mit einem Eröffnungskonzert zu günstigen Preisen für alle Leipzigerinnen und Leipziger, wo sich’s jeder leisten kann“, listet Schubert die Möglichkeiten auf. Man schaue auch, wie häufig und in welchen Abständen man ein Stück spielen könne und was beim Leipziger Publikum ankomme.
Auch auf Stücke zu setzen, die bereits in der Vergangenheit vom Publikum sehr positiv aufgenommen wurden, ist laut Schubert eine Lösung. Im Gespräch gibt die Interims-Opernchefin diesbezüglich zu: „Wenn ich jetzt auf einen ‚Holländer‘, auf eine ‚Bohème‘ schaue, auch auf eine ‚La Traviata‘ – die sind einfach voll.“
Öffentlichkeit ins Gewandhaus holen
Das Gewandhaus hat bereits gute Erfahrungen damit gemacht, sich zu öffnen, erzählt Gewandhausdirektor Andreas Schulz bei MDR KULTUR. So habe man an einem Wochenende im Februar den Mendelssohnsaal und die Foyers für Studierende zum Lernen geöffnet, während öffentliche Proben stattfanden.
Wir haben einfach mal alle Foyers geöffnet und das war ein sensationeller Erfolg.
Andreas Schulz, Direktor des Gewandhauses
Das war laut Schulz ein sensationeller Erfolg und wurde sehr gut angenommen. Spontan sei das Angebot sogar um einen Tag verlängert worden. Man prüfe nun, inwiefern man dieses Angebot ausweiten könne.
Oper Leipzig – ein kulturelles Wohnzimmer für die Stadt?
Auch die Oper Leipzig will sich künftig stärker für breitere Gesellschaftsschichten öffnen. Chefdramaturgin Marlene Hahn hat dazu bereits den Begriff „kulturelles Wohnzimmer“ geprägt, berichtet Interims-Opernchefin Lydia Schubert und kündigt an, dass man schon in der Spielzeit 2026/27 neue Formate anbieten wird.
Als Beispiele nennt sie Treppenkonzerte und eine Singbar. Auch eine Öffnung des Hauses über den Tag hinweg seien in der Diskussion, gibt Schubert an, diese seien jedoch abhängig von möglichen Förderungen.
Einsparungen in Millionenhöhe
Insgesamt will die Oper Leipzig in diesem Jahr zweieinhalb Millionen Euro sparen. So verringere man zum Beispiel Reinigungszyklen und schaue, welche Instandhaltungen wirklich nötig seien.
2026 plant die Oper 2,5 Millionen Euro einzusparen.
Lydia Schubert, geschäftsführende Intendantin Oper Leipzig
Sowohl Oper als auch Gewandhaus sparen zudem Gelder ein, indem sie Stellen temporär oder auch gar nicht neu besetzen. Gewandhausdirektor Schulz warnt jedoch, dass man für Publikum und Sponsoren attraktiv bleiben und daher klug ausbalancieren müsse, wie weit man ein Haus herunterschraube.
Dem schließt sich auch Interims-Opernchefin Lydia Schubert an. Einsparungen gingen nur bis zu einem gewissen Punkt, danach könne man das Angebot im ursprünglichen Umfang nicht mehr aufrechterhalten. Einmal zerstörte Strukturen kämen nie wieder.
Musikstadt Leipzig Festivals werden eingedampft
Besonders bitter greift der Sparzwang bei den großen Festivals. Zum Schostakowitsch-Festival 2025 habe man noch um die 60 Konzerte gespielt. Beethoven werde 2027 nicht so groß gefeiert werden können, bedauert Gewandhausdirektor Andreas Schulz. „Dennoch werden wir ein kleines Festival machen mit rund 25 Konzerten, was zwischen Mitte bis Ende Mai stattfinden wird.“
In der Größe wie Schostakowitsch 2025 werden wir 2027 Beethoven nicht feiern.
Andreas Schulz, Direktor des Gewandhauses
Stärkere Zusammenarbeit von Oper und Gewandhaus
Um den immer knapper werdenden Finanzmitteln zu begegnen, setzen Gewandhaus und Oper auf intensivierte Zusammenarbeit. Man werde diese schwierige Zeit im Schulterschluss durchstehen, gibt sich Lydia Schubert kämpferisch: „Man geht durch Täler, um dann umso höher steigen zu können. Wir werden Kraft sammeln für die Zukunft.“ „Und die Musikstadt Leipzig nach innen und nach außen leuchten lassen, in allen Farben, die es gibt“, ergänzt Andreas Schulz.
Quellen: MDR (Bettina Volksdorf); redaktionelle Bearbeitung: hro, tmk