Bei ihrem ersten „Wohnzimmergespräch“ hat die Polizei Köln ein wichtiges Thema in den Mittelpunkt gestellt: Schockanrufe. Damit bringen Betrüger auch Menschen (nicht nur Senioren) aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis regelmäßig um ihr Erspartes. Expertinnen und eine Betroffene haben bei dem Online-Termin die perfiden Methoden der Täter beschrieben und Hilfsangebote erklärt. Die Geschichte von Eva N., die beinahe 10.000 Euro und Krüger-Rands ihrer vier Kinder als „Kaution“ übergeben hätte, zeigt deutlich: Man sollte sich von dem Gedanken „Mir kann das nicht passieren“ verabschieden. Und die Tipps an ältere Freunde und Verwandte weitergeben.
Die Runde mit Martina Böhmer (Fachberaterin für geriatrische Psychotraumatologie, Verein paula), Anja Kleck (Opferschutzbeauftragte der Polizei Köln) und Sigrid Jung (Seniorenprävention der Polizei Köln) wurde moderiert von Marie Duske aus dem Kriminalkommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Polizei Rhein-Berg. Etwa 75 Zuschauer kamen online zusammen und hörten, wie Eva N. beschrieb, wie sie bei dem Schockanruf vor einigen Jahren „in einen Tunnel geriet und alles andere ausblendete“. Die Täter, laut Jung rufen sie aus Callcentern im Ausland an, haben N. in einem für sie günstigen Moment erwischt: allein zu Hause, der Mann und die Kinder waren Skifahren. Ihr „Sohn“ rief weinend an, er habe eine Frau überfahren, die sei tot. Eine angebliche Polizistin am Festnetz und ein „Staatsanwalt Grüntal“ am Handy ließen sie dann glauben, der Sohn müsse ohne Kaution von 50.000 Euro bis zum Prozess in Untersuchungshaft bleiben. Die Betrüger profitierten zunächst davon, dass N. den Namen ihres Sohnes nannte und den Skiurlaub erwähnte (“Seid ihr früher zurück?“) und bauten immer mehr Druck auf.
„Die Anrufer sind sehr geschult, was es bedeutet, jemanden in eine bedrohliche Situation zu versetzen“, erläutert Martina Böhmer die „physiologischen Prozesse“ dahinter. In einem kurzen Ausschnitt aus einem Infofilm hört man, wie flehentlich geweint und Mama gerufen wird. Da setze das Denken beim Opfer aus, man könne nicht kämpfen oder fliehen, wolle aber etwas tun – und das bieten die Täter dann an: Du kannst Kaution stellen oder eine lebensrettende Infusion bezahlen. Wichtig zum einen: sich vergegenwärtigen, dass Polizei oder Staatsanwaltschaft nie mit unterdrückter Nummer anruft, Kaution fordern oder Geld einsammeln. Eva N. hat schließlich geholfen, dass die Täter sie zum Amtsgericht Düsseldorf und dann zu einem Krankenhaus zur Geldübergabe schickten. Sie war so geistesgegenwärtig, die Rezeption die Polizei alarmieren zu lassen – die Schockstarre hatte nachgelassen.
Böhmer sagt klar: „Es ist nicht die eigene Schuld. Die Scham muss die Seiten wechseln.“ Denn mit Scham und Verzweiflung kämpfen viele Opfer, sind sauer auf sich selber. Auf der Homepage der Polizei Köln sind die Kontakte zu Hilfsangeboten wie dem Verein paula oder dem Weißen Ring zu finden, auch die Opferschutzbeauftragte Anja Kleck steht zur Verfügung. Einen wichtigen Tipp gibt Martina Böhmer noch allen: „Denken sie darüber nach, wie würde ich handeln, was kann ich sagen. Denn einfach aufzulegen trauen sich die meisten nicht.“