Nach langen Ermittlungen und einem Geständnis des damaligen Balsam-Finanzchefs Klaus-Detlev Schlienkamp startet 1996 der Prozess rund um den Milliardenbetrug vor dem Bielefelder Landgericht. Zweieinhalb Jahre später jedoch setzt sich Schlienkamp ab.

Erst erreicht das Gericht ein Schreiben, demzufolge der Manager seinem Leben ein Ende bereiten wolle. Etwas später erhalten seine Anwälte eine Mail: „The whole body has been eaten by the fish“, heißt es da. Demnach soll Schlienkamp bei einem Tauchgang in der Karibik umgekommen sein. Kann das wirklich sein?

In der neuen Folge von „OstwestFälle“, dem True-Crime-Podcast der Neuen Westfälischen, führt Nicole Donath, Redaktionsleiterin des Haller Kreisblatts, durch den Fall Balsam. Den zweiten Teil unserer Live-Podcast-Veranstaltung gibt es jetzt zum Nachhören. Zu Gast waren im Dezember 2025: Martin Fröhlich, stellvertretender Chefredakteur der NW, Ex-Balsam-Buchhalter Rudi Deike, Holger Rostek, Anwalt des ehemaligen Balsam-Finanzchefs Schlienkamp, sowie Steinhagens Alt-Bürgermeister Klaus Besser – gemeinsam erinnern sie sich, wie der Fall ungewöhnliche Wendungen nahm.

Finanz-Skandal Balsam – Das Wichtigste im Überblick

  • Ein anonymer Brief mit einer Anzeige bringt den Skandal ans Licht
  • Der Absender erhebt schwere Vorwürfe gegen den Vorstand der Balsam AG
  • Finanzchef Klaus-Detlev Schlienkamp hat Aufträge vorgetäuscht, die es nicht gegeben hat
  • Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Wallmeier ermittelt mit maximaler Akribie
  • Schlienkamp gesteht vollumfänglich
  • Der Vorstand der Balsam AG wird festgenommen

Mitarbeiter erinnert sich an gute Zeiten bei der Balsam AG in Steinhagen

Buchhalter Deike braucht morgens kaum fünf Minuten zur Arbeit. Als Mitarbeiter der Balsam AG wohnt er gleich um die Ecke – in Steinhagen ist das nichts Ungewöhnliches. Viele aus dem Ort verdienen hier ihr Geld. Deike beschreibt seine Zeit bei Balsam als schön.

Was damals niemand ahnt: Als er Mitte der 1980er-Jahre bei der Balsam AG anfängt, ist diese längst konkursreif. Doch die Führungsetage meldet keinen Konkurs an – wohl auch, weil mit dem Gang zum Gericht ihre beträchtlichen Bezüge verloren gegangen wären.


Klaus-Detlev Schlienkamp fälschte in den 1980er- und 1990er-Jahren im großen Stil Rechnungen zugunsten der Balsam AG. - © Nicole Donath

Klaus-Detlev Schlienkamp fälschte in den 1980er- und 1990er-Jahren im großen Stil Rechnungen zugunsten der Balsam AG.
| © Nicole Donath

Vor allem verdient Finanzchef Klaus-Detlev Schlienkamp prächtig: 1986 summieren sich sein Gehalt, Provisionen und Tantiemen auf 540.000 D-Mark. Im Jahr 1993 sind es bereits 4,9 Millionen D-Mark. Zusätzlich fließen 1993 noch einmal rund 2,3 Millionen D-Mark aus Kapitalvermögen und Beteiligungen – an der Procedo GmbH und der CMS GmbH – an ihn.

Hören Sie im ersten Teil, wie der Balsam-Skandal aufgedeckt wurde
Steinhagener Finanzchef erzählt seinem Anwalt von Fälschung


Beim Live-Event tauschten sich Rudi Deike (v. l.), Martin Fröhlich, Holger Rostek, Nicole Donath und Klaus Besser über den Balsam-Skandal aus. - © Sarah Jonek

Beim Live-Event tauschten sich Rudi Deike (v. l.), Martin Fröhlich, Holger Rostek, Nicole Donath und Klaus Besser über den Balsam-Skandal aus.
| © Sarah Jonek

Ein anonymer Brief mit einem Schlüssel für ein Schließfach am Bielefelder Hauptbahnhof sorgt bei der Staatsanwaltschaft im November 1992 dann für Aufsehen. Der Absender verspricht „vertrauliche Informationen“ – und erhebt zugleich schwere Vorwürfe gegen den Vorstand der Balsam AG. In dem Schreiben ist von einer „kriminellen Vereinigung“ die Rede, zudem von Wirtschaftsbetrug in Milliardenhöhe.

Später erzählt Schlienkamp seinem Anwalt Rostek, er habe Rechnungen gefälscht, um Kredite zu bekommen. Die kriminelle Methode von Balsam war so verblüffend einfach wie dreist. In Rechnungen wurden Fantasiebeträge eingetragen, ein Finanzdienstleister streckte das Geld vor, das jedoch nie in vollem Umfang ins Unternehmen kam. Manche Aufträge wurden gar frei erfunden. „Man kann das heute kaum glauben, aber Klaus Schlienkamp hat das ganze System mit Schere, Klebstoff und einem Faxgerät aufgebaut“, erinnert sich Nicole Donath.

Lange Zeit bleiben seine Betrügereien ohne Konsequenzen – bis zum 31. Mai 1994. An diesem Tag sendet das ZDF einen Beitrag über „deutsche Edelkriminelle, die sich mit frisierten Unterlagen und teils erfundenen Auslandsprojekten Milliardenkredite“ erschleichen. Der Name Balsam fällt nicht – doch Begriffe wie Sportboden-Hersteller und OWL sowie das Balsam-Logo blitzen über den Bildschirm.

Balsam-Podcast, Teil 1: Milliardenbetrug in Steinhagen – neuer Podcast zum Balsam-Skandal

Rückblick: Balsam wird zur Spitzenmarke im Sportstättenbau

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, lohnt ein Blick zurück ins Jahr 1965. Friedel Balsam wagt den Sprung in die Selbstständigkeit – mit einem Lastwagen, einer Schreibmaschine und geliehenen 7.000 D-Mark. Seine Geschäftsidee: Laufbahnen von Sportplätzen mit roter Schlacke aus den Zechenhallen zu belegen.

Balsam wird schnell zur Spitzenmarke im Sportstättenbau. „Wir bereiten dem Sport den Boden“ lautet der Slogan. Doch Friedel Balsam will mehr, er möchte ein Monopol. Er unterbietet Mitbewerber mit Dumpingpreisen, kauft sie auf – und verliert am Ende den Überblick über die Kosten.

Doch obwohl die Geschäfte schlecht laufen, vermehrt sich das Firmengeld auf wundersame Weise. Die treibende Kraft dahinter: Finanzchef Schlienkamp, der Rechnungen am Fließband fälscht. Doch bleiben seine Machenschaften nicht unentdeckt. Ein Vertrauter sammelt die Belege, weitere Informationen und manipulierte Bilanzen. Nachdem er das Unternehmen verlassen hat, hinterlegt er die Unterlagen in einem Schließfach am Bielefelder Bahnhof und sendet den Schlüssel an die Staatsanwaltschaft Bielefeld.

Hintergrund: Finanzskandal des Steinhagener Sportbodenherstellers Balsam als TV-Doku

Bielefelder Oberstaatsanwalt prüft brisante Unterlagen


Nicole Donath, Redaktionsleiterin des Haller Kreisblatts, mit Steinhagens Alt-Bürgermeister Klaus Besser. Sie erlebte während der Recherche rund um den Balsam-Skandal immer wieder merkwürdige Dinge. - © Sarah Jonek

Nicole Donath, Redaktionsleiterin des Haller Kreisblatts, mit Steinhagens Alt-Bürgermeister Klaus Besser. Sie erlebte während der Recherche rund um den Balsam-Skandal immer wieder merkwürdige Dinge.
| © Sarah Jonek

Die Unterlagen prüft der Bielefelder Oberstaatsanwalt Jost Schmiedeskamp; er hält die Vorwürfe allerdings für kaum glaubhaft – und legt die Dokumente zu den Akten. Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Wallmeier hingegen glaubt den Anschuldigungen. Er bittet den Staatsanwalt um Akteneinsicht – doch dieser lehnt ab. Der Kommissar begibt sich daraufhin selbst auf die Spurensuche.

Nach knapp einem Jahr weiß er, wer hinter der Anzeige steckt, und trifft sich zweimal mit dem ehemaligen Balsam-Mitarbeiter. Sein neues Wissen nutzt der Kommissar für weitere Ermittlungen und gewinnt neue Erkenntnisse. Diese gibt er auch an den Oberstaatsanwalt weiter – der weist ihn allerdings erneut ab.

Wallmeier wiederum lässt sich nicht entmutigen und macht weiter. In seinem Urlaub 1993 überprüft er Aufträge der Firma, fährt nach Frankreich und erkennt schnell den offensichtlichen Schwindel. Dort, wo Bauprojekte hätten sein sollen, gibt es keine. Auch diesen Bericht leitet er weiter – ohne eine Reaktion.

Mehr Podcast-Folgen: Überblick – True Crime in OWL

Gerüchte über Vetternwirtschaft – Oberstaatsanwalt unter Verdacht

Lange Zeit wird eine Verbindung zwischen den Familien Schmiedeskamp und Balsam vermutet. Dies kann aber nie bestätigt werden. Im NRW-Landtag wird auch ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, der sich mit der Rolle der Staatsanwaltschaft Bielefeld befasst.

Die Generalstaatsanwaltschaft Köln hat einen Bericht rund um den Fall verfasst, der längst zur Staatsaffäre geworden ist. Kommissar Wallmeier indes erhält einen Preis für seine Hartnäckigkeit. Von den NRW-Grünen bekommt er den „Orden des aufrechten Ganges“ und 4.000 D-Mark.

Als der Balsam-Vorstand verhaftet wird, erhält der Kriminalhauptkommissar einen Drohanruf. Ein Mann ist am Hörer: Wallmeier solle die Finger von den Balsam-Ermittlungen lassen, sonst müssten er und seine Familie sterben. Doch davon lässt sich Wallmeier nicht einschüchtern.

Ermittler erhält Drohungen, Journalistin passieren merkwürdige Dinge

Aber nicht nur Karl-Heinz Wallmeier erhält Drohungen, auch Journalistinnen und Journalisten wie Nicole Donath, die damals über den Finanzskandal berichtet. „Mein Auto wurde 18 Mal aufgebrochen, und es war egal, wo ich gestanden habe, ob in Halle oder Bielefeld oder Werter“, erzählt sie. Ihr Telefon wurde abgehört, einmal wurden Autoreifen aufgestochen. Sie betont aber auch: Es seien nie Zusammenhänge zwischen den kuriosen Vorfällen und dem Fall Balsam nachgewiesen worden.


Rechtsanwalt Holger Rostek vertrat damals den Balsam-Finanzchef Schlienkamp. - © Wolfgang Rudolf

Rechtsanwalt Holger Rostek vertrat damals den Balsam-Finanzchef Schlienkamp.
| © Wolfgang Rudolf

Absurd sei auch, dass die Täter nur Schreibblöcke klauen, während sie andere Gegenstände im Auto liegenlassen. Während der Redakteurin Donath in dieser Zeit merkwürdige Dinge passieren, kündigt Rechtsanwalt Holger Rostek am 6. Juni 1994 für 17 Uhr ein umfassendes Geständnis seines Mandanten, Balsam-Finanzchef Klaus Schlienkamp, an.

Der Finanzchef und die übrigen drei Balsam-Vorstände – Friedel Balsam, Dietmar Ortlieb und Horst Bert Schultes – werden festgenommen. Auch nimmt die Polizei den geschäftsführenden Gesellschafter der Procedo GmbH fest. Zudem liegen Haftbefehle gegen einen Wirtschaftsprüfer und einen Prokuristen derselben Firma vor.

Auch interessant: 25 Jahre nach dem Balsam-Skandal: Kommissar Wallmeier erinnert sich

Konkursverfahren wird eröffnet und trifft Gemeinde Steinhagen


Der Steinhangener Balsam-Vorstand wird im Zuge der Aufdeckung des Betrugsskandals im Juni 1994 festgenommen. - © Nicole Donath

Der Steinhangener Balsam-Vorstand wird im Zuge der Aufdeckung des Betrugsskandals im Juni 1994 festgenommen.
| © Nicole Donath

Im August 1994 wird das Konkursverfahren über die Balsam AG eröffnet. Dies trifft nicht nur Mitarbeitende des Unternehmens, sondern auch die Gemeinde Steinhagen. Es ist der Augenblick, da Balsam keine Gewerbesteuern mehr zahlt und der Gemeinde ein großes Rad aus dem Wagen bricht. Aber nicht nur das.

Im Januar 1997 erhält die Gemeinde einen korrigierten Gewerbesteuermessbescheid und damit die Aufforderung, rund zehn Millionen D-Mark an zu viel geleisteten Vorauszahlungen zu erstatten. Mit einer „kreativen Lösung“ habe sich die Gemeinde aus der Patsche geholfen, erinnert sich Besser.

1996 startet schließlich der Prozess vor dem Bielefelder Landgericht, als sich Schlienkamp 1998 absetzt. Ist er tot oder ist er in ein anderes Leben geflüchtet? Zunächst geht bei Gericht eine Nachricht ein, derzufolge sich der Angeklagte das Leben genommen hat. Eine Weile später kommt bei einem seiner Anwälte eine Mail an, die darauf hinweisen soll, dass Schlienkamp von einem Tauchgang in der Karibik nicht zurückgekehrt sei: „The whole body has been eaten by the fish“, heißt es da.

Balsam-Finanzchef Schlienkamp täuscht seinen Tod vor

Die Ermittler glauben nicht an seinen Tod und finden ihn schließlich auf den Philippinen. Gemeinsam mit Beamten des Bundeskriminalamts ist der Haller Kriminalbeamte Wallmeier auf die Insel gereist. Er findet Schlienkamp, der unter seinem echten Namen dort lebt, und klingelt. Nach kurzer Zeit öffnete ein Mann im Bademantel die Tür. „Guten Tag, Herr Schlienkamp. Mein Name ist Wallmeier. Kennen Sie mich noch?“, zitiert Donath an dem Abend.

Der Flüchtige erbleicht, sinkt zu Boden – und wird verhaftet. Wenige Tage später wird er in die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede gebracht. Der Mann, der mitten im Prozess seinen eigenen Tod vortäuschte, muss seine Strafe antreten.

Schlienkamp wird zu zehn Jahren Haft verurteilt, Unternehmenschef Friedel Balsam zu acht Jahren, der bis zuletzt seine Unschuld beteuert. Die Verfahren gegen Ortlieb und Schultes werden wegen geringer Schuld gegen Zahlungen von jeweils 100.000 Mark eingestellt.