Stand: 05.03.2026 20:38 Uhr
In 17 niedersächsischen Kommunen haben vor allem Schülerinnen und Schüler demonstriert. Sie wollen, dass die Wehrpflicht in Deutschland nicht wiedereingeführt wird und lehnen das geplante Modell ab.
Bei dem bundesweiten Protesten der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ beteiligten sich am Donnerstag vor allem in Hannover und Göttingen viele Menschen. In Göttingen waren es laut der Polizei rund 500 Teilnehmer – in Hannover schätzungsweise rund 550. Lena Reimann ist Sprecherin der Initiatoren in Hannover – sie zeigte sich gegenüber NDR Niedersachsen begeistert über die Anzahl der Demonstranten. So sei es schwieriger, wenn Klausuren geschrieben werden. „Da wurde uns auch schon gemeldet, dass Lehrer versucht haben, die Klausuren auf den Tag zu setzen“, damit die Schüler nicht zum Streik gehen könnten, so Reimann.
Video:
Bundesweit streiken Schüler gegen die Wehrpflicht (3 Min)
In Osnabrück gingen laut Polizei zwischen 150 und 200 Menschen auf die Straße, in Hildesheim waren es rund 50 und in Oldenburg waren es schätzungsweise 100 Menschen. Auch in Braunschweig wurde demonstriert – hier gingen den Angaben nach rund 150 Menschen auf die Straße. Die klare Mehrheit bei den Demonstrationen waren Schülerinnen und Schüler. In Oldenburg, Hannover und Celle waren etwa auch ältere Demonstranten und Friedensaktivisten dabei, die sich mit den jungen Menschen solidarisiert haben. In Celle versammelten sich laut Polizei acht Schüler und 23 Menschen, die sich mit ihnen solidarisierten.
Streiks in 17 niedersächsischen Kommunen
In 17 niedersächsischen Städten und Gemeinden hatte die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ Streiks organisiert. Hier wurde in Niedersachsen am Donnerstag gestreikt:
Keine Zwangsdienste für junge Menschen
Die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ lehnt das neue Wehrdienstmodell ab. Alle Maßnahmen zur Vorbereitung einer Wehrpflicht sollten gestoppt werden, insbesondere Pflichtfragebögen und Musterungen für 18-jährige Männer, heißt es weiter. Den Schülerinnen und Schülern ist wichtig, dass es keine Zwangsdienste für junge Menschen gibt – weder militärisch noch in anderer Form. Stattdessen solle es mehr Mitbestimmung, Bildungschancen und eine friedliche Zukunft geben.
Wehrdienst soll freiwillig sein
Das neue Wehrdienstgesetz sieht vor, dass alle Männer ab dem Geburtsjahr 2008 gemustert werden. Alle 18-Jährigen erhalten zudem einen Fragebogen zu Motivation und Eignung. Männer sind verpflichtet, diesen auszufüllen, Frauen können dies frei entscheiden. Geplant ist, dass der Wehrdienst freiwillig ist. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kündigte jedoch an, dass auch eine Teil-Wehrpflicht möglich sei, sollten sich nicht genügend Freiwillige finden.
Lehrkräfte kritisieren Unterrichtsausfall

In Göttingen streikten im Dezember rund 1.200 Schülerinnen und Schüler.
Der niedersächsische Philologenverband sah den geplanten Schulstreik vorab aus mehreren Gründen kritisch. Aus Sicht des Lehrkräfte-Verbands sollte der Streik nach Schulschluss stattfinden. Es sei unverständlich, warum die Demonstrationen bewusst in die Unterrichtszeit gelegt würden, sagte der Verbandsvorsitzende Christoph Rabbow am Mittwoch. So werde Unterrichtsausfall in Kauf genommen, der sonst zu Recht kritisiert werde. „Demokratisches Engagement von Jugendlichen ist ausdrücklich zu begrüßen, aber nicht auf Kosten der Unterrichtszeit“, so Rabbow. Zudem hat der Verband Zweifel an der Sachlichkeit der Schulstreiks. Die Zuspitzung auf einen drohenden Zwang der Wehrpflicht sei derzeit nicht haltbar, betonte Rabbow. Das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung gelte uneingeschränkt weiter.
4.000 Schülerinnen und Schüler im Dezember auf der Straße
Schon im vergangenen Dezember hatten Schülerinnen und Schüler gegen die Wehrpflicht gestreikt. Deutschlandweit waren es laut der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ mehr als 40.000 Menschen in rund 80 Städten. In Niedersachsen gingen demnach 4.000 Schülerinnen und Schüler auf die Straße, so ein Sprecher auf Nachfrage des NDR Niedersachsen. Allein 2.000 waren es demnach in Hannover und 1.200 in Göttingen.
Video:
Protest gegen Wehrpflicht: Schüler streiken in Niedersachsen (1 Min)
Video:
Pro & Contra: Zurück zur Wehrpflicht? (3 Min)

In Flensburg, Husum, Kiel, Neumünster, Heide und Lübeck haben junge Menschen am Donnerstag gegen das neue Wehrdienstgesetz protestiert.

Viele Jugendliche wollen ihr Engagement selbst wählen – ohne Verpflichtung. Das sagen Azubis bei der Kreisfeuerwehr Lüneburg.

Debatte über Wiedereinführung
Eine Wehrpflicht wie die bis 2011 steht zwar nicht zur Debatte – aber irgendein Dienst für junge Menschen schon. Während die Grünen dagegen sind, unterstützt die Wehrbeauftragte die umstrittenen Pistorius-Pläne.

Koalition diskutiert über Reform
Wie sollen die Personalprobleme der Bundeswehr gelöst werden: mit einem freiwilligen oder einem verpflichtenden Dienst? Darüber sollte der Bundestag in einer ersten Lesung beraten. Doch die hat die Union nun verschoben. Von Uli Hauck.

Ost- versus Westverbände
Offiziell ist die AfD für die Wehrpflicht – doch schon länger gibt es in der Partei Widerstand dagegen. Der Streit offenbart einen tiefer liegenden Konflikt zwischen Ost- und Westverbänden. Von J.Kurz und G.Halasz.