Standdatum: 6. März 2026.

Autorinnen und Autoren:
Antonia Rüller

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Im Fenster ist die Spiegelung einer Frau zu sehen, die telefoniert.

In Bremen einen Termin beim Arzt zu finden, ist teils schwierig – diese Erfahrung machte auch unsere Reporterin. (Symbolbild)

Bild: Radio Bremen

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Absagen, Wartezeiten, Stillstand: Die Erfahrung unserer Reporterin zeigt, wie schwierig es geworden ist, überhaupt medizinische Hilfe zu bekommen – und welche strukturellen Probleme dahinterstehen.

Als ich im letzten Mai nach Bremen gezogen bin, bin ich davon ausgegangen, dass ich mir relativ zeitnah einen Hausarzt und eine Facharztpraxis suchen kann. Ich habe eine Vorerkrankung und bin auf regelmäßige medizinische Betreuung angewiesen. Acht Monate später ist genau das nicht gelungen.

Ich habe zahlreiche Praxen kontaktiert, telefonisch und per E-Mail. Die Antworten ähneln sich: keine Neuaufnahmen, geschlossene Wartelisten oder sehr lange Wartezeiten. Für einen Facharzttermin wurden mir Wartezeiten von bis zu elf Monaten genannt. Für Menschen mit chronischen Beschwerden oder unklaren Symptomen ist das kaum eine Perspektive.

116117: Wenn selbst der offizielle Weg ins Leere führt

Mehrfach habe ich versucht, über die Terminservicestelle 116117 einen Termin zu bekommen – mit Überweisung und Vermittlungscode. Doch auch dort blieb die Suche erfolglos. Selbst in einem Umkreis von 150 Kilometern konnte mir kein Termin angeboten werden.

Hinzu kommt ein organisatorisches Problem: Der Vermittlungscode ist jeweils nur eine Woche gültig. Wer keinen Termin bekommt, muss sich erneut einen Code ausstellen lassen und den gesamten Prozess von vorn beginnen.

Wie realistisch ist dieses Verfahren für Menschen in einem akuten Krankheitszustand? Für Eltern mit kleinen Kindern? Für Alleinerziehende oder Menschen, die ohnehin unter hoher Belastung stehen? Schon für gesunde, flexible Personen ist diese Suche aufwendig – für andere kaum leistbar.

Der Umweg nach NRW – weil Versorgung dort greifbar ist

Für mich bedeutet die Situation aktuell: Ich lasse mich weiterhin in Nordrhein-Westfalen behandeln. Nicht, weil der Weg kürzer wäre, sondern weil ich dort auf ein bestehendes medizinisches Netzwerk zurückgreifen kann.

Termine lassen sich organisieren, Behandlungen fortführen. Der Aufwand ist hoch, aber die Versorgung verlässlich. Eine Möglichkeit, die längst nicht allen offensteht – und die eigentlich nicht nötig sein sollte, wenn medizinische Grundversorgung vor Ort funktioniert.

Warum Bremen besonders unter Druck steht

Rechnerisch gilt Bremen nicht als massiv unterversorgt. Bundesweit kommen im Durchschnitt rund 1.264 Einwohner auf eine Hausärztin oder einen Hausarzt, in Bremen sind es etwa 1.369 – jede Praxis betreut damit mehr Menschen als im Schnitt.

Gleichzeitig weist die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) darauf hin, dass zahlreiche Arztsitze unbesetzt sind. In einer aktuellen Stellungnahme warnt sie davor, dass Bremen ohne gezielte Nachwuchs- und Ausbildungsstrategien die medizinische Versorgung der Zukunft gefährde. Besonders problematisch: Bremen bildet selbst keine Ärztinnen und Ärzte aus und steht im Wettbewerb mit anderen Bundesländern, die gezielt Anreize für Niederlassungen schaffen.

Hinzu kommt eine demografische Entwicklung, die den Druck weiter erhöht. Prognosen zur hausärztlichen Versorgung gehen davon aus, dass sich das Verhältnis von Angebot und Bedarf bis 2040 deutlich verschlechtern wird. Der medizinische Bedarf wächst – unter anderem durch eine alternde Bevölkerung – schneller als die verfügbare ärztliche Versorgungszeit. Regionale Engpässe dürften dadurch weiter zunehmen. Für Stadtstaaten wie Bremen bedeutet das: Schon heute bestehende Lücken könnten sich künftig weiter vergrößern.

So wird versucht, gegenzusteuern

Der Bremer Senat und die Kassenärztliche Vereinigung Bremen versuchen inzwischen mit verschiedenen Maßnahmen gegenzusteuern. In der Stadt Bremen sind derzeit insgesamt rund 15 Hausarztsitze unbesetzt, in Bremerhaven mehr als zehn. Um diese Lücken zu schließen, setzen Behörden und KVHB auf Förderprogramme und neue Versorgungsmodelle.

In Bremerhaven soll etwa das Projekt „Gesundheitshaven“ starten: Dort stellt die KVHB Praxisräume, Personal und Finanzierung bereit, um Haus- und Kinderärzte anzusiedeln und langfristig zu halten. Zusätzlich gibt es Prämien für Ärzte, die sich niederlassen, sowie Unterstützung etwa bei Kinderbetreuung oder Praxisorganisation.

Bei Fachärzten ist die Situation komplizierter: Statistisch gilt Bremen mit mehr als 110 Prozent Versorgungsgrad sogar als überversorgt. Lange Wartezeiten entstehen trotzdem – etwa durch eine ungleiche Verteilung von Praxen, Budgetgrenzen bei gesetzlich Versicherten oder zusätzliche Bürokratie im System.

Kann man ankommen, wenn man immer wieder weg muss?

Mein Fall ist lösbar, weil ich mobil bin und auf ein bestehendes Netzwerk zurückgreifen kann. Doch medizinische Versorgung darf nicht davon abhängen, ob jemand regelmäßig quer durch alle Bundesländer fahren kann, um gesund zu bleiben.

Kann man in einer Stadt wirklich ankommen, wenn man sie immer wieder verlassen muss, um seine Gesundheit zu sichern? Und was bedeutet das für all jene, die diese Ausweichmöglichkeiten nicht haben? Die Frage nach medizinischer Versorgung ist damit mehr als eine statistische. Sie entscheidet darüber, wie lebenswert eine Stadt ist – und für wen.

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Bild: Radio Bremen

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Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
Bremen Vier, Vier am Morgen, 5. März 2026, 8:40 Uhr