Die mit Abstand exklusivste Immobilie Stuttgarts liegt auf einem Hügel im Osten der Stadt, beste Halbhöhenlage, herrlicher Blick über den Talkessel. Das Anwesen heißt Villa Reitzenstein, sie gehört dem Land Baden-Württemberg und ist natürlich unverkäuflich. Nur alle fünf Jahre bietet sich einem sehr kleinen Personenkreis die Gelegenheit, sie vorübergehend für die Arbeit zu nutzen. Dafür muss der Interessent allerdings eine Landtagswahl gewinnen, die Villa ist der Amtssitz baden-württembergischer Ministerpräsidenten. 15 Jahre lang residierte hier der Grüne Winfried Kretschmann, der besonders die Vorzüge des großzügigen Gartens zu schätzen wusste. Erbaut wurde die Villa zwischen 1910 und 1913 für die Witwe Helene Freifrau von Reitzenstein, schon bald zog sie die Mächtigen an: erst die württembergischen Staatspräsidenten, dann den Reichsstatthalter Wilhelm Murr. Die Nazis legten bunkerartige Stollen darunter an. Seit 1952 zogen die Ministerpräsidenten ein. In Stuttgart ist Macht daher immer auch eine geografische Frage. Im Tal liegt der Landtag, ein schlichtes Gebäude, das man für das Parkhaus des Staatstheaters nebenan halten könnte. Unten mühen sich die Parlamentarier. Oben auf dem Hügel regiert der Ministerpräsident, im ersten Stock der Villa Reitzenstein.