Schönes Wetter draußen, da dachte sich Lukas Kwasniok: Warum nicht zu Fuß zur Arbeit gehen? Aus Junkersdorf, wo er wohnt, marschierte der Trainer des 1. FC Köln also ein paar Kilometer durch den Grüngürtel bis nach Sülz, wo das Geißbockheim steht. Zunächst hatte er wohl befürchtet, andere Spaziergänger könnten ihre Hunde auf ihn hetzen, doch am Ziel angekommen, zog Kwasniok eine Bilanz, die er nicht erwartet hatte: Niemand hatte ihn beschimpft, beleidigt und zur Kündigung aufgefordert, wie es in den Foren und Kommentarspalten täglich geschieht. „Kurioserweise“, erzählte er, seien ihm die Leute „extrem nett, freundlich, hilfsbereit und respektvoll“ begegnet.
Die Rede ist von einer Woche, in der die zuständigen Klubautoritäten, Manager Thomas Kessler und der für den Sport zuständige Vizepräsident Ulf Sobek, erstmals zugunsten Kwasnioks in den Diskurs eingegriffen haben. Sie reagierten damit auf die Krisenstimmung, die sich nach dem 0:2 beim FC Augsburg schlagartig in der rheinischen Tiefebene verbreitet hatte. Unterstützung aus dem Verein in der Öffentlichkeit hatte Kwasniok in den Wochen zuvor zwar vermisst. Zugleich ließ sich der demonstrativ doppelte Rückhalt als Zeichen verstehen – hält man es jetzt bereits für nötig, erste Hilfe zu organisieren? Wahr ist: Kein FC-Verantwortlicher hat dem Trainer mitgeteilt, er müsse bis zur Länderspielpause in der letzten Märzwoche eine Mindestpunktezahl erreichen. Aber ein paar Punkte sollten schon zusammenkommen aus den nächsten drei Partien inklusive des Derbys gegen Mönchengladbach. Ansonsten …
Im Stadion des 1. FC Köln
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SZ PlusVon Christoph Koopmann
Auf dem Weg zur Arbeit wurde Kwasniok, 44, selbstverständlich auch auf Saïd El Mala angesprochen. Haben ihn die Leute ermahnt, dass El Mala am Samstag im Abendspiel gegen Borussia Dortmund gefälligst vom An- bis zum Abpfiff auf dem Platz zu stehen habe? Von wegen, behauptete Kwasniok: „Die allermeisten Menschen wissen über Saïd, dass der junge Mann 19 Jahre alt ist und es für ihn nicht nur geradeaus nach oben geht.“ Nicht auszuschließen allerdings, dass sich der Trainer diesen Teil seiner Spazierwegerinnerungen schönredet, denn wenn es um El Mala geht, sind Vernunft und Verstand auch in besseren und gut informierten Kreisen häufig außer Kraft gesetzt. Dass der Angreifer, im vorigen Jahr in der dritten Liga zu Hause, noch mitten in der Ausbildung steht, davon wollen die meisten nichts wissen.
Neuerdings gilt das nach Ansicht der Kölner Verantwortlichen auch für Julian Nagelsmann, der im Kicker erklärt hatte, bei El Mala seien 50 Prozent Spielzeit zu wenig, um ein Ticket zur WM zu erhalten. Denn es sei halt „ein Unterschied, ob du bei Bayern oder bei Köln bist“, womit Nagelsmann den Vergleich mit Lennart Karl herstellte: Bei Karl in München könnten Teilzeit-Einsätze genügen, bei El Mala nicht, befand der Bundestrainer. Beim 1. FC Köln befand man diese Aussage als Störfaktor – und als ziemlich unqualifiziert. Für die Länderspiele im November hatte Nagelsmann den jungen Angreifer in den Kader aufgenommen, U21-Trainer Antonio di Salvo hatte zuvor gewarnt, der Transfer käme zu früh. Nach drei Tagen wurde El Mala aus dem Nationalteam wieder zur U21 delegiert respektive degradiert. Nicht nur der TV-Experte Didi Hamann regte sich aufrichtig auf, weil er die Umgangsweise für pädagogisch fragwürdig hielt.
El Mala sei für ihn „ein Geschenk“, hat Lukas Kwasniok mal gesagt, als der Linksaußen in den ersten Saisonspielen groß rauskam und zur weltgrößten Entdeckung seit Lukas Podolski avancierte. Inzwischen kann sich der Coach häufig nicht mehr zwischen Dankbarkeit und dem Gefühl von Verfolgungswahn entscheiden. Das Thema begleitet ihn täglich.
Auch Ewald Lienen hält einen Vortrag über El Malas Stärken und Schwächen
„Es gibt immer einen, der über El Mala spricht“, ist aus der FC-Führung zu hören. Anfang der Woche war Ewald Lienen, 72, in der Stadt. Vor ausverkauftem Haus sprach der frühere FC-Trainer im „Gloria“, einem früheren Porno-Kino, über dieses und jenes und herrlich durcheinander. Er verdammte Elon Musk („Arschloch“) und beklagte die Verdummung der Menschheit durch soziale Medien, bis er irgendwann einen Vortrag über El Malas Stärken („Er kann den Unterschied machen“) und Schwächen („muss noch erzogen werden“) hielt. Aus Sicht des verantwortlichen Lehrers Kwasniok war das immerhin okay – allemal willkommener jedenfalls als die Meinungsäußerung eines FC-Fans aus Moskau, der Kwasniok auf X das „Muster“ unterstellte, lieber Marius Bülter als El Mala von Anfang an spielen zu lassen. „Und wenn das so ist, dann hat der FC ein Trainer-Problem.“ Absender der Analyse: Alexander Graf Lambsdorff, der deutsche Botschafter in Russland.
Was sagt El Mala selbst? Er sagt, dass er das alles nicht liest, was über ihn geschrieben werde, doch dies sei ja „nicht realistisch“, wissen sie in der Chefetage. „Grundsätzlich ist es so, dass Saïd viele Informationen von sehr vielen Menschen bekommt: soziale Medien, Trainerteam, Verein, Berater, Familie und Umfeld. Diese Informationen zu verarbeiten, ist nicht immer so einfach“, erläuterte Kwasniok auf der Pressekonferenz, um nach einer effektvollen Pause fortzufahren: „Jetzt hat sich auch noch der Bundestrainer zu ihm geäußert.“
Gern hätten die Kölner den Platz für die El Mala betreffende Interviewpassage an die Stuttgarter Kollegen abgetreten, die mit Nagelsmanns Rundum-Einzelkritik ebenfalls nicht einverstanden waren. Beim VfB meinte man, Deniz Undav habe nicht zu viel, sondern zu wenig Text abbekommen. Dem 29-jährigen Angreifer, neben Harry Kane der zuverlässigste Torfabrikant der Liga, hatte Nagelsmann lediglich ein paar lustlos klingende Nebensätze gewidmet und ihn genau bei jenem Thema nicht erwähnt, wo Undav an erster Stelle Wertschätzung verdiente: als es um die Vakanz in der Sturmmitte ging. Das Versäumnis versuchte Stuttgart-Trainer Sebastian Hoeneß nachzuholen, indem er Undavs offensives Vermögen lobte: Ein Mittelstürmer, der auch als hängende Spitze spielen und den Mittelstürmer unterstützen kann – das sei in Deutschland „fast einzigartig“.
Undav, das steht fest, wird am Wochenende mit einer gewissen Wut im Bauch spielen. Über Saïd El Mala berichtete Kwasniok, er sei im Training aufs Erfreulichste „marschiert“ und werde wohl von Anfang an spielen. Die Karrieren des Kölner Trainers und des Kölner Nationalspielers sind nach dieser Woche noch ein wenig enger verbunden.
