Leipzig. Falls jemand Interesse hat an einem Selfie, einem Autogramm oder einem Smalltalk – der aus Ruinen auferstandene und der Zukunft zugewandte FCA nächtigt vorm Match bei den Roten Bullen (Sonnabend, 15.30 Uhr) in der legendären Gottschedstraße zu Leipzig, genauer gesagt im Hotel Innside by Melia. Der besorgniserregende Augsburger Oberkante-Unterlippe-Wasserstand aus dem Dezember ist kein Thema mehr, die RB-Gäste sind mit satten 16 Punkten Rückrunden-Dritter hinter den punktgleichen Dortmundern und Bayern, blicken auf 31 Zähler und werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch 2026/27 in der Bundesliga mitmischen. Der erfreuliche Stand der Dinge hängt eng zusammen mit einem Trainer-Wechsel nach nur 153 Tagen (Sandro Wagner) und einer segens- und ertragreichen Neubesetzung und Neuausrichtung auf der Trainerbank (Manuel Baum).
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Große Träume von und mit Sandro Wagner
Es hätte alles so schön werden können bzw. sollen: Die FCA-Chefetage hatte sich viel versprochen vom Trainer-Erstliga-Novizen Sandro Wagner. Der seit 2011 erstklassige Club wollte sich von Wagner inspirieren und anmalen lassen, von mausgrau auf bunt, von beliebig-bräsig auf unverwechselbar-attraktiv. Die Augsburger wollten ihren Fans und Sponsoren mehr bieten, endlich mehr als nur mitspielen in der Bundesliga, mehr als den alljährlich mehr oder minder souveränen Klassenerhalt. Sie wollten raus aus dem Dreiklang Kampf/Krampf/Wagenburg.
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Und Sandro Wagner, der beim innovativen DFB-Duett mit Julian Nagelsmann viel mehr als ein Hütchen-Aufsteller und nach seinem „Adieu-DFB!“ nahezu weltweit nachgefragt war, passte zum FCA eigentlich ganz wunderbar. Hier der kleine, aber feine und topseriöse Verein. Da ein groß gewachsener Übungsleiter, der groß denkt, einen riesigen Pinsel schwingt und alle möglichen und unmöglichen farblichen Facetten intus hat. Hier der FC Augsburg, der an den Lippen des gefühlt schon großen Meisters hing. Da der Mann, der mit seinem Ja zum FCA bewusst noch nicht ins oberste Trainer-Fach gegriffen hatte und über aufsehenerregenden Fußball und überbordende Erfolge in Bälde weiterziehen würde. In die größere und weitere Fußball-Welt.
Manuel Baum beschränkt den Werkzeugkasten
Nach 153 Tagen beendeten die Chefs die krachend gescheiterte Versuchsanordnung. Und sie kehrten zurück zu den Wurzeln, zurück zu ihrem Ex-Trainer Manuel Baum, der sich in Augsburg von 2016 bis 2019 einen Hart-aber-herzlich-Ruf erarbeitet hat, aber danach nicht mehr so richtig glücklich geworden ist. Weder als Coach der deutschen U20, noch als Schalke-Trainer und schon gar nicht als Nachwuchsleiter am Leipziger Cottaweg.
Baum übernimmt seinen Herzensverein auf Platz 14 mit zwei Punkten Abstand vom Relegationsrang. Und mit ihm entstauben die Männer um den von Baum zum Kapitän beförderten Keven Schlotterbeck den nicht bildschönen, aber schwer zu bespielenden Augsburger Fußball. Der neue alte Coach schaut sich den von Sandro Wagner pralle gefüllten Werkzeugkasten an, den die Spieler im Training und im Spiel mit sich schleppen. Und erleichtert diesen um jene Werkzeuge, mit denen Wagners Nationalspieler beim DFB oder Nagelsmanns Untergebene beim FC Bayern oder in Leipzig umgehen konnten, an denen sich das Gros des Augsburger Kaders aber einen Bruch hob.
Baum ist beim 3-5-2-System geblieben, hat mit seiner ruhigen Art und der hohen Kunst der Weglassung taktischer Verrenkungen Zuversicht ins Team gebracht und beispielsweise einen Alexis Claude-Maurice wachgeküsst. Der hatte unter Wagner im Strafraum nur alte Bekannte getroffen und kommt unter Baum auf vier Tore und vier Tor-Vorlagen.
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Ole Werner weiß um die Schwere der Aufgabe
Baums Motto „Weniger ist mehr!“ brachte den Erfolg – und weitgehende Planungssicherheit für die kommende Saison. Und manche richten schon den Blick gen Europa. „Man soll nicht zu viel träumen“, sagte Kapitän Schlotterbeck jüngst, fügte aber auch an: „Wir möchten angreifen, sind extrem stabil.“ Sein Vorgesetzter Manuel Baum zum Thema: „Wir haben mit der Mannschaft vereinbart, dass wir jetzt nicht auf die Tabelle schauen. Wir ziehen einfach die Saison durch und dann schauen wir mal, was dabei rauskommt.“
Fakt ist: Der FCA hat bei den Bayern gewonnen, ist wieder jenes knorrige Gebilde, das gegen alle Widerstände ankämpft und sich in der David-Goliath-Rolle wohlfühlt.
Das Augsburg von damals hat nichts mehr mit dem Augsburg von heute zu tun.
Ole Werner
RB-Trainer
RB-Coach Ole Werner mit Blick aufs Hinspiel-6:0 in Augsburg und die neuen Kräfteverhältnisse: „Das Augsburg von damals hat nichts mehr mit dem Augsburg von heute zu tun.“
Fakt ist aber aus RB-Sicht auch: Wer in die Champions League will, muss Augsburg schlagen. Der Sieg in Hamburg habe ihm und den Seinen gutgetan, sagt Werner, der die Start-Elf des vergangenen Sonntags ins Rennen schicken wird. Bedeutet auch, dass das magische Dreieck mit Ridle Baku, Brajan Gruda und Yan Diomande auf der rechten Seite dafür sorgen will, dass der gegnerische Trainer im Dreieck springt und der Baum idealerweise fällt.
LVZ