Bielefeld. Er ist ein Läufer. Immer in Bewegung, geht er seinen Weg unbeirrbar geradeaus. Dabei folgt er einer Prophezeiung: „Triff einen Radfahrer, dann sehen wir weiter.“ Was er aber trifft, ist einen seltsamen Zeitgenossen, der völlig statisch an einem Tisch verharrt und Salz oder Sand abfüllt, von einem Gefäß ins andere – einen Ming.
Der wiederum stellt sich als jemand vor, dessen Lebenssinn darin besteht, lediglich drei Schritte Vorwärts zu gehen, um auf eine Artgenossin zu treffen, zwecks Nachkommen-Produktion. Ist das „Geschäft“ erledigt, legt die Befruchtete ein Ming-Kind mit einem „Plopp“ ab, das sich ebenfalls nicht bewegt. Haben die Eltern ihre Pflicht erfüllt, vertrocknen sie und zerfallen zu Staub. Was sich wie eine schräge, philosophisch tiefgründige Adaption eines Samuel-Beckett-Stoffs ausnimmt, feierte am Donnerstag als Zwei-Personen-Stück „Nicht bewegen“ Premiere im Alarmtheater.
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Theaterchefin Dietlind Budde führte Regie, dramaturgisch unterstützt von Ellen Blanke. Co-Theaterleiter Harald Otto Schmid als Läufer und der sehr talentierte Mohammad Osman (bereits zu sehen in der furios gestalteten Alarmtheaterfassung von „Address Unknown“) als Ming warfen sich – trotz der Reduktion oder gerade deswegen – die sprachlich anspruchsvollen Bälle zu. Das Stück ist eine Adaption des gleichnamigen Schauspiels von Emmanuel Darley.
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Es rührt in beckett’scher Manier an universelle Fragen
Der Ming muss warten, bis er ein „Zeichen“ vernimmt, ähnlich gerichtet auf eine ungewisse Zukunft wie der Läufer mit seinem Radfahrer. Zwischen den geraden Strecken, die der Läufer rastlos über die von Rebecca Budde de Cancino vielfältig eingerichtete Bühne zieht, und den Wiederholungen des Ming schält sich die Schnittmenge der Figuren – nichts weniger als das Rätsel der menschlichen Existenz heraus. Mit seinen Widersprüchen zwischen Weitergehen und Stillstehen, Verlorensein und Verwurzelung, dem Anderen und dem Ich. Wie sollen wir leben? Fatalistisch wartend oder ständig erschöpft in rastloser Suche? Der Text, der den Beiden mitgegeben ist, ist minimalistisch. Durchzogen von feinem Humor, der in seiner scheinbaren Einfachheit in beckett’scher Manier an die universellen Fragen rührt.
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Schmid ähnelt äußerlich einem Clown, Osman wirkt wie ein mongolischer Gelehrter, mit Fellmütze und ständig wiederholtem Credo im selbstironischen Sprachduktus eines Migranten: „Ich nicht bewegen“. Der Franzose Darley hat den Ming für sein Stück erfunden, um ihn dem Läufer in den Weg zu stellen, gewohnte Wege zu durchbrechen. Die beiden anfangs unvereinbar scheinenden Figuren nähern sich allmählich an: Der Läufer kommt zur Ruhe, der Ming in Bewegung, nimmt sein Leben in die Hand.
Ein feines Lächeln in den Gesichtern vieler Zuschauer
Den Zuschauern bleibt die Rolle, ihr Leben auf das Konstrukt zurück zu kürzen oder philosophische Schulen zu bemühen. Woher kommen wir, was sind wir, wohin gehen wir, was dürfen wir hoffen?
Rebecca des Cancinos Bühne ist reduziert wie die Handlung, zugleich heimelig, von Landschaftsprojektionen flankiert. Das Publikum sitzt nah am Geschehen. Die Leistung der beiden Akteure ist beachtlich: Gerade in der Reduktion absurd scheinenden Textmaterials liegt ein großer Anspruch. Am Ende bleibt ein feines Lächeln auf den Gesichtern Vieler im Publikum. Weitere Aufführungen am 7., 12., 13., 14. und 15. März, jeweils 20 Uhr. Tickets auf www.alarmtheater.de.