Lysistrata – die Komödie des griechischen Dichters Aristophanes – gilt als die Mutter allen weiblichen Streikens. Im Frühjahr 411 v. Chr. uraufgeführt, versammeln sich in dem Stück Frauen aus Athen und Sparta, um ihre Männer durch Enthaltsamkeit zu einem Friedensvertrag zu zwingen. Der Plan gelingt.
Patriarchale Gewalt und Gender Pay Gap
Viele Jahrhunderte später fühlen sich Frauen noch immer machtlos angesichts der Weltlage. Sie fühlen sich als Leidtragende patriarchaler Systeme, von Kriegen, sie erfahren Gewalt, kämpfen gegen den Gender Pay Gap – und vieles mehr. Daher reicht es nun, sagt Sandra Bringer, Dramaturgin am Neuen Theater in Halle.
Der Aufruf „Enough!“ beziehe sich auf die Literatur, zum Beispiel auf Lysistrata von Aristophanes und auf Bartleby den Schreiber, der sagt „Ich möchte lieber nicht“. Bringer erklärt, man stelle damit die Frage: „Was passiert, wenn man nicht zur Verfügung steht?“, wenn man sich komplett rausziehe, nicht tue und nein sage.
Nun würde sich der Internationale Frauentag am 8. März als Streiktag anbieten. Der ist in diesem Jahr allerdings ein Sonntag, deswegen wird am Montag gestreikt, so Sandra Bringer. Theater sei ohnehin ein fiktionalerer Raum, wenn es um Themen wie gesellschaftliche Strukturen und Mitbestimmung in der Stadthalle gehe. Das Haus sei ein Ersatzort oder ein Erholungsort, schließlich assoziiere man mit Theater oft Freizeit.
Theater in Halle wird zum Streikzentrum
„Wir haben gedacht, wenn wir jetzt streiken, das kriegt ja keiner mit. Das ist ist ja auch eine dubiose Form von Streik, weil dann auch die Streikform so eine Art künstlerische Arbeit ist.“ Deshalb, führt die Dramaturgin aus, habe man beschlossen, im Theater stattdessen das „Streikzentrum Halle“ anzubieten: „Im Zweifelsfall haben wir dieses Jahr einen Auftakt gemacht und es wird auf jeden Fall weitere Streikaktionen geben.“
Das Theater öffnet sich an diesem Tag also einmal mehr als ein Ort, an dem gesellschaftliche und politische Diskurse nicht nur auf künstlerische Art und Weise geführt werden können. Für dieses partizipative Konzept sollen Frauen einfach vorbeikommen.
Egal, ob sie ihre Arbeit niederlegen oder einfach mal kurz in einer Pause vorbeischauen: Wem dieses Signal erst einmal ausreicht, so Dramaturgin Anika Bárdos, der ist im Neuen Theater gut versorgt: So werde man unter anderem Spiele, Puzzle und Bücher mitbringen, außerdem sei ein Angebot zum kreativen Arbeiten geplant. „Wir werden vielleicht ein Stück lesen, vielleicht sogar Lysistrata in verteilten Rollen.“
Auseinandersetzen mit Geschlecht und Rollenbildern
Mit der Streikaktion „Enough!“ sollen Frauen sich ihrer „Selbstwirksamkeit“ bewusst werden können – aber auch das sei nur Vorschlag. Und der reiht sich nahtlos in die künstlerischen Angebote des Hauses ein. In dem – so die künstlerische Leiterin Mille Maria Dalsgaard – schon länger Frauen und Frauenrollen neu betrachtet werden: „Für uns ist die Rolle der Frau ein großes Thema. Wir haben bereits bei vielen Klassikern hier im Theater einen anderen Schwerpunkt gesetzt.“
So habe man beispielsweise bei der neuen Inszenierung von Woyzeck einen Fokus auf die Frage gelegt, wie man die Rolle der Marie erzähle. Dalsgaard hoffe, dass am 9. März viele Menschen im Werkraum des Theaters vorbeikommen, um mit ihnen zu streiken. „Da markieren wir, dass man immer noch für Gleichberechtigung aufstehen muss.“
Für uns ist die Rolle der Frau ein großes Thema. Wir haben bereits bei vielen Klassikern hier im Theater einen anderen Schwerpunkt gesetzt.
Mille Maria Dalsgaard
Künstlerische Leiterin des nt Halle
Inszenierung einer feministischen Kampfschrift
Auch in Zukunft wagt das Neue Theater Neuinterpretationen historischer Frauenfiguren im Theater. Im Mai steht zum Beispiel die Premiere von „Lungenschwimmprobe“ des norwegischen Autors Thora Rehnberg an, weiß Dalsgaard. „Der hat diesen Roman als feministische Kampfschrift verfasst, für eine Frau, deren Stimme nicht gehört wurde, als sie 1691 vor Gericht stand.“ In der Inszenierung hebe man Schicksale hervor, die eher im Schatten der Geschichten standen, erklärt sie weiter.
Frauen und marginalisierten Menschen als tragende Säulen der Gesellschaft – egal ob in der Care-Arbeit, im sozialen Bereich, in den Familien oder im Ehrenamt – gebührt mehr Aufmerksamkeit. Darum geht es nicht nur im Theater sondern auch auch im realen Leben.
Quellen: MDR KULTUR (Anne Sailer)
Redaktionelle Bearbeitung: az, vp