• Die UN-Migrationsorganisation warnt Europa vor einer möglichen neuen Flüchtlingswelle aus dem Iran.
  • Ein Experte hält eine solche für möglich, wenn der Konflikt weiter eskaliert.
  • Fluchtbewegungen würden sich zuerst innerhalb des Iran und in Nachbarstaaten richten, glaubt Benjamin Schraven.
  • Die Türkei könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Der Iran-Krieg könnte rasch eine neue Migrationskrise auslösen, warnte Amy Pope, Chefin der UN-Organisation für Migration (IOM), und rief Europa dazu auf, mit der Ausarbeitung von Notfallplänen zu beginnen. «Schauen Sie sich das Beispiel der Ukraine an, wo innerhalb weniger Tage Millionen von Menschen die Grenze überquert haben.»

Die EU-Kommission gibt sich zurückhaltender. Derzeit sehe man keine Fluchtbewegungen ins Ausland oder nach Europa, sagte EU-Innenkommissar Magnus Brunner am Donnerstag. Mit der Türkei stehe man im intensiven Austausch – das Land hat seine Grenze zum Iran geschlossen. Europa sei zudem heute besser vorbereitet als vor einigen Jahren.

Bereits vor Kriegsbeginn warnte die EU-Asylagentur (EUAA) vor möglichen Fluchtbewegungen «beispiellosen Ausmasses». Würden nur zehn Prozent der rund 90 Millionen Menschen im Iran vertrieben, entspräche das einer der grössten Fluchtbewegungen der vergangenen Jahrzehnte. Doch wie realistisch ist dieses Szenario? Hierzu äussert sich Migrationsexperte Benjamin Schraven.

Benjamin Schraven, gehen Sie davon aus, dass wegen des Iran-Kriegs neue Flüchtlingsströme Richtung Europa entstehen werden?

Das könnte durchaus passieren. Allerdings sehe ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht als gegeben an, dass es auf jeden Fall zu massenhafter Flucht in Richtung Europa kommen wird.

Wovon hängt es ab, ob und in welchem Ausmass es zu solchen Bewegungen kommt?

Vor allem von der weiteren Entwicklung des Konflikts zwischen Iran, Israel und den USA sowie von der politischen Entwicklung im Iran selbst. Wenn sich im Land eine länger andauernde Phase politischer Instabilität mit Versorgungsengpässen ergibt, werden grössere Fluchtbewegungen wahrscheinlicher. Diese dürften sich aber zunächst innerhalb des Irans und in Richtung der Nachbarländer richten.

Ob und wie viele Menschen dann versuchen würden, nach Europa zu gelangen, hängt von vielen Faktoren ab – nicht zuletzt von den Lebensbedingungen und Perspektiven, die sie in den Nachbarländern vorfinden.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Schon bei den Flüchtlingen aus Syrien spielte die Türkei eine Schlüsselrolle als Brücke zwischen Europa und dem Nahen Osten. Im Falle einer massenhaften Flucht aus dem Iran wäre das wohl ähnlich. Die Türkei würde vermutlich wieder versuchen, aus ihrer Rolle politisches Kapital gegenüber den Europäern zu schlagen.

Gleichzeitig leben weiterhin sehr viele Syrerinnen und Syrer im Land. Für die Türkei wäre es aus verschiedenen Gründen äusserst schwierig, nochmals Millionen von Menschen bei sich aufzunehmen.

Sollten sich Flüchtlingsströme ins Ausland bilden, welche Auswirkungen hätte das für Europa?

Das würde die Migrationsdebatte in Europa weiter verschärfen und könnte rechtsgerichteten Parteien zusätzlichen Auftrieb geben. Zugleich könnte der Druck wachsen, sich intensiver mit der eigenen Rolle im Nahen Osten auseinanderzusetzen. Derzeit ist Europa dort kein prägender Akteur, spürt aber die Folgen regionaler Konflikte, etwa durch steigende Energiepreise oder eben auch mögliche Fluchtbewegungen.

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Mit Material von AFP/DPA

Lynn Sachs

Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Seit November 2025 ist sie stellvertretende Leiterin im Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.