Sie arbeitet an ihrer Arbeitslosigkeit – oder? Sabine Bausch ist seit 2019 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aachen. Sie und ihre Kolleginnen beschäftigen sich unter anderem mit Auswahlprozessen, mit der Durchsicht Tausender Vorlagen und mit dem, was Frauen beschäftigt – längst nicht nur die, die für die Verwaltung arbeiten. Aktuell ist viel in Sachen Weltfrauentag am 8. März zu tun. Was steht an? Wo steht die Stadt? Und was genau ist eigentlich ihr Auftrag? Das erläutert die 46-Jährige im Gespräch mit Kian Tabatabaei.

Frau Bausch, kennen Sie Matthias Becker?

Sabine Bausch: Der Name sagt mir gerade nichts.

Das ist Deutschlands erster Männerbeauftragter. Er arbeitet für die Stadt Nürnberg. Warum hat Aachen das nicht?

Bausch: Die Frage ist: Ist Gleichstellungsarbeit ein Frauenthema oder nicht? Ich würde sagen: Gleichstellungsarbeit ist ein Gerechtigkeitsthema. Wir sind mit allen in guten Gesprächen, zu unserem Netzwerk zählt beispielsweise auch die Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit NRW. Die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen haben wir also im Blick. Männerarbeit ist, wenn sie konstruktiv ist, insbesondere im Bereich Gewalt, total sinnvoll. Einen Männerbeauftragten einzusetzen, kann in einer Gesellschaft, in der die Privilegien recht klar verteilt sind, auch schwierig sein. 

Rund 56 Prozent der Beschäftigten der Stadtverwaltung sind laut jüngstem Gleichstellungsplan Frauen. Das ist eine klare Verteilung.

Bausch: Diese Zahl muss man differenziert betrachten. Von diesen Frauen sind knapp die Hälfte in Teilzeit. Gleichzeitig arbeiten nur zehn Prozent der Männer in Teilzeit. Wenn man die Verteilungen auf Führungsebene betrachtet, fällt auf, dass nur 14 Prozent der Führungskräfte in Teilzeit arbeiten. Von diesen Führungskräften in Teilzeit sind 93 Prozent Frauen.

Was bedeutet das?

Bausch: Dass man immer genau hinschauen muss. Wer in Teilzeit arbeitet, verdient weniger Geld. Deswegen haben Frauen mit Kindern eine wesentlich schlechtere Lebenseinkommensperspektive als Männer mit Kindern. Es geht also bei der Betrachtung der Zahlen aus dem Gleichstellungsplan nicht nur um die absolute Verteilung, sondern auch um das Gefüge.

Und das ist nicht gut.

Bausch: Wir sind auf einem guten Weg. Der Anteil der Frauen in Abteilungsleitungen ist gestiegen, wir haben ein Führungsnachwuchsprogramm, auf das sich viele Frauen bewerben, es gibt das Konzept „Führen in Teilzeit bei der Stadt Aachen“, für das es innerhalb der Verwaltung großen Rückhalt gibt. Es gibt allerdings Dinge, die wir aus Aachen heraus nicht allein regeln können, wir sprechen ja über Strukturen, die über Jahrhunderte gewachsen sind. Wir konzentrieren uns auf das, was wir beeinflussen können.

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Patriarchale Strukturen sind über Jahrhunderte gewachsen, wie Sie sagen. In den vergangenen Jahrzehnten ist viel geschehen, um die Strukturen zu verändern. Jetzt hat man das Gefühl, dass reaktionäre Kräfte immer lauter werden. Stichwort: USA, Stichwort: Tradwifes, Stichwort: AfD. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?

Bausch: Natürlich. Es wäre gänzlich naiv, zu glauben, dass Fortschritte nicht rückgängig gemacht werden könnten. Was heute Standard ist, muss übermorgen keiner mehr sein. Diese Strömungen gab es aber immer schon, sie waren mal lauter, mal leiser. Ich beobachte die Weltlage, bin aber noch optimistisch. Und ich halte es für wichtig, bei allem Druck auf das System Gleichstellungsarbeit Haltung zu bewahren – nicht aufgeregt, nicht wütend, sondern auf Augenhöhe und klar.

Der Landkreistag Baden-Württemberg will die gesetzliche Pflicht für kommunale Gleichstellungsbeauftragte abschaffen. Das sächsische Innenministerium hatte ähnliche Ideen.

Bausch: Da ist das Grundgesetz deutlich, und das gilt für alle staatlichen Ebenen. Artikel 3 ist nicht nur ein Diskriminierungsverbot, sondern auch ein Auftrag. Es heißt dort eben nicht nur: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Sondern auch: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Wir sprechen hier von Artikel 3, der lässt sich von einem Landkreistag in Baden-Württemberg nicht konterkarieren.

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Wie erfüllen Sie den im Grundgesetz verankerten Auftrag konkret?

Bausch: Wir sind an sehr vielen Prozessen innerhalb der Verwaltung beteiligt, begleiten etwa Auswahlverfahren und erarbeiten Konzepte. Wir sehen jährlich rund 5500 Verwaltungsvorlagen durch. Wir sind mit allen Dingen beschäftigt, die die Gleichstellung berühren, längst nicht nur verwaltungsintern. Hinzu kommen Öffentlichkeitsarbeit und das Organisieren von Projekten und Veranstaltungen.

Von letzteren stehen jetzt einige an. Der Weltfrauentag ruft.

Bausch: Wir freuen uns auf diese Zeit, insbesondere auf die Begegnungen mit Menschen, die sich für diese Themen in der Stadt, aber auch in der Städteregion, einsetzen. Da gibt es immer sehr viel Input und neue Ideen. Schön zu sehen ist auch, dass sich so viele Gruppen und Menschen beteiligen. Im Zusammenhang mit dem Weltfrauentag finden mehr als 50 Veranstaltungen in Aachen statt. Das geht nur gemeinsam.

Je besser Sie Ihre Arbeit machen, desto früher sind Sie arbeitslos.

Bausch: Wir arbeiten auf unsere Abschaffung hin, das stimmt. Wenn Gleichstellungsarbeit überflüssig ist, bin ich aber wahrscheinlich schon lange tot.

Veranstaltungen rund um den Weltfrauentag

7. März: Um 11 Uhr beginnt im Rahmen der Frauenbildungswoche im Rathaus der Stadt Aachen eine Dialogveranstaltung mit Ministerin Ina Scharrenbach. Dabei geht es unter anderem um das Sicherheitsempfinden und wie Licht und Dunkelheit dieses beeinflussen. Teilnehmen an der Veranstaltung werden auch der benannte Polizeipräsident Andreas Bollenbach, die Vorständin der Stawag Alexandra Genten, der Vorstand der Aseag Michael Carmincke und die Studentin am Lehrstuhl für Stadtplanung der RWTH Aachen Angelina Seifert.

Ab 19 Uhr findet im Hotel Europa unter dem Motto „Sisterhood – die Nacht gehört uns!“ eine exklusive Party für Flinta*-Menschen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, transidentitäre und agender Menschen) statt, Tickets gibt es an der Abendkasse für fünf Euro.

8. März: Von 13 bis 16 Uhr findet unter dem Motto „Feministischer Kampftag“ eine vom Bündnis für ein Ende der Gewalt geplante Demonstration statt. Sie beginnt im Frankenberger Park. Von dort soll sich ein Demonstrationszug bis zum Elisenbrunnen zu bewegen.

9. März: Der Montag nach dem Weltfrauentag ist in diesem Jahr Frauenstreiktag. Von 14 bis 18 Uhr wird dieser am Neumarkt im Frankenberger Viertel begangen.

Weitere Veranstaltungen finden Interessierte unter bildungsportal.aachen.de/frauenbildungswoche und unter regionaachen.de/internationaler-frauentag-in-der-region-2026

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