Fragen & Antworten
Standdatum: 8. März 2026.
Autorinnen und Autoren:
Alexander Schnackenburg
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Guido Gallmann, Judith Goldberg und Karin Enzler aus dem Schauspiel-Ensemble des Theaters Bremen posieren für ein Foto zu „Raub. Verladene Erinnerungen“ in einer Bibliothek.
Bild: Jörg Landsberg
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Viele Bremer haben sich in der Nazizeit an jüdischem Eigentum bereichert. „Kühne und Nagel“ brachte das Raubgut nach Bremen. Jetzt zeigt das Theater Bremen die Geschichte.
Es gehört zur Bremer Geschichte. Und doch wird der eine oder die andere im Zwei-Städte-Staat nicht gern daran erinnert. Umso wichtiger, dass es geschieht, findet die Theaterregisseurin Melina Spieker. Es geht um die Tatsache, dass sich viele Menschen im Land Bremen während des Zweiten Weltkriegs mitschuldig gemacht haben an der Vertreibung, Deportation und Enteignung der Juden in Europa.
Konkret haben sie bei Versteigerungen im Auktionshaus oder auch im Weserstadion für kleines Geld gekauft, worum Profiteure der Nazi-Herrschaft Juden in ganz Europa beraubt hatten: Schmuck, Kunstwerke, Möbel, ganze Hausräte geflohener und deportierter Familien. Das Bremer Speditionsunternehmen „Kühne und Nagel“ hatte das Raubgut zuvor per Frachter aus Frankreich und den Benelux-Ländern nach Bremen verschifft.
Von diesen Ereignissen erzählt Spieker in ihrer Inszenierung „Raub. Verladene Erinnerungen“ im Theater Bremen. Das Theater Bremen, die Heinrich-Böll-Stiftung Bremen und das Projekt geraubt.de begleiten die Inszenierung mit einer Reihe aus Podiumsgesprächen unter dem Titel Braunes Erbe.
Die Regisseurin Melina Spieker hat „Raub. Verladene Erinnerungen“ gemeinsam mit Jan Grosfeld entwickelt.
Bild: Jörg Landsberg
Worauf fußt das Theaterstück zu Bremens braunem Erbe?
Die Regisseurin Melina Spieker greift für ihr Stück auf drei verschiedene „Textqualitäten“ zurück, wie sie sagt: zum einen auf durch Historiker recherchierte Beiträge, zum anderen auf originale Akten, etwa aus den Staatsarchiven Bremens und Hamburgs sowie schließlich auf Dokumente aus dem Familienarchiv von Barbara Maass. Sie ist eine Enkelin von Adolf Maass, der zeitweise der größte Einzelanteilseigner von Kühne und Nagels war, ehe er die Firma 1933 verlassen musste. 1944 wurde der Kaufmann mit jüdischen Wurzeln im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.
„Wir beginnen mit 1890, der Gründung des Logistikunternehmens“, so Spieker. Insbesondere die Jahre von 1933 bis 1945 wolle sie streng chronologisch erzählen – mit Hilfe von Schauplätzen in der Innenstadt, die eng mit der Arisierungsgeschichte Bremens verknüpft sind. Dort haben Spieker und das fünfköpfige Ensemble für die Inszenierung gefilmt, um ihr Spiel auf der Theaterbühne mit Filmsequenzen anreichern zu können.
Spieker möchte es jedoch nicht allein bei einem Blick in die Vergangenheit belassen. Etwa ein Drittel des Stücks wolle sie auch der Bremer Gegenwart widmen, kündigt sie an.
Henning Bleyl von der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen betreibt zugleich mit Evin Oettingshausen die Website „geraubt.de“, die über das Mahnmal-Projekt informiert.
Bild: Marcus Wiechmann
Spielte Bremen für die Enteignung der Juden durch die Nazis wirklich eine derartig große Rolle?
Ja, sagt Henning Bleyl, Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen und neben Evin Oettingshausen verantwortlich für die Website „geraubt.de“. Bremen sei schon aufgrund seiner Häfen eine besondere Bedeutung bei der Arisierung zugekommen. „Die Nazis ließen die Wohnungen jüdischer Menschen komplett ausrauben, um sie der nichtjüdischen Bevölkerung zu vermachen“, erklärt er.
Es sei den Nazis dabei insbesondere darum gegangen, die Bevölkerung für ihre Entbehrungen im Krieg zumindest teilweise zu entschädigen und sich so gewogen zu halten. „Siegeswichtig“ hätten sie das genannt, sagt Bleyl und spricht von einer „gigantischen Umverteilung“. Allein aus den westlichen Ländern seien rund 30.000 vollbeladene Waggons und über 600 Frachtschiffe jüdischen Eigentums nach Deutschland gebracht und dort verteilt und verscherbelt worden.
Kühne und Nagel habe dabei eine Schlüsselrolle gespielt, sagt Bleyl. Die Nazis beauftragten das Unternehmen bei der so genannten „M-Aktion“ („M“ für Möbel) damit, die Einrichtungen aus rund 65.000 Wohnungen in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg abzutransportieren. Daran erinnert in Bremen seit September 2023 ein Mahnmal an der Wilhelm-Kaisen-Brücke, in unmittelbarer Nachbarschaft von Kühne und Nagel.
Was erhofft sich das Theater Bremen von der Inszenierung sowie von der begleitenden Reihe „Braunes Erbe“?
Sie wollen einen Beitrag dazu leisten, dass die Erinnerung an die schlimme Vergangenheit dem kollektiven Bremer Gedächtnis erhalten bleibt. Noch bis in den kommenden Herbst, so Henning Bleyl von der Böll-Stiftung, werde es immer mal Podiumsdiskussionen zum Thema im Noon Café des Theaters Bremen geben.
Regisseurin Melina Spieker hofft unterdessen, dass es ihr mit ihrer Inszenierung gelingt, ein möglichst realistisches Bild von den Ereignissen aus der Nazizeit zu zeichnen. Dass sie erst im Jahr 2000 geboren wurde, betrachtet sie hierbei als Vorteil: „Ich habe das Gefühl, dass es der große zeitliche Abstand leichter macht, der Geschichte nachzuspüren“, sagt sie und kündigt an: „Die Hemmschwelle ist niedriger, als sie es für Menschen wäre, die dichter dran sind.“
Weitere Infos zu den Aufführungsterminen und den Eintrittspreisen stehen auf dieser Website.
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Bild: Radio Bremen
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Quelle:
buten un binnen.
Dieses Thema im Programm:
buten un binnen, 6. März 2026, 19.30 Uhr

