Die Grünen haben die Landtagswahl in Baden-Württemberg gewonnen. Mit 30,2 Prozent der Zweitstimmen landeten sie vor der CDU mit 29,7 Prozent – ein denkbar knapper Erfolg. Beide Parteien kommen so auf 56 Mandate im Landtag, wie die Wahlleitung in der Nacht zum Montag in Stuttgart mitteilte.
Über Monate hatte die CDU in Umfragen deutlich vor den Grünen gelegen, der Abstand war erst kurz vor der Wahl stark geschmolzen.
Es wird erwartet, dass Grüne und CDU erneut zusammen regieren und Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir Ministerpräsident wird. Der 60-Jährige hatte sich bereits um kurz vor Mitternacht zum Sieger erklärt, als seine Partei 27.000 Stimmen vor den Christdemokraten lag und 99 Prozent der Wahlgebiete ausgezählt waren. „Was für ein Wahlkampf, was für eine fulminante Aufholjagd“, sagte Özdemir und dankte seinen Unterstützern.
CDU-Kandidat Manuel Hagel gratulierte ebenfalls zum Sieg. Ob er eine Rolle in der neuen Regierung übernehmen wird, war am Abend jedoch unklar.
Landtagswahl in Baden-Württemberg
Die Wahlbeteiligung lag bei 69,6 Prozent. Bei der Landtagswahl 2021 waren es 63,8 Prozent gewesen. Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte durften ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor.
Durch eine Änderung im Wahlrecht konnten erstmals auch 16- und 17-Jährige abstimmen. Zudem hatten die Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den Direktkandidaten im Wahlkreis.
Verteilung im Landtag
Die Grünen kommen laut Wahlleitung auf 56 Sitze im Landtag (2021: 58), ebenso die CDU (2021: 42). Die AfD erhält 35 Mandate (17), die SPD auf 10 (19). Die FDP und Linke sind an der 5-Prozent-Hürde gescheitert.
AfD drittstärkste Kraft
Die AfD ist dem vorläufigen Endergebnis zufolge mit 18,8 Prozent drittstärkste Kraft und verzeichnete – mit 9,1 Prozentpunkten mehr als bei der letzten Wahl – die größten Zuwächse. Die CDU konnte ein Plus von 5,6 Prozentpunkten verbuchen. Die Grünen wiederum mussten Verluste hinnehmen: Laut dem Statistischen Landesamt waren es 2,4 Prozentpunkte.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen war nach 15 Jahren nicht mehr angetreten. Der 77-Jährige, bundesweit der erste und einzige Regierungschef der Grünen, verabschiedet sich in den Ruhestand. Seit 2016 regierte er mit der CDU, davor mit der SPD.
Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, geht mit 77 Jahren in Rente. Cem Özdemir (r.) wird sein politisches Erbe nun fortführen.
© dpa/Bernd Weißbrod
SPD schafft nur 5,5 Prozent, FDP fliegt raus
Die SPD hat mit 5,5 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl eingefahren und es nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft, wie auf der Internetseite des Statistischen Landesamts nach Auszählung aller Wahlbezirke ersichtlich war.
Die FDP und die Linke hingegen verpassten den Angaben nach mit jeweils 4,4 Prozent den Einzug in den Landtag. Für die Liberalen bedeutet dies, dass sie in ihrem Stammland aus dem Parlament fliegen. Die Linke war bislang nicht im baden-württembergischen Landtag.
Die wichtigsten Entwicklungen am Wahlabend
- Nach dem Scheitern der FDP an der Fünfprozenthürde hat Landeschef Hans-Ulrich Rülke seinen Rücktritt vom Landesvorsitz angekündigt.
- Nach dem SPD-Verlust hat Spitzenkandidat Andreas Stoch seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef erklärt.
- Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir signalisiert Kompromissbereitschaft in Richtung CDU bei der Bildung einer neuen Regierung. „Beide Seiten müssen sich wiedererkennen können in der Koalitionsvereinbarung“, sagte er in der ARD.
- Partei kann Ergebnis mehr als verdoppeln: AfD-Chef Tino Chrupalla sieht „Riesenerfolg“ für AfD.
- Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ist offen für ein Ministeramt in der neuen Landesregierung.
- Cem Özdemir hat auch seinen eigenen Wahlkreis in Stuttgart deutlich für sich entscheiden können und das Direktmandat für seine Partei in der Landeshauptstadt gewonnen. Die Grünen gewannen alle Direktmandate in Stuttgart.
Lob und Kritik bei den Grünen
„Cem Özdemir hat sich aus einem krassen Rückstand nach vorne gekämpft“, sagte Grünen-Parteichef Felix Banaszak. Er habe gezeigt, dem Amt des Ministerpräsidenten gewachsen zu sein. Bei der Grünen-Wahlparty in Baden-Württemberg brach nach Vorstellung der 18-Uhr-Prognose breiter Jubel aus, genauso wie, als rund eine halbe Stunde später Özdemir zur Bühne schritt.
Der grüne Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour sieht in dem Wahlerfolg ein Vorbild für die Gesamtpartei. Die Wahl sei „eine Blaupause, wie Bündnisgrüne auch bundesweit wieder breiter mehrheitsfähig werden können“, sagte Nouripour dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Wahlgewinner Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen, l.) mit dem CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel (CDU) am Sonntagabend im Landtag.
© dpa/Marijan Murat
Özdemir sei „ein Meisterstück gelungen“. Der Sieg in Baden-Württemberg zeige, dass grüne Politik Mehrheiten gewinnen kann, „wenn sie den Menschen zuhört, sich an ihrer Lebensrealität orientiert und den Platz in der gesellschaftlichen Mitte beansprucht“.
Kritik kam von der Grünen Jugend, etwa wegen des Festhaltens am Verbrennerauto. Bei Özdemir bleibe „ein Fragezeichen hängen, ob das am Ende grüne Politik ist“, sagte ihr Sprecher Louis Bobga am Sonntagabend im Sender ntv. Auch dürfe der umstrittene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer in einer künftigen Landesregierung „keine Rolle“ spielen, forderte Bobga.
Der Tübinger Bürgermeister war lange bei den Grünen, trat dort aber nach wiederholten heftigen Streitereien aus. Treffen zwischen Özdemir und Palmer befeuerten Spekulationen, dass der Tübinger Teil des künftigen Landeskabinetts werden könnte.
Landtagswahl Baden-Württemberg: Wählerwanderung
Infratest dimap, 8.3.2026, 19:25
Die zwei wichtigsten Gründe für den Wahlsieg: Die Grünen wurden in Baden-Württemberg deutlich positiver wahrgenommen als im Bund. 55 Prozent stimmen laut Forschungsgruppe Wahlen eher der Aussage zu, die Grünen stünden im Südwesten für eine andere Politik als im Bund. 36 Prozent stimmen eher dagegen. Spitzenkandidat Özdemir, früher Grünen-Parteichef und Bundeslandwirtschaftsminister, wurde zudem als sympathischer, glaubwürdiger und auch kompetenter als sein CDU-Wettbewerber Hagel eingeschätzt.
Der Wahlverlierer Hagel dankte seinen Wahlkämpfern und Mitarbeitenden. „Ihr wart alle klasse“, sagte Hagel in Stuttgart. Viele Christdemokraten seien mit Anstand über sich hinausgewachsen – eine Spitze an die Grünen, denen die CDU eine Schmutzkampagne vorwirft. Der 37-Jährige dankte auch seiner Familie. „Die letzten Wochen waren für meine Frau, meine Familie und mich persönlich eine enorme Belastung.“ Nun gelte es, die weiteren Hochrechnungen abzuwarten.
In Umfragen lagen die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten Özdemir über Monate hinweg deutlich hinter der CDU. Doch Özdemir konnte den Vorsprung vor Hagel in den vergangenen Tagen kontinuierlich abbauen. In einer letzten Umfrage lagen beide dann gleichauf.
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Die Südwestwahl markiert den Start in ein Superwahljahr. Sie ist die erste von fünf Landtagswahlen und hat eine Signalwirkung, die weit über Baden-Württemberg hinausreicht. (mit Agenturen)