Vor kaum mehr als zwei Jahren sah Jorge Valdano das Champions-League-Spiel des 1. FC Union gegen Real Madrid, und der argentinische Fußball-Philosoph gab sich ergriffen. Die Köpenicker spielten damals aus Kapazitätsgründen im Exil, im Olympiastadion, und nicht im Stadion An der Alten Försterei. Aber auch dort wollte Valdano „ein Gemeinschaftsgefühl“ gespürt haben, „das über allem steht – sogar über dem Resultat“.
So schrieb er es wenige Tage später in einer Kolumne für die Zeitung El País auf, in der er überdies von einer „Vibration des Kollektiven“ schwärmte, „die über wirtschaftlichen Strömungen erhaben ist, die den Fußball unaufhaltsam vergiften“. In der Alten Försterei kann man das nachvollziehen, insbesondere nach Niederlagen, denen im Regelfall Aufmunterungen folgen, keine Schelten. Am Sonntag aber war das anders. Denn die 1:4 (1:2)-Niederlage gegen den SV Werder Bremen provozierte ein unmissverständliches Echo: „Aufwachen, aufwachen“, hallte es von den Rängen.
Borussia Dortmund
:Der Verlierer hadert, der Sieger grantelt
Ein redseliger Stadionsprecher, ein nicht gegebener Elfer und ein angekündigter Abschied beim BVB: Das Duell Köln gegen Dortmund liefert gleich mehrere Geschichten – Niko Kovac übt trotz des Erfolges Kritik.
Derartige Rufe stellen in Köpenick das Maximum an Abstrafung dar; diese war insofern nachvollziehbar, als die Niederlage, die Union hinnehmen musste, alles andere als profan war. Dass Werder durch den Sieg in Köpenick vom Relegationsplatz 16 auf Rang 13 springen konnte, war das eine. Das andere, dass die Bremer ihre Distanz zu den Köpenickern auf drei Punkte verkürzten, ihnen mithin vor Augen führten, dass sie doch wieder im Abstiegskampf sind. „Wir hätten heute einen Satz nach vorn machen können. Das ist uns nicht gelungen, jetzt sind wir mittendrin“, sagte Horst Heldt, bei Union Geschäftsführer Profifußball. Dies sei „unfassbar ärgerlich“. Und Produkt einer schwachen Phase: Union hat aus den letzten zehn Spielen nur sieben von 30 möglichen Punkten geholt.
Werder-Trainer Thioune nimmt die richtigen Umstellungen vor
Es gab ein gar nicht mal so leises Klagen über einen Faktor, der die Niederlage vermutlich begünstigte. Kurz nach der Union-Führung durch einen von Derrick Köhn verwandelten Elfmeter (18.) handelte sich Andras Schäfer nach einem Foul an Jens Stage einen Platzverweis ein (19.). Bei Werder lösten die harte, aber gerade noch vertretbare rote Karte und das damit einhergehende Überzahlspiel allerdings keine Begeisterungsstürme aus: „Wir kennen das aus der Vergangenheit, dass uns das nicht unbedingt gutgetan hat“, sagte Daniel Thioune. Auch vor diesem Hintergrund rühmte Werders noch immer neuer Coach, dass seine Mannschaft „cool geblieben“ sei, „eine Top-Leistung“ sowie einen „sehr reifen Vortrag“ an den Tag gelegt – und sich schließlich „belohnt“ habe.
Zur Wahrheit gehörte, dass die Bremer auch deshalb zum ersten Mal in dieser Saison zwei Siege aneinanderreihten, weil sie den Berlinern fußballerisch überlegen waren. Das manifestierte sich unter anderem in der Ästhetik des Ausgleichstreffers, der belgische Linksverteidiger Olivier Deman schoss den Ball aus halbrechter Position vom Strafraumrand in den linken oberen Knick (31.). Nur vier Minuten später hatte Werder das Spiel gedreht und die Unioner in ihrem Stolz verletzt. Denn die beiden besten Bremer, Cameron Puertas und Jens Stage, fanden für einen Treffer nach Köpenicker Muster zusammen: Ecke, Kopfball, Tor.
Dass Werder die Führung nach der Pause ausbaute, lag nicht nur an der numerischen Überlegenheit auf dem Platz. Sondern vor allem daran, dass Thioune zur Halbzeit die richtigen Umstellungen vornahm. Er nahm Innenverteidiger Niklas Stark vom Platz, ebenso den indisponierten Mittelstürmer Keke Topp. Für Stark kam – positionsgetreu – der Argentinier Julián Malatini. Anstelle von Topp kam kein Stürmer, sondern der ballsichere Leonardo Bittencourt. Werder ließ den Ball kreisen und die Unioner laufen – und trat den Beweis an, dass man nicht aufs Fußballspielen verzichten muss, wenn man in der Liga ums Überleben kämpft.
Dem steht nicht entgegen, dass das 3:1 aus Unioner Sicht „Slapstick“-Elemente beinhaltete, wie Heldt klagte. Danilho Doekhi köpfelte den Ball im Unioner Strafraum an den Allerwertesten von Einwechselspieler Woo-yeong Jeong; Romano Schmid wiederum legte den Abpraller für Marco Grüll auf (66.). In der Nachspielzeit traf dann auch noch der 18-jährige Patrice Covic, ein Absolvent der Hertha-Akademie, zum 4:1-Endstand. Die Freude über den Treffer des kroatischen U19-Nationalspielers war so immens, dass sogar Werder-Torwart Mio Backhaus quer über den Platz gelaufen kam – und vor den Werder-Fans mitfeierte.
Auch sie hatten im Laufe des Spiels auf sich aufmerksam gemacht, durch Choreos und grüne-weiße Rauchtöpfe, vor allem aber durch Transparente wider das Patriarchat („feministischer Widerstand heißt Leben!“) und gegen den jüngsten Einfall von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, die Gesinnungsprüfung von Buchhandlungen, die ihm, weil links, politisch nicht genehm sind: „Linke Kulturräume schützen, Solidarität mit dem (Bremer Buchladen, d. Red.) ‚Golden Shop’“, hieß es auf einem Transparent.
Wie hatte Valdano im eingangs erwähnten Artikel betont? Es kann sogar wirtschaftlich lohnenswert sein, wenn sich Klubs in gesellschaftspolitische Zentren verwandeln, die über gewonnene oder verlorene Spiele hinausdenken. Das, so viel ist sicher, wird nicht nur in der Bremer Kurve, sondern auch bei Union Berlin so bleiben. Egal, wie der Abstiegskampf ausgeht.
