Alles Theater? Nach so vielen Stücken, Lesungen, Debatten und Workshops steht am Ende des Brechtfestivals 2026 in Augsburg wieder eine Bühne im Scheinwerferlicht: das Theater. Mit Geschichten, Gefühlen und Glitter, mit Lametta-Vorhang und Live-Musik. Das Maxim Gorki Theater ist dafür aus Berlin angereist, samt Ensemble und Bühnenbild. Mehr noch, auch mit einem Bühnenorchester – und mit dem Autor der Geschichte dieses Abends. Der Schriftsteller Dinçer Güçyeter sitzt im Publikum, hier im Martinipark. Er hat den Roman „Unser Deutschlandmärchen“ geschrieben, diesen autobiografischen Bestseller, der jetzt in der Theater-Fassung auf der Bühne beginnt. Güçyeter erzählt eine Familienlegende aus der hemdsärmeligen Arbeiterklasse, aus Nettetal, Nordrhein-Westfalen. Eine Lebensgeschichte von Menschen, die aus der Türkei kamen und sich Wunder, ja Märchen erhofften, als sie nach Deutschland zogen. Vor allem ist „Unser Deutschlandmärchen“ aber eine Mutter-Sohn-Geschichte. Gespielt mit so viel Liebe und Witz, dass es an diesem Abend einige Herzen brechen wird.
Im „Deutschlandmärchen“ glänzen Taner Şahintürk und Sesede Terziyan
Erstes Bild, die Bühne noch weit und leer: Da steht nur ein starker, ausgewachsener Mann, der ein schwarzes, funkelndes Abendkleid trägt, so stolz wie eine Galionsfigur. Vor ihm steht eine silberne Kiste. „Jetzt liegst du da in diesem billigen Zinksarg“, sagt er – und spricht zu seiner toten Mutter vor ihm. Ein Mann nimmt Abschied im Kleid seiner Mutter, mit einer Wut im Bauch, die ihm schon so lange unausgesprochen auf der Seele drückt. Er zum Sarg: „Bist du entspannt oder läuft da drin der Thermomix?“ Harter Witz, weil die Mutter dem Vater immer so schrecklich untertänig ein Zuhause bereitet hat. „Kannst ihn ab jetzt unter der Erde bekochen …“ Tiefste Verbitterung? Dann liest er (Taner Şahintürk) ihr trotzdem ein Gedicht vor, das er sich von der Seele geschrieben hat. Liebe sprudelt aus seinen Sätzen und eine Enttäuschung, wie sie nur aus Liebe kranken kann. Mutter, wieso hast du dich nie gewehrt? Der Sohn, der Feminist fragt: „Anne, wo war deine Stimme?“ Dann aber kippt die Inszenierung ins Schillernde, Tragikomische. Dank der Mutter.
Eine Schau, wie Sesede Terziyan sie spielt. Rückblende, 1979: Diese Frau wünscht sich ein Kind, so sehnlich, nach 14 Jahren Ehe. Nur ein Kind, bitte, bitte, so betet sie ein Stoßgebet zu … Allah? Nein. Maria! Ausgerechnet. Die Kollegin aus der Schuhfabrik habe ihr empfohlen, sich an die christliche Mutter Gottes zu wenden, habe bei ihr ja auch geholfen. „Obwohl ihr Mann sie kaum anfasst“, raunt die Noch-Nicht-Mutter zur Gottesmutter. „Du kennst das …“ Freuen kann sie sich bald, denn sie wird schwanger, der Sohn namens Dincer kommt zur Welt. Und singen kann die Mutter von ihrem Glück, Lieder in türkischer Sprache. Einen Sound von Sehnsucht verströmt Terziyan im Saal, wenn sie singt.
Augsburger Publikum erlebt Musik und Familiengeschichte
Zwischen schmucken Lametta-Vorhängen stehen zwei Podeste: Hier sitzt eine Band und hüllt die Geschichte in Musik. Vier Virtuosinnen spielen leidenschaftlich auf den Saiten der türkischen Ut, am Cello, am Bass. Und bei Bedarf treten die Frauen auch in die Szene, als Stellvertreter-Figuren, wenn „Mutter“ gerade direkt das Augsburger Publikum anquatscht, um ihre Familienvorgeschichte zu erklären. Hier, die Großmutter aus Griechenland, mit ihr begann die Ahnenreihe. Dann weitere Frauen, die sich auf Ehen mit charakterlich eher halbstarken Männern einließen. Sie duckten sich und buckelten alles, Arbeit plus Familie. Einer schleppte dann sie, Dincers Mutter, in den 60ern nach Deutschland. „Wo man das Geld von den Bäumen pflücken kann.“
Zeitsprung, die 90er: Taner Şahintürk singt sich am Mikrofon die Kehle aus dem Leib, wenn er als kleiner Junge schmollt, träumt, liebt, sich um die Eltern sorgt. Im Zweifel hilft Herbert, Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ kratzt er mit Herzschmerzdruck heraus. Und die Zeit tickt: Hübsch, wie zur Orientierung die Jahreszahlen am Bühnenrand aufleuchten. Dazu Fotos von Mutter und Sohn, aus dem Original-Familienalbum des Autors selbst – und Gedichtzeilen: „Wer auf dieser Welt nicht liebt, ist im Jenseits nichts wert.“
Sohn kauft Mutter erste Schuhe vom eigenen Gehalt
Dincer lässt sein Leben Revue passieren. Şahintürk spielt den 8-Jährigen, dann den 15-Jährigen, den Erwachsenen, der weiter an Mutter hängt – und die Jahre ziehen an ihm vorbei ohne Kostümwechsel, ohne dass er sich unnötig im Tonfall verniedlicht. Trotzdem rührt es, wenn der Siebenjährige für seine Mutter mit anpacken will, bei der Arbeit auf dem Feld. Wenn er danach mit dem Fahrrad über die Bühne fetzt, schnell zum Schuhgeschäft – um von seinem ersten Gehalt schöne Schuhe für Mutter zu kaufen. „Qualitätspumps!“ Und wie Mutter dann in den Hacken tanzt, „wie eine Prinzessin“, findet der Sohn. Ganz offen gefühlvoll, nahbar und nachvollziehbar, so begegnen sich die beiden Schauspieler in solchen Szenen.
Mutter und Sohn, sie sehen einander – und doch aneinander vorbei. Immer schimmert da Melancholie in Mutters Blick: die Härte der Arbeit, die niemand schätzt. Die Härte zu erfahren, dass ihr Mann sie betrügt. Härte zeigt sie selbst, wenn sie den Sohn bald in einen Blaumann steckt, um ihn als Handwerker ausbilden zu lassen. Arbeit, Geld, Sicherheit. Aber der Sohn? Brennt lieber mit einer Theatergruppe durch, in ein fremdes, fernes Leben. Er will Gedichte schreiben und rauf auf die Bühne, sich durch Rollen spielen und durch Betten schlafen.
Aber sie werden sich wiedersehen. „Der Sumpf ist überall“, wird Dincer der Mutter erklären, also nicht nur in Nettetal, Nordrhein-Westfalen. Und vom Sumpf dieses Lebens erzählt die Inszenierung in einem bestechenden Mix von Ehrlichkeit, Musik und Poesie. Das Ende reißt die Zuschauer aus den Stühlen, stehender Applaus.
Dinçer Güçyeter spricht über eigene Geschichte im Roman
Nach dem Spiel beginnt ein Bühnengespräch: Dinçer Güçyeter erzählt, wie der Roman – im Zusammenspiel mit Regisseur Hakan Savaş Mican – so ein Bühnenknaller werden konnte, ein Publikumslieblingsstück in Berlin. Er erklärt, wie viel von seiner eigenen Geschichte im Text liegt, und von seiner Mutter. Dieses „Deutschlandmärchen“ ist auch ein schillernder Beitrag zum Weltfrauentag. Und zum Finale des Brechtfestivals.
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Veronika Lintner
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