Es ist brechend voll. Nicht alle finden einen Sitzplatz vor der improvisierten Bühne im ersten Stock des Festivalzentrums. Und so stehen einige, denn entgehen lassen möchte sich niemand das Stück. Sie alle wollen die Performance „Glotzt nicht so romantisch“ des Jugendclubs U17 des Jungen Theaters Augsburg sehen. Der Titel verweist bereits auf den großen Brecht-Bezug des Stücks. Wer Brecht sucht, bekommt hier einiges geboten. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler, im Alter zwischen 13 und 17 Jahren beschäftigen sich in den rund 45 Minuten mit großen Fragen nach Gerechtigkeit, Vermögen, Menschsein und Verantwortung – alles inspiriert von Brechttexten. Und alles meint alles. Selbst die weißen Hemden, die das Schauspieler-Team trägt, sind mit eigenen Zitaten und Zitaten von Brecht beschrieben.

Das Ensemble interpretiert mit Tanz, Schauspiel und dem Rezitieren von Texten und bringt auch eigene Texte und Gedanken ein. Das Team hat das Stück gemeinsam mit dem Leiter Harald Sommer auf die Beine gestellt. Gearbeitet wird mit minimalem Bühnenbild. Lediglich einzelne Requisiten wie Stühle oder Ballons kommen flexibel zum Einsatz. Im Hintergrund steht ein Bildschirm, auf dem Brecht-Zitate oder Stichpunkte passend zum Thema als Überschriften zu den einzelnen Szenen eingeblendet werden. Daneben ein Transparent mit der Frage: „Was soll’n wir denn tun?“ Es scheint die Frage zu sein, die die Jugendlichen am meisten beschäftigt und die sich als roter Faden durch die Performance zieht.

Ensemble nimmt Altersheim und Jugendklischees aufs Korn

In einer Szene stopfen drei Schauspielende zu „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ Berge von Spaghetti in sich hinein und nuscheln mit vollgestopftem Mund über ihre Wünsche. Von allgemeinen Dingen bis zu einem neuen Handy ist alles dabei. In einer anderen Szene spielen zwei Performende selbstironisch und mit viel Humor ältere Menschen, die in einem Altersheim leben und über die Jugend von heute lästern. „Früher war eh alles besser“ und was macht die Jugend von heute überhaupt? Am Ende kommen sie zu dem Schluss: „Die im Dunkeln sieht man nicht“. An einem Tau ziehend, skandiert die Gruppe in einer anderen Szene. Während an dem einen Seilende Stichworte wie „Einsamkeit“ oder „Armut“ gerufen werden, antwortet die andere Seite mit „Was geht uns das an?!“ Viele wechseln im Laufe der Zeit die Seiten des Taus, bis die Gruppe, die auf Probleme aufmerksam gemacht hat, nur noch aus einer Person besteht. Durch die nun übermächtige Stärke der anderen Seite wird auch diese Person nach großen Anstrengungsversuchen zu Boden gebracht. Am Ende gewinnt leider auch hier die große unkritische Mehrheit.

Stück greift aktuelle Fragen und Appell zur Menschlichkeit auf

Auch persönliche Momente kommen vor. In einer Szene geht es um den Pass, der nach Brechts Ausbürgerung 1935 nicht mehr anerkannt wurde. Zu seinem berühmten Zitat „Der Pass ist der edelste Teil eines Menschen“ erzählt eine Schauspielende von ihrer bislang erfolglosen Odyssee als Ukrainerin in Deutschland einen Pass zu beantragen. Eine Jugendliche darüber sprechen zu hören, das berührt.

Fragen der Gegenwart, wie: „Wer wählt Trump?“, „Was will Putin?“ und „Warum haben wir Mathe?“ stehen in diesem Stück nebeneinander. Es sind Aufrufe zur Menschlichkeit und die Fragen, nach dem „Warum“, die die Schauspielenden stellen. Sie enden mit dem Aufruf „freundlich zu sein“ und entlassen das Publikum damit mit einer Aufgabe und trotz allem mit Hoffnung.

  • Johanna Kehne

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  • Brecht

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  • Augsburg

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