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Zwei schwere Grippewinter in Folge, Covid eher im Hintergrund – doch Experten warnen: Was gerade harmlos wirkt, könnte trügerisch sein.
Washington D.C. – Haben Sie im Winter von vielen Grippefällen gehört, aber kaum von Covid? Das täuscht nicht. Zum zweiten Mal in Folge erlebt die USA einen harten Grippewinter, während Covid eher im Hintergrund bleibt. Im ersten Pandemiewinter 2020/21 war das Coronavirus deutlich ansteckender und tödlicher als die Grippe – letztere war damals praktisch verschwunden. Doch nun, da SARS-CoV-2 nicht mehr neu ist und es breite Immunität gibt, ähneln sich die Krankheitsverläufe von Covid und Influenza immer mehr – mit einem wichtigen Unterschied: Corona zirkuliert ganzjährig, die Grippe dagegen nur im Winter.
Diesen Winter sind viele an Grippe erkrankt (Symbolbild). © Dmitrii Marchenko Envato/Imago
Heißt das, Grippe bleibt künftig das Winterproblem und Covid das Sommerärgernis? So einfach ist es noch nicht – und es ist zu früh für eindeutige Prognosen. „Wir wissen nicht, in welche Richtung Covid sich entwickelt. Ich glaube wirklich nicht, dass wir sagen können, wie die nächste Saison aussieht“, erklärt Manisha Juthani, oberste Gesundheitsbeamtin von Connecticut. „Aber wir wissen, dass eine Impfung nach wie vor für beide Krankheiten schützt“, so Juthani weiter.
Zahlen: Zwei schwere Grippejahre, Covid-Last nimmt ab
Der Infektiologe William Schaffner (Vanderbilt University) glaubt, man müsse weiter mit Schwankungen bei allen Atemwegserkrankungen rechnen: „Nicht jeder Virus haut einen Homerun raus – manche landen nur ein Double oder ein Single. Dem einzelnen Patienten ist es jedoch egal, welcher Virus ihn ins Krankenhaus bringt.“ Das CDC schätzt, dass bislang rund 25 Millionen US-Amerikaner an Grippe erkrankt sind, 330.000 ins Krankenhaus mussten und 20.000 gestorben sind.
Covid-Bilanz: Seit Oktober gab es 3 bis 9 Millionen Erkrankte, 96.000 bis 170.000 Krankenhauseinweisungen und 10.000 bis 30.000 Todesfälle. Im Alltag erleben die meisten Menschen diese Infekte als lästigen Infekt und Laune-Killer, aber nicht unbedingt als Notfall. Auch die Abwasserüberwachung zeigt: Während die Grippe einen starken Ausschlag hatte, stieg Covid nur leicht an – weniger als beim Sommer-Anstieg.
Diese Viren und Bakterien machen uns krank
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„Im Sommer steht Covid klar im Mittelpunkt der Atemwegserkrankungen, aber im Winter hatten wir dieses Jahr ein kompliziertes Mosaik, in dem Grippe und Covid gleichzeitig ihren Höchststand erreichten“, erklärt Marlene Wolfe, Abwasser-Expertin an der Emory University. „Das belastet das Gesundheitssystem und erhöht das Risiko für Doppelinfektionen, die den Verlauf verschlimmern können.“ Im letzten Winter schätzte das CDC 51 Millionen Grippekranke, 710.000 Krankenhauseinweisungen und 45.000 Tote – darunter fast 300 Kinder, der höchste Wert seit 2009. Dazu kamen rund 19.000 Covid-Tote.
Verantwortlich für die schweren Grippewellen ist vor allem ein ungewöhnlicher Virusstamm: Influenza A (H3N2), bekannt für schwere Verläufe bei Älteren, mutierte, nachdem die Impfstoffproduktion bereits gestartet hatte – entsprechend bot der Impfstoff wie schon im Vorjahr nur begrenzten Schutz. „Diese Mutation ist der Hauptgrund für zwei starke Grippewellen nacheinander – das ist ungewöhnlich“, sagt Schaffner.
„Wenn Covid 2020 ein Deutscher Schäferhund war, ist es jetzt ein Chihuahua“
Dass Covid momentan zurückhaltender verläuft, ist kein Dauerzustand: Immunität und Virusstämme wechseln bei beiden Krankheiten von Saison zu Saison. Covid muss sich für weitere Wellen ständig verändern, hat aber in den letzten zwei Jahren keine bedrohlichen Mutationen mehr entwickelt. Die jährlich aktualisierten Impfstoffe passten bislang recht gut zu den aktuell zirkulierenden Varianten.
„Wenn Covid 2020 ein Deutscher Schäferhund war, ist es jetzt ein Chihuahua“, sagt Ziyad Al-Aly, Leiter des Zentrums für klinische Epidemiologie am VA St. Louis Health Care System. Jüngste Mutationen machen das Virus weniger gefährlich für die Lunge und bei Entzündungen. Wissenschaftler hoffen, dass sich das so fortsetzt: „Es gibt vier weitere Coronaviren, die uns Menschen seit jeher begleiten. Bei einigen können sie schwer verlaufen, meistens richten sie aber wenig Schaden an. Hoffentlich reiht sich SARS-CoV-2 da dauerhaft ein“, sagt Virologe Florian Krammer (Mount Sinai).
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Immunität und Impfskepsis – diesseits und jenseits der Politik
Fast jeder Amerikaner war inzwischen geimpft oder infiziert – das Immunsystem ist deutlich trainierter. Sorge bereitet den Experten eher die sinkende Impfbereitschaft, insbesondere bei Älteren und Kleinkindern. Unter Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., einem bekannten Impfkritiker, rückt die Behörde von klaren Empfehlungen für Grippe- und Covid-Impfungen ab.
Nur ein Drittel der US-Senioren (65+) hat die aktuelle Covid-Impfung erhalten, neun Prozentpunkte weniger als im Vorjahr; beim Grippeimpfstoff bleibt die Quote wie gehabt bei über zwei Dritteln. Pandemie-Forscherin Jennifer Nuzzo (Brown University) warnt: Eine wachsende Lücke bei Ungeimpften, weniger aufgefrischte Impfungen, neue Virusvarianten – damit könnten schwere Covid-Wellen rasch zurückkehren. „Das Virus könnte durchaus wieder starten“, sagt Nuzzo. Aber: „So schlimm wie 2020? Ich glaube nicht. Dafür müsste das Virus sich massiv verändern.“
Ist Grippe jetzt das größere Risiko als Covid?
In der Frühphase der Pandemie widersprachen Fachleute noch energisch der Gleichsetzung von Covid mit Grippe – heute werden beide Krankheiten oft gemeinsam thematisiert. Eine breit angelegte Studie aus US-Veteranenkrankenhäusern zeigt: In der Saison 2024/25 lagen Hospitalisierung und Todesraten bei Covid zum ersten Mal unter denen der Grippe. Die VA-Studien sind allerdings schwer auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar.
Dänische Daten, die auf einer breiten Bevölkerungserhebung beruhen, bestätigen: Nach einem heftigen Grippejahr und einer milderen Covid-Welle waren die Sterberaten beider Erkrankungen gleich – während die Covid-Sterblichkeit vorher deutlich höher war. Die Forscher vermuten: bessere Immunität gegen Covid und gleichzeitig schlechterer Schutz vor der aktuellen Grippe.
Trotzdem sollte Covid nicht verharmlost werden, mahnt Al-Aly: Im Gegensatz zur hauptsächlich auf die Atemwege zielenden Grippe kann Covid Organe wie Herz, Gehirn oder Magen-Darm-System schädigen. Die Folgeerkrankung „Long Covid“ tritt zwar seltener auf, bleibt aber ein Risiko.
Langfriststudien zeigen: Patienten, die mit Covid ins Krankenhaus mussten, hatten über 18 Monate häufiger Todesfälle und Komplikationen als Grippepatienten. Ob das so bleibt, ist offen – erst, wenn sich das aktuelle Krankheitsbild weiter etabliert hat. „Blickt man nur auf die aktuellen Zahlen, sieht man nicht, was unter der Oberfläche lauert“, so Al-Aly.
Zum Autor
Fenit Nirappil ist Gesundheitsredakteur und betreut die Berichterstattung über Bundesbehörden. Er berichtete zuvor über Corona und Infektionskrankheiten und begann seine Laufbahn im Lokalteam der Washington Post. Signal: fenitn.33
Dieser Artikel war zuerst am 4. März 2026 in englischer Sprache bei der „Washingtonpost.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.