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Hohe Kosten und ein klar verfehltes Ziel: Israelische Quellen fürchten nach Militär-Einsatz gegen Iran, weltweit als Schuldige abgestempelt zu werden.
Jerusalem – „Ich bin mir nicht sicher, ob es in unserem Interesse liegt, so lange zu kämpfen, bis das Regime gestürzt ist“, sagt eine anonyme israelische Quelle, die David Ignatius aktuell publiziert. Dem Autoren der Washington Post (WP) zufolge würden israelische Offizielle immer unverhohlener über einer Exit-Strategie des Iran-Krieges grübeln. Die weltwirtschaftlichen Verwerfungen scheinen auch unter den eigentlichen Initiatoren des partiellen Nahost-Konflikts Unruhe darüber zu verursachen, was folgen solle, wenn die militärischen Ziele erreicht seien. Gefragt sei jetzt eine belastbare Idee des US-Präsidenten Donald Trump.
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David Ignatius zeigt mit dem Finger auf den Republikaner – beziehungsweise auf die blinden Flecken in dessen verwirrender Außenpolitik – klar zu sein scheine lediglich, dass Trump für das Ziel der Operation „Epic Fury“ die Entmachtung des bisherigen Regimes ausgegeben hatte: „Er spricht davon, ein neues Iran zu schaffen, das die Sehnsucht des Landes nach Freiheit und modernem Leben widerspiegelt. Doch er scheint keinen auch nur annähernd konkreten Plan zu haben, wie er dieses hehre Ziel erreichen soll“, schreibt der Autor der WP. Auch Time-Autor Eric Cortellessa geht davon aus, dass die militärischen Kollateralschäden beispielsweise in den Golfstaaten noch das geringste Übel für die US-Amerikaner bedeuten werden.
Trumps aggressiver Friedenskurs: „Militärische Gewalt in immer verwirrenderem Ausmaß eingesetzt“
Und das angesichts eines Präsidenten, der sich hintergangen fühlte, als der jüngste Friedensnobelpreis an ihm vorübergezogen war. Für einen Präsidenten, der Kriege binnen Kürze hätte beendet haben wollen, so Cortellessa: „Stattdessen hat er militärische Gewalt in immer verwirrenderem Ausmaß eingesetzt. Kein anderer US-Präsident der Neuzeit hat in so kurzer Zeit Angriffe in so vielen Ländern angeordnet. Seit seiner Rückkehr ins Amt hat Trump Angriffe in acht Ländern autorisiert, von denen drei noch nie zuvor direkt von US-Streitkräften angegriffen wurden. Allein im Jahr 2025 genehmigte er mehr Luftangriffe als sein Vorgänger in vier Jahren.“
„Und bislang hat Israel fast jeden Feind aussgeschaltet, den es sich vorgeknöpft hat. Die Ernennung Modschtabas kommt damit einem Todesurteil gleich.“
Die Los Angeles Times deutet an, wovor sich die israelischen Offiziellen möglicherweise fürchten: dass „Epic Fury“ keine Wogen glätte, sondern neues Öl ins Feuer gieße. „Entweder bleibt das Regime geschwächt und blutig an der Macht und findet es schwerer, ein zersplittertes und chaotisches Land zu regieren, oder das Regime ist nicht mehr regierungsfähig“, zitiert das Blatt Rob Malley. Der Chefunterhändler des Atomabkommens mit dem Iran von 2015 und US-Sondergesandte für den Iran unter dem republikanischen Präsidenten Joe Biden hält insofern ein länger dauerndes politisches Patt im Iran für möglich. Und Israel würde als strategischer Partner der USA in diesen Strudel unweigerlich hineingezogen werden.
Familienbande als Zeichen, wie fest das iranische Regime weiterhin im Sattel sitzt: Eine Frau hält Plakate hoch von Ayatollah Modschtaba Khamenei (rechts), dem Nachfolger seines getöteten Vaters, Ayatollah Ali Khamenei (links) als Geistiger Führer, während einer Kundgebung zu seiner Unterstützung in Teheran. © picture alliance/dpa/AP/Vahid Salemi
„Was Trump derzeit sagt, deutet auf eine äußerst ambitionierte, extrem langfristige und extrem gefährliche Operation hin, die erst mit der Kapitulation Irans enden wird, und es ist schwer vorstellbar, dass Iran kapituliert“, sagt Malley laut der Los Angeles Times. Was wiederum auch Trumps Innenpolitik unter Druck setzte. Die Zweifler verharren also nicht nur in Jerusalem, sondern ebenso in Washington, wie der Thinktank „Institute for National Security Studies“ (INSS) aktuell betont. Der Riss gehe bereits durch Trumps Regierung: Die Trump-Linie verfolge weiter maximalen militärischen Druck gegen das Atomprogramm, die Raketen und Stellvertreterorganisationen. Die Gegenseite favorisiere die Minimierung der wirtschaftlichen sowie politischen Kosten der aktuellen Kriegshandlungen und verwahre sich gegen jedwedes Eskalationsrisiko, so die Autoren Eldad Shavit und Avishay Ben Sasson-Gordis.
Kollateralschaden des Iran-Krieges: „Gefahr, dass Israel für ihre Fortsetzung verantwortlich gemacht wird“
Eines jedenfalls stünde am Ende jedes Weges – das legt Allison Minor nahe: „Der Golf, der aus dem Iran-Krieg hervorgehen wird, wird ein ganz anderer sein“, schreibt sie für den Thinktank „Atlantic Council“. Ihr zufolge seien die aktuellen Geschehnisse für alle Seiten eine Überraschung und ein unbeabsichtigter Effekt: Die Golfstaaten hätten sich wohl Schutz versprochen durch die USA. Das Gegenteil ist jetzt offenbar eingetreten. Darauf würden sie reagieren müssen, was für Israel ebenfalls Folgen zeitige: Sie spricht von „wahrgenommenen Risiken der Stationierung US-amerikanischer Militärbasen“ – und von den Folgeschäden US-amerikanischen Handelns.
Anders ausgedrückt, zieht Donald Trump Ärger an mit seiner aggressiven Außenpolitik und seiner permanenten Drohung, seine Verbündeten nach Belieben fallenzulassen. Israel müsse unter Umständen damit rechnen, schlussendlich als Buhmann in der Region dazustehen. „Je länger die Offensive andauert – selbst wenn die Erfolge aus israelischer Sicht nur teilweise oder gar nicht mehr umkehrbar sind –, desto größer ist die Gefahr, dass Israel für ihre Fortsetzung verantwortlich gemacht wird, weil es die USA in ein unklares strategisches Abenteuer hineingezogen habe“ schreiben Shavit und Ben Sasson-Gordis. Die Autoren fürchten für Israel um dessen internationale Reputation genauso wie für die in den USA.
Ohrfeige für Trump durch den Iran: „Das Regime hat den US-Präsidenten schlichtweg ignoriert“
Laut der Washington Post hätten die USA und Israel durch das Ausschalten des bisherigen iranischen Oberhaupts Ali Khameneis kaum etwas gewonnen – möglicherweise hätten sie mit der gezielten Tötung sogar noch mehr Feuer an die Lunte gelegt, vermutet David Ignatius. Dass Khameneis Sohn Modschtaba Khamenei neuer Oberster Führer des Irans werden soll, wird für die beiden Aliierten unangenehm werden: „Der neue Führer ist ein Hardliner, der dem Korps der Islamischen Revolutionsgarden womöglich noch näher steht als sein Vater. Er ist kein Mann für Verhandlungen“, so Ignatius. Lissy Kaufmann erinnert daran, dass sich der Iran mit dessen Inthronisierung bereits über die vermeintliche Direktive Trumps hinweggesetzt habe.
Während oben am Himmel seine Kampfjets ihre Luftüberlegenheit ausspielten, erhielt der Kriegsherr am Boden eine schallende Ohrfeige: „Das Regime hat den US-Präsidenten schlichtweg ignoriert, der meinte, Motschtaba sei ein Leichtgewicht und inakzeptabel. Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte mit einer Seelenruhe im amerikanischen Fernsehen, die Entscheidung sei nun mal Sache der Iraner“, kommentiert Kaufmann auf tagesschau.de. Die Welt rätselt, was werden wird. Die Los Angeles Times publiziert zunächst die protzigen Regierungsangaben der Regierung ob der militärischen Erfolge: Die iranische Marine habe 30 Schiffe verloren, sei also um mindestens ein Drittel geschrumpft, darunter sei ihr „Prunkstück“, der Drohnenträger IRIS Shahid Bagheri.
Attentat durch Israel zu befürchten: „Ernennung Modschtabas kommt damit einem Todesurteil gleich“
Auch Raketen- oder Drohnenangriffe der Iraner seien bis auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Intensität zurückgegangen. Dennoch, so Lissy Kaufmann via Tagesschau: „Die Wahl Modschtabas zeigt, dass das Regime und die Hardliner noch immer erstaunlich fest im Sattel sitzen.“ Das würde bedeuten, dass der Feldzug Trumps und des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in seinem primären Ziel gescheitert ist – zumindest vorerst. Was vor allem Israel in seiner geopolitisch prekären Situation belässt. Auch die USA bleiben weiterhin bedroht; anders als Donald Trump das in einer auf Truth Social veröffentlichten Rede beenden wollte:
„Indem wir unmittelbare Bedrohungen durch das iranische Regime beseitigen – eine bösartige Gruppe sehr harter, schrecklicher Menschen. Seine bedrohlichen Aktivitäten gefährden die Vereinigten Staaten, unsere Truppen, unsere Stützpunkte im Ausland und unsere Verbündeten auf der ganzen Welt direkt“, wie ihn beispielsweise das Magazin The Pioneer zitiert. Der US-Präsident mag das aussitzen und Gegenwehr mit militärischer Macht niederwalzen. WP-Kommentator David Ignatius macht aber deutlich, dass Israel geopolitisch mindestens eine Gewichtsklasse niedriger kämpft. Neben dem neuen Selbstbewusstsein der Golfstaaten wird Israel auch ein weiterhin schwärender Konflikt im Libanon Kopfzerbrechen verursachen.
Und der niederländische Thinktank „International Centre for Counter-Terrorism“ (ICCT) warnt vor einem Aufflammen von individuellem Terrorismus: „Dass die Ermordung von Ali Khamenei oder das Bombardement des Regimes im Iran Einzelpersonen zu Terroranschlägen anstiften könnten, um Vergeltung zu üben“, befürchtet ICCT-Anlalyst Graig R. Klein. Lissy Kaufmann dagegen sieht kommen, dass auch Israel gezwungen sei, im Verborgenen die Messer zu wetzen – weil Israel gedroht habe, Khameneis Nachfolger unnachgiebig zu verfolgen: „Und bislang hat Israel fast jeden Feind ausgeschaltet, den es sich vorgeknöpft hat. Die Ernennung Modschtabas kommt damit einem Todesurteil gleich.“ (Quellen: Institute for National Security Studies, Atlantic Council, International Centre for Counter-Terrorism, Washington Post, Time, Los Angeles Times, Tagesschau, The Pioneer) (hz)