Ukraine, Krieg, Putin, Drohnen, Verhandlungen – bei vielen Menschen in MV gehen diese Begriffe in ein Ohr rein und im anderen wieder raus. Sie verfolgen die Nachrichten längst nicht mehr so aufmerksam wie 2022, als Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Haben stattdessen einen Schutzschirm gespannt, um sich vor herabprasselnden schlimmen Nachrichten zu schützen. Verständlich. „Das können wir nicht alle so machen“, denkt sich der Ruheständler Gerhard Bley. Jemand muss doch Kontakt zu den Menschen im Land halten, mit ihnen sprechen, ihnen zuhören.
Neuer Verein freut sich über weitere Mitglieder
Gerhard Bley aus Boltenhagen ist nicht der Einzige, der seinen Selbstschutzmodus austrickst und ins Tun kommt. In die Ukraine fährt, Menschen kennenlernt, Netzwerke knüpft. Überall in MV gibt es Leute, die sich in den vergangenen vier Jahren in die Ukraine-Hilfe reingekniet haben. Einigen von ihnen gefiel die Idee von Gerhard Bley, gemeinsam einen Verein zu gründen. Vor ein paar Tagen war es so weit. Menschen aus allen Ecken des Landes hoben in Schwerin den Verein „Deutsch-Ukrainische Partnerschaft Mecklenburg-Vorpommern“ aus der Taufe.
„Wir sind eine bunte Mischung von Leuten – Sozialarbeiter, Landschaftsplaner, Ingenieure bis zu einer ehemaligen Pastorin“, erzählt Gerhard Bley. „Manche sind schon selbst Hilfstransporte in die Ukraine gefahren. Andere halten Kontakt zu Freunden und Arbeitskollegen. Und es gibt Mitglieder, die früher vor dem Krieg gern in die Ukraine gereist sind, weil ihnen das Land gut gefällt oder sie sich für seine Kultur und Geschichte interessieren.“

Gerhard Bley lässt sich die Stadt Tschernihiw zeigen. (Foto: Vladyslav Savenok)
Hilfe auch in kleine Orte der Ukraine bringen
„Wir sind mit zwölf Mitstreitern im Verein gestartet, aber es gibt schon weitere Anfragen“, so Gerhard Bley. „Man darf von uns keine Wunder erwarten, wir fangen klein an. Jetzt im Winter konnten wir nicht in die Ukraine reisen, also haben wir erst mal zusammen gespendet. Eine Powerstation für ein Heim, in dem behinderte Kinder leben. Für den Fall, dass Stromausfall ist. Außerdem haben wir einem Jugendklub für 1000 Euro einen Diesel-Notstromgenerator gespendet. Das Gute ist, dass wir durch unsere persönlichen Kontakte wissen, in welchen kleineren Orten Hilfe gebraucht wird. Wir hören, dass dort weniger an Spendenmitteln ankommt als in großen Städten wie Kiew.“
Empfohlene Artikel
Im Frühjahr will Gerhard Bley mit einigen vom Verein in die Ukraine fahren. Um Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Projekte anzuschieben. „Humanitäre Hilfe hat aktuell nach der extrem schwierigen Situation in diesem Winter infolge der häufigen Ausfälle der Strom-, Wärme- und Wasserversorgung einen hohen Stellenwert“, sagt er. „Für die Menschen in der Ukraine ist aber auch jetzt der Aufbau und die Pflege direkter, persönlicher Kontakte von großer Bedeutung.“
Der Boltenhagener kennt inzwischen viele engagierte Menschen in der Ukraine. Er hat mit seinen Fahrten begonnen, als das Land Mecklenburg-Vorpommern Anfang 2024 mit der Oblast Tschernihiw eine Partnerschaftsvereinbarung abschloss. Jener Region, die gleich zu Anfang des Krieges von der russischen Armee besetzt wurde und die die Ukrainer wenig später wieder vertreiben konnten.
Sie wollen zu Ukraine-Abenden einladen
MV unterstützt die ukrainische Region, die nördlich von Kiew liegt und an Belarus und Russland grenzt, finanziell. Gerhard Bley findet die Partnerschaft spannend. „Es reicht aber nicht, wenn einfach nur ein Politiker hinfährt“, sagt er. „Besser ist es, wenn auch wir als Bürger und Ehrenamtliche eine Verbindung zwischen den Menschen hier und dort aufbauen. Das wollen wir mit unserem neuen Verein angehen. Unser Ziel ist es, partnerschaftliche Kontakte zwischen der Zivilgesellschaft in der Region Tschernihiw und MV zu entwickeln.“

Dieses Foto von einem Luftschutzraum in einer ukrainischen Schule machte Gerhard Bley im vergangenen Jahr. Es macht ihn traurig, unter welchen Bedingungen die Kinder seit Jahren heranwachsen. (Foto: Bley)
Ausstellungen, gegenseitige Besuche, Ferien-Auszeiten für Kinder – Gerhard Bley hat schon ganz alleine solche Projekte angeschoben. Jetzt, mit dem Verein, kann es so richtig losgehen. „Wir denken auch daran, kleine Ukraine-Abende in MV verteilt zu veranstalten, bei denen Leute von ihren Reisen oder der Kultur und Geschichte erzählen. Wir in MV wissen erstaunlich wenig über dieses faszinierende Land mit seinen gastfreundlichen Menschen. In der DDR wurde die Sicht auf die Ukraine getrübt von der sowjetischen Dominanz, und heute sind nicht wenige Ostdeutsche immer noch empfänglich für die russische Propaganda.“
Wer Nachholbedarf im Hinblick auf Ukraine-Geschichte hat: Auf der Webseite www.tschernihiw-grenzland-im-norden.de berichtet Gerhard Bley über seine Reisen in die Ukraine, über Menschen, Schulen, Unterricht in Luftschutzkellern und gemeinsam angeschobene Projekte. Wer den Verein „Deutsch-Ukrainische Partnerschaft Mecklenburg-Vorpommern“ kennenlernen möchte – auf der Webseite www.dup-mv.de kann jeder nachlesen, wofür der Verein steht. Gerhard Bley und die anderen freuen sich über weitere Mitstreiter.
Kontakt: Verein „Deutsch-Ukrainische Partnerschaft Mecklenburg-Vorpommern“, [email protected], www.dup-mv.de