Es sind jedes Mal so viele Namen. Einige kennt vielleicht jeder, andere hat man schon mal gehört. Die meisten sind dem Wähler oder der Wählerin womöglich ganz unbekannt. Wer den großen Zettel der Gemeinde- und Stadtratswahl am vergangenen Sonntag vor sich liegen hatte, konnte bekanntlich seine Stimmen ganz nach eigener Vorliebe über die aufgelisteten Kandidatinnen und Kandidaten verteilen  – und mitunter den Parteien gründlich einen Strich durch deren Pläne machen, wen sie am liebsten in den kommunalen Gremien sitzen sähen. Die Ergebnisse im Landkreis München zeigen: Das passiert häufiger, als es manchen lieb ist. Das gilt für Kandidierende gleichermaßen wie für Parteivorsitzende.

Kumulieren und Panaschieren macht die Wahl zwar komplizierter, ist aber alle sechs Jahre das Salz in der Suppe, der Reiz im Umgang mit dem angebotenen Kandidaten-Mix. In manch anderen Bundesländern gibt es das nicht oder erst seit Kurzem, bayerische Wähler kennen das schon lange und machen regen Gebrauch von der individuellen Stimmabgabe. Im Münchner Umland wurde dabei deutlich: Die Leute wählen am liebsten diejenigen, die schon lange im Gemeinde- oder Stadtrat sitzen, sie wählen Kandidaten mit im Ort bekannten Nachnamen wie ansässige Schreiner, Metzger, Bäcker und ehemalige Bürgermeister. Und sie wählen gerne Ärzte, Krankenschwestern, Polizisten und Lehrerinnen. Also Menschen, deren Berufe ein gewisses gesellschaftliches Ansehen haben. Auch Doktortitel können ein Garant für viele Stimmen sein.

Die Frage nach dem Ausgang einer Kommunalwahl in Bayern ist also auch immer die nach dem Häufelkönig und der Stimmenkönigin.  Wer hat es von hinten nach vorn geschafft, auch wenn er das vielleicht gar nicht mehr wollte? Und wo ist das Kalkül mancher Partei, einen vermeintlichen Stimmengaranten ruhig weiter hinten zu platzieren, weil er sowieso nach vorn gewählt wird, doch nicht aufgegangen? Wo sitzen erneut viele der Altgedienten in den Stadt- und Gemeinderäten, weil sie doch wieder gewählt wurden, obwohl sie bewusst den Jungen auf den Listen den Vortritt gelassen haben? Weil der Wähler eben keine Lust auf Veränderung, Verjüngung oder unkalkulierbare Experimente hat.

Besonders auffällig ist das Vorhäufeln bei der CSU zu beobachten. Korbinian Rausch, der Bürgermeisterkandidat in Unterhaching und Wahlhelfer in seiner Heimatgemeinde, bestätigte das nach dem Auszählen. „Bei der CSU wurden am häufigsten die Stimmen individuell vergeben“, sagt er. Er vermutet, dass die Kandidaten im Ort, in den Vereinen noch mehr verwurzelt sind als von manch anderen Parteien. Bei der AfD etwa habe es fast ausschließlich Listenkreuze gegeben.  Diese Annahme liegt auch bei anderen Gemeinden im Landkreis München nahe, wo AfD-Kandidaten meist genau in der Reihung auf dem Stimmzettel in die Gemeinde- und Stadträte einzogen.

Franz Felzmann von der CSU wurde in Unterhaching vorgehäufelt.Franz Felzmann von der CSU wurde in Unterhaching vorgehäufelt. Claus Schunk

In Unterhaching lässt sich das Phänomen der bekannten Namen und altgedienter Gemeinderäte sehr gut erkennen. Bei der CSU gelang es Franz Felzmann, Inhaber des gleichnamigen Schuhgeschäfts, von Platz 17 auf Position sieben vor- und damit wiedergewählt zu werden. Anton Schrobenhauser, der bekannte Bauunternehmer, sprang von Rang 15 auf 5, Michael Durach, Chef von Develey, wurde von Platz neun auf vier vorgehäufelt. Die neue Kandidatin Susanne Röder hingegen fiel von Platz zwei auf sechs. Bei den Grünen schaffte es die Landtagsabgeordnete Claudia Köhler von Platz neun auf die zweite Position, Sohn Tobias von sechs auf vier. Bei der SPD hat der Name Panzer Gewicht, Helena Panzer, Tochter des amtierenden Bürgermeisters, wurde von Platz zwölf auf sechs vorgewählt. Genügend Stimmen für einen Platz im Gemeinderat bekamen auch Ramona Eidner-Bobrowski und Peggy Schade.  Eidner-Bobrowski kennen viele von der Alzheimer-Gesellschaft, sie ist Gerontopsychiatrische Fachkraft, Pflege- und Demenzbeauftragte. Schade ist Krankenschwester.

Höhenkirchen-Siegertsbrunns ehemalige Bürgermeisterin Ursula Mayer gehört dem Gemeinderat weiterhin an.Höhenkirchen-Siegertsbrunns ehemalige Bürgermeisterin Ursula Mayer gehört dem Gemeinderat weiterhin an. Claus Schunk

Zu den Häufelköniginnen dieser Wahl zählt auch Ursula Mayer in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Die ehemalige CSU-Bürgermeisterin ist auf Platz 24 angetreten, also auf der letzten Position der Liste. Die fällt bei Überfliegen des riesigen Wahlzettels natürlich auch mehr auf als der vorvorletzte Platz. Aber Mayer ist so oder so bei den Menschen im Ort nach wie vor präsent und landete somit auf Rang sieben und im neuen Gemeinderat. Zwei bekannte Namen bei der CSU aus dem derzeitigen Gemeinderat schafften es in Oberschleißheim trotz eines hinteren Listenplatzes erneut in das Gremium: Der 88-jährige Peter Benthues wurde von Rang 18 auf sechs vorgewählt, Angelika Kühlewein, Chemikerin mit Doktortitel, von 17 auf acht. Die jungen Kandidaten wie Brian Sitzberger, 27 und Student oder Mathilda Esser, 19, Studentin, hatten keine Chance.

In Garching sprang Nicola Gerhardt, bekannt in der Pfarrei und durch ihr Engagement im Helferkreis, von Listenplatz 24 auf Rang sieben, was ihr einen Platz im Stadtrat sicherte. Ebenfalls von der CSU ist Martin Obergroßberger, der in Feldkirchen von Platz 20 auf zwei vorgewählt wurde. Er ist nicht nur amtierender Gemeinderat, sondern auch Kriminalpolizist. Auch Alexander Wagatha und Maximilian Hillebrand von der CSU Oberschleißheim, die nach vorn und in den Gemeinderat gewählt wurden, sind Polizeibeamte. Dass auch Metzger und Bäcker beliebt sind, zeigen die starken CSU-Ergebnisse von Dieter Liebold (von Platz 17 auf zwei) und Stefan Dümig (von 19 auf fünf) in der Stadt Haar. Möglicherweise der Lehrerinnen-Bonus brachte Theresa Rothfuß von den Linken in Ottobrunn und Bianca Hupfauer (FDP) in Unterhaching viele Stimmen.

Wobei Hupfauer in der Unterhachinger Kommunalpolitik seit vielen Jahren ein bekannter Name ist. Ihr Mann Peter ist Gemeinderatsmitglied und war Bürgermeisterkandidat. Die Familie Würfl ist in Haar auch schon lange politisch aktiv. Großmutter und Mutter von Raul Würfl saßen bereits für die SPD im Gemeinderat, jetzt schaffte er den Sprung von Listenplatz elf auf Platz drei und damit in den Stadtrat.

Raul Würfl von der SPD Haar. Raul Würfl von der SPD Haar.  privat

In jeder Gemeinde gibt es Beispiele dafür, dass Kandidaten selbst eine gewisse Bekanntheit haben oder mit prominenten Personen verwandt sind – und deshalb fast sicher nach vorn gewählt werden. Susanne Vordermeier (CSU) kennt man in Ottobrunn von der gleichnamigen Schreinerei, Philipp Freiherr von Hirsch (CSU, von zwölf auf zwei) ist in Planegg „Großgrundbesitzer“, Thomas Pöschl (SPD, von 17 auf sechs) arbeitet als Buchhalterin in der Unterföhringer Gemeindeverwaltung (von 17 auf sechs) und Sabine Hüttenkofer (Grüne, von 13 auf eins) war schon immer das Gesicht der Grünen in Straßlach-Dingharting.

Sabine Hüttenkofer von den Grünen in Straßlach-Dingharting.Sabine Hüttenkofer von den Grünen in Straßlach-Dingharting. Claus Schunk

Dass auch Mediziner viele Stimmen bekommen beweist nicht nur der Wahlausgang in Unterschleißheim, wo Friedrich Kiener die meisten Stimmen für die CSU holte. Auch in Gräfelfing vertrauen die Wähler ihren Ärzten (Sabine Müllauer, SPD und Jörg Reichert, IGG) und Apothekerinnen (Doris Unterreitmeier, CSU). In Oberhaching wünschten sie sich offenbar Florian Vorderwühlbecke in den Gemeinderat, obwohl er auf Platz 14 gelistet war. Nur der amtierende Erste und Zweite Bürgermeister bekamen hier mehr Stimmen. Vorderwülbecke ist Facharzt für Allgemeinmedizin.