Krankheitstage in Deutschland über EU-Durchschnitt
- Lesezeit: 4 Minuten
- Erstellt: 12. März 2026
Eine neue Datenanalyse des ifb – Institut zur Fortbildung von Betriebsräten und des Datenstudios DataPulse Research ordnet die deutschen Krankheitszahlen erstmals in den europäischen Kontext ein. Deutschland, der „kranke Mann Europas“?
Das Ergebnis: Gemessen an international harmonisierten OECD-Daten liegt Deutschland bei den Fehlzeiten auf dem siebten Platz von 25 untersuchten Ländern, gemeinsam mit Belgien, hinter Norwegen, Finnland, Spanien, Slowenien, Portugal und Frankreich.
Mit 3,6 Wochen Krankenzeit pro Jahr liegen deutsche Beschäftigte zwar über dem europäischen Durchschnitt von 2,6 Wochen. Doch von einer Sonderstellung kann keine Rede sein: Finnland verzeichnet 5 Wochen, Norwegen fast sechs.
Die Studie nutzt harmonisierte Arbeitskräfteerhebungen der OECD, bei denen Beschäftigte direkt nach ihren Abwesenheiten befragt werden. Aufgrund der enormen Unterschiede in der nationalen Krankmeldungs-Erfassung gilt dies als Goldstandard für Ländervergleiche.
Karenztage: Europaweit kein messbarer Effekt
Während unbezahlte Wartetage als Mittel gegen hohe Fehlzeiten diskutieren werden, zeigen die europäischen Daten keinen Zusammenhang zwischen finanziellen Sanktionen und niedrigem Krankenstand:
- Portugal lässt die ersten drei Krankheitstage per Gesetz unbezahlt und zahlt danach nur 55 % des Gehalts, verzeichnet aber 4,1 Wochen Krankenzeit pro Jahr (und damit mehr als Deutschland).
- Litauen zahlt ab dem ersten Tag volles Gehalt und meldet nur 1,5 Wochen.
- Die Telefon-AU, oft als „Einladung zum Blaumachen“ kritisiert, macht nur 0,8 bis 1,2 % aller Krankmeldungen aus.
Was die Fehlzeiten tatsächlich treibt
Die Fehltage der meisten klassischen Erkrankungen sind seit einem Jahrzehnt in Deutschland ziemlich stabil. Drei spezifische Faktoren treiben den Anstieg:
- Psychische Erkrankungen: Jeder achte Krankheitstag (12,5 %) geht auf psychische Diagnosen zurück. Seit 2014 sind die Fehltage in dieser Kategorie um 47 % gestiegen.
- Postpandemische Atemwegserkrankungen: Die Zahl atemwegsbedingter Krankheitstage liegt seit 2021 auf einem deutlich höheren Grundniveau.
- Langzeiterkrankungen: Weniger als 6 % der Beschäftigten sind 29 oder mehr Tage krank, verursachen aber über die Hälfte aller Krankheitstage.
Hohe Produktivität trotz hoher Fehlzeiten
Die Studie zeigt zudem: Hohe Fehlzeiten sind kein Todesstoß für die Wirtschaftsleistung. Norwegen hat die meisten Krankheitstage in Europa und gleichzeitig die zweithöchste Stundenproduktivität (nur hinter Luxemburg). Deutschland liegt in beiden Kategorien auf Platz 7. Länder mit den niedrigsten Fehlzeiten, darunter Griechenland und Ungarn, befinden sich am Ende der Produktivitätsrangliste.
Die vollständige Studie finden Sie hier. mit interaktiven Grafiken finden Sie hier.
Über die Studie
Die Analyse nutzt harmonisierte OECD-Arbeitskräfteerhebungen (Labour Force Surveys) für den Ländervergleich der Krankheitstage, Eurostat-Daten zur Gesamtabwesenheitsquote und den Fehlzeiten-Report 2025 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für die Diagnose-Aufschlüsselung. Die Regelungen zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall basieren auf einem IGES-Bericht vom Januar 2025.
Quelle: ots – news aktuell
Autor: Redaktion über ots – news aktuell
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