Feierliche Enthüllung der neuen Straßenmarkierung in der ehemaligen Grenadier- und heutigen Almstadtstraße

Feierliche Enthüllung der neuen Straßenmarkierung in der ehemaligen Grenadier- und heutigen Almstadtstraße

Foto: nd/Lola Zeller

»Der Hebräische Buchladen von Hirsch Lewin befand sich in diesem historischen Wohnhaus in der ehemaligen Grenadierstraße 28, heute Almstadtstraße 10, rechts vom Toreingang.« Dieser Audio-Schnipsel ist Teil einer Tour durch das Scheunenviertel nahe dem Alexanderplatz. »Lewin kam ursprünglich aus Litauen. Er war einer von etwa 35 000 jüdischen Zivilisten aus Osteuropa, die im Ersten Weltkrieg von der deutschen Armee als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht worden waren«, erzählt der Sprecher der Tour weiter. Das ist Teil eines neuen Erinnerungsprojekts zur jüdischen Geschichte des Viertels im Osten der Spandauer Vorstadt, das am Mittwochmorgen vor Ort eingeweiht wurde.

Auf einer frisch veröffentlichten Webseite mit einer interaktiven Stadtkarte sind zahlreiche Orte und Geschichten des bis zur Nazizeit von osteuropäischen Jüd*innen geprägten Viertels im Osten der Spandauer Vorstadt zu finden. Die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, das Mitte-Museum und das Bezirksamt Mitte präsentierten das neue Erinnerungsprojekt zusammen mit neuen Straßenschildern, die die jüdische Geschichte wieder sichtbar im Stadtbild verankern sollen. Auf diesen Markierungen sind die historischen Namen von einigen Straßen in der Umgebung auf Jiddisch mit Erläuterungen angebracht.

»Was einmal war, kann wieder und soll wieder sein«, sagt Jess Earle, stellvertretender Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin und Projektleiter der Erinnerungslandschaft »Spurlos verschwunden? – Jüdische Lebenswelten im Herzen Berlins vor der NS-Diktatur«, wie das neue Projekt heißt. Earle möchte, dass Webseite, Audio-Touren und Straßenschilder nicht nur weiterbilden, sondern auch inspirieren. »Zu oft wird unsere Geschichte als Juden nur auf den Holocaust reduziert«, sagt Earle. Weil jüdische Existenz in Deutschland zu oft nur mit Tod in Verbindung gebracht werde, müsse betont werden: »Die Menschen haben gelebt, so wie wir heute auch leben wollen.«

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»Das Scheunenviertel war ein Zentrum jüdischen Lebens in Berlin, ein pulsierendes Quartier osteuropäischer Juden«, sagt Oliver Friederici (CDU), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Kulturverwaltung hat das Projekt mit Mitteln aus dem »Aktionsfonds zur Unterstützung von Projekten gegen Antisemitismus« gefördert. Berichten zufolge soll die Fachjury, die Projekte zur Förderung aus diesem Topf ausgewählt hat, auf Druck von Abgeordneten der CDU-Fraktion zum Teil neu besetzt worden sein. Unliebsame Mitglieder wurden demnach ausgetauscht. Die Vorgänge sind Teil der sogenannten Fördergeldaffäre, in deren Rahmen CDU-Abgeordneten und dem ehemaligen Kultursenator Joe Chialo (CDU) und seiner Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson (parteilos für CDU) teilweise unrechtmäßige Einflussnahme auf die Verteilung von Mitteln zur Bekämpfung von Antisemitismus vorgeworfen wird. Staatssekretär Friederici kritisierte die Vorgänge innerhalb der Kulturverwaltung.

Im Scheunenviertel hätten vor der Nazizeit zahlreiche Schilder an den Häusern und Läden von der dort beheimateten jüdischen Gesellschaft gezeugt, so Freiderici. »Wir wollen auf das Schöne, die blühende Kultur an diesem Ort aufmerksam machen, aber auch auf das Schreckliche, die Zerstörung.« Polizeiliche Razzien, Gewalt und Ausgrenzung habe es schon lange vor 1933 gegen die jüdischen Bewohner*innen des Viertels gegeben, 1923 ein Pogrom. »Sichtbarkeit zu schaffen, ist mehr als Symbolik, es ist Prävention«, sagt Friederici. Die neue Webseite sei ein Werkzeug moderner Erinnerungskultur. »Jüdisches Leben in Berlin ist nicht nur Vergangenheit, sondern auch Gegenwart und Zukunft.«

Im Gebiet der Spandauer Vorstadt zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz lebten Jüd*innen schon seit dem 17. Jahrhundert. Das Gebiet des Scheunenviertels war, wie auf der neuen Webseite zu lesen ist, zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem ein Wohngebiet von Arbeiter*innen. Ab 1881 flohen dann viele Jüd*innen aus Osteuropa, um Pogromen im Russischen Zarenreich zu entkommen. Einige davon ließen sich im Berliner Scheunenviertel nieder. »Sie blieben jedoch eine Minderheit innerhalb einer Minderheit: Von den etwa 180 000 Juden und Jüdinnen, die Mitte der 1920er in Berlin lebten, stammten höchstens 50 000 aus Osteuropa«, so die Information auf der Webseite.

»Was einmal war, kann wieder und soll wieder sein.«


Jess Earle Projektleiter

Die 1920er waren laut Informationen des Projekts eine Zeit des »Booms vieler jüdischer Einrichtungen in der Spandauer Vorstadt und im Scheunenviertel«. Es hätten sich verschiedene Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen, Synagogen, Verlage, politische Vereine etabliert. Die zehn neuen Straßenmarkierungen, die zum Beispiel auch am Rosa-Luxemburg-Platz und in der Rosenthaler Straße dauerhaft angebracht wurden, sollen diese Zeit im Stadtgedächtnis erhalten.

Per QR-Code auf den Schildern gelangen Interessierte außerdem auf die neue Webseite – und von dort aus weiter zu den Geschichten und Biografien dieser Zeit, wie etwa zum Hebräischen Buchladen von Hirsch Lewin oder auch zur Schriftstellerin Mascha Kaléko. »Dass ich meine ersten Berliner Jahre im Scheunenviertel verbrachte, wissen die wenigsten. Doch genau hier fing alles an«, so die Audio-Aufnahme zur ihr gewidmeten Tour. »Kommen Sie mit mir und ich zeige Ihnen, wie ich im Scheunenviertel meinen Weg zur Großstadt-Lyrikerin fand.«

Die interaktive Webseite finden Sie unter www.jewishmitteberlin.de.