Eigentlich sieht es aus wie eine ganz normale Studentenparty. Auf dem Foto lümmeln mehr oder weniger bärtige Jungs lässig auf wild zusammengewürfeltem Mobiliar und grinsen in die Kamera. Der Rauch ihrer glimmenden Zigaretten kräuselt sich in der kleinen Dachkammer, in der sie zusammenhocken. Unter ihnen auch ein zufrieden aussehender Typ mit Wuschelfrisur. Es ist der frischgebackene Galerist Gerd Harry – oder, so der gängige Spitzname: Judy Lybke.
Vom Aktmodell zum Inhaber einer Wohnungsgalerie
Die kleine Schwarz-Weiß-Fotografie von 1983 zeigt die Geburtsstunde der legendären Galerie Eigen + Art. Die erste Ausstellung, bei der die Aufnahme entstand, fand noch in der Wohnung des damals 22-Jährigen statt. Der Titel: „Die neuen Unkonkreten“. „Das sind alles die, die nicht an der Schule angenommen worden waren. Mit denen habe ich angefangen – mit den Losern“, erzählt Lybke mit Blick auf die Fotografie.
Mit „Schule“ ist die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) gemeint. Dort verdiente Lybke sein Geld als Aktmodell und knüpfte Kontakte für weitere Ausstellungen. Da seien auch langsam Studenten von der Schule mit dazugekommen, so Lybke, dann Leute, „die kein Studium gemacht haben und trotzdem Künstler waren – also Autodidakten“.
Erstmals eigene Galeriegeschichte im Fokus
Mit der Ausstellung „Ansichten über einen Raum“ widmet sich die Galerie Eigen + Art zum ersten Mal ihrer Geschichte, die vor 43 Jahren in Leipzig begann. Die Schau versammelt Fotos, Einladungskarten und Ausstellungsplakate in Siebdrucktechnik aus der Zeit von 1983 bis 1990 sowie Fotografien von Karin Wieckhorst, die unter dem Titel „Begegnungen in Ateliers“ 1987 bei Judy Lybke zu sehen waren. Diese Einblicke in die Arbeitsräume von Künstlerinnen und Künstlern in den 80er-Jahren laden zum Abgleich mit der Gegenwart ein. Was hat sich verändert? Was bleibt offenbar immer gleich?
Wem gehört die Erinnerung an die DDR?
Auch jüngere Generationen beziehen sich auf ihre Herkunft aus der DDR, zum Beispiel unter dem Label „Wendekinder“ oder „Dritte Generation Ost“. Dass sich die Galerie Eigen + Art nun nach 43 Jahren ebenfalls auf ihre Wurzeln in der DDR besinnt, korrespondiert mit dieser Entwicklung. „Wir sind eigentlich eher immer auf dem Weg in die Zukunft, aber haben festgestellt, dass die meisten Leute gar nicht so richtig wissen, woher wir kommen“, erklärt Gerd Harry Lybke.
Die Ausstellung wolle zeigen, wie früh es losging, so der Galerist, „unter welchen Umständen und wie sich das entwickelt hat“. Mit den Leuten, die in der Galerie tätig sind, mit den Künstlerinnen und Künstlern, die man vertritt, und natürlich auch mit der Konsequenz dessen, dass man immer noch unterwegs sei – vielfach auch mit den Künstlern vom Anfang, so Lybke.
Neo Rauch etwa, Akos Nowaky oder Carsten und Olaf Nicolai. Sie alle sind heute weltweit gefragte Künstler, die noch immer von Eigen + Art vertreten werden.
Annette Schröter, Ulrike Dornis und Angela Hampel stellten dagegen nur in den wilden Anfangsjahren bei Lybke aus. Der war mit seiner Galerie bald in eine ehemalige Fabrik in Leipzig-Connewitz gezogen. Ein Foto in der Schau zeigt den wild-romantisch verwitterten Bau.
Die Kunsthistorikerin Sarah Alberti hebt die Bedeutung der Galerie als alternativer Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst heraus: „Man konnte dort Kunst sehen, die man in einem öffentlichen Museum in der Form nicht gesehen hat“, sagt sie. Performance-Kunst zum Beispiel.
Alberti hat für das Projekt „Kunstszene Ost“ auch Gerd Harry Lybke interviewt. Begleitend zur Ausstellung erscheint nun ein Bildband, der Fotografien aus dem Galerie-Archiv sowie Interviews von Alberti enthält. Heute würde man vielleicht Safe Space dazu sagen, meint sie: „Da gab es Literatur, die man sonst nicht bekam. Unter der Hand kopierte Kataloge von der Documenta, alternative Zeitschriften.“ Eine gefährliche Gratwanderung sei das gewesen, erzählt Alberti. 18 Aktenordner habe die Stasi über Gerd Harry Lybke gesammelt.
Im Bademantel zur Ausstellung
Auf einem Foto in der Ausstellung steht der Galerist nur mit einem Bademantel bekleidet zwischen seinen Gästen. Ein Trick, um der Ausstellung den Anschein einer rein privaten Zusammenkunft zu geben und so vielleicht unter dem Radar zu bleiben.
Lybke selbst blickt scheinbar ohne Verbitterung zurück. Seine Liebe zur Messestadt scheint ungetrübt: „Hier war schon immer das Transitleben. Man hat hier schon immer Leute von außen, die gekommen sind, gefeiert – und die haben diesen Ruf von Leipzig in die Welt getragen. Leipzig lässt halt die Leute auch zu, die etwas anderes machen. Und selbst unter den Bedingungen der DDR war hier ein Leben möglich außerhalb von all dem, was staatlich strukturiert war.“
Die Ausstellung „Ansichten über einen Raum“ zeigt, auf wie viel Leben, wie viel Witz, Mut und Frechheit die Galerie Eigen + Art fußt. Es ist zugleich eine Hommage an die Messestadt.