In der Weinwelt ist Paris das neue Düsseldorf: Die dortige Weinmesse gräbt der etablieren Prowein zunehmend das Wasser ab. Das Bedenkliche daran: Obwohl sich die Konkurrenz aus Frankreich lange angekündigt hat, hat es die Messe in Düsseldorf versäumt, zu reagieren.
Seit mehr als 30 Jahren ist die „Prowein“ in Düsseldorf die größte und wichtigste Weinmesse Europas, wenn nicht sogar der Welt. Gestartet ist sie 1994 als kleiner Branchentreff, der schnell und enorm wuchs. Sie steht – auch durch die Nähe zu weltbekannten Weinbaugebieten wie Rheingau oder Mosel – für den deutschen Anspruch, ein weltweit führendes Weinland zu sein. Das Geschäft der Messe lief so lange prächtig, wie der Weinbau boomte – und das tat er seit ihrer Gründung.
Doch der Boom der „Prowein“ ist vorbei. Statt 13 Messehallen wie noch vor zwei Jahren sind in diesem Jahr nur noch sieben Hallen belegt – ein dramatischer Rückgang. Und dafür sind weder Pandemien, Lockdowns noch Kriege verantwortlich, nicht einmal die neue Zurückhaltung der Generation Z bei alkoholischen Getränken. Nein, das alles sind vielleicht Nadelstiche für das Messegeschäft, mehr aber nicht. Die „Prowein“ ist durch einen neuen Player aus dem Nachbarland unter Druck geraten: die „Wine Paris & Vinexpo Paris“ (der Doppelname rührt daher, dass 2020 zwei Messen zu einer zusammengeführt wurden), die kurz vor der „Prowein“ stattfindet und ihr zunehmend das Wasser abgräbt.
Ja: Die Winzer und Weinhändler in Europa und den USA leiden unter den Auswirkungen der Sober-Bewegung, die zuletzt vor allem Wein zum Feindbild erkoren hat. Aber wenn ich die Staatsgrenze von Österreich nach Ungarn, in die Slowakei, nach Slowenien oder auch Tschechien überschreite, bin ich augenblicklich in einer Welt, in der die Abstinenzmoden weder in den Medien noch bei der Bevölkerung viel Beachtung finden. Ganz im Gegenteil kennen diese Länder keinen gesellschaftlichen Druck, das Weintrinken zu unterlassen.
Auch die Winzer dieser Länder und ihre Verbände stellen auf der „Prowein“ aus. Doch in den Hallen, wo sie sich breitmachen dürfen, waren im vergangenen Jahr kaum Besucher. Dort, wo der Markt noch wächst, sieht also keiner hin – und wird auch von der Messe nicht hingelotst. Mir brach es fast das Herz, so viele gute Winzer in leeren Hallen zu sehen, während sich bei den Deutschen und Österreichern, aber auch bei den Franzosen und Italienern die trinkfreudigen Menschenmassen drängten. Die „Prowein“ ist letztlich nie zu einer echten Weltweinmesse gewachsen, sondern im Kern ein regionales Treffen mitteleuropäischer Winzer geblieben.
In Paris herrscht traditionell ein weinfreundliches Klima
Jetzt drängt es auch die Mitteleuropäer zunehmend nach Paris, in eine Millionenstadt mit einzigartigem Flair – und einem einladenden Hotelkontingent. Während in Düsseldorf und Umgebung zur Prowein kein noch so bescheidenes Zimmer für unter 250 Euro zu bekommen ist, kann man in Paris für rund 100 Euro in einem Dreisternehotel übernachten. Zudem ist das ganze Klima in der Stadt traditionell immer weinfreundlich – und nicht nur zu Messezeiten wie in Düsseldorf.
Mit ihren hohen Kosten für Standmiete und Serviceleistungen ist die Prowein zudem so teuer geworden, dass auch Winzer mit ausreichend Kapital sich fragen, ob sich der Aufwand lohnt, zumal man für mehr Geld heute weniger Gegenwert bekommt als vor ein paar Jahren. Und wenn Paris das Gleiche kostet wie Düsseldorf oder sogar geringfügig weniger – wo gehen die Winzer wohl in Zukunft hin, die nur das Budget für eine relevante Messe im Jahr haben?
Die gar nicht so schleichende Übernahme der Pole-Position durch die „Wine Paris & Vinexpo Paris“ geschah mit Ansage. Fast alle, die im Weingeschäft tätig sind, haben es kommen sehen. Doch warum hat – wie inzwischen fast typisch für Deutschland – die Messe in Düsseldorf nicht reagiert, obwohl sie die Konkurrenz gut sichtbar wie auf einem Silbertablett serviert bekam? Auch wegen dieser Versäumnisse heißt es in der Weinszene nun immer öfter: „Uns bleibt immer noch Paris!“
Manfred Klimek ist Weinkritiker und Fotograf.