Das Schlaraffenland für Nutrias entsteht auf leisen Sohlen: Eine ältere Frau mit einer großen Tüte steht am Ufer unterhalb der Leipziger Entenbrücke. Auf der erste Betonstufe außerhalb des Wassers hat sie etwas zurückgelassen. Essenreste, Schalen von Äpfeln und Kartoffeln sind auszumachen, auch Möhren. Die ersten Enten und Nutrias schwimmen heran.

Nutrias lassen sich Essensreste schmecken

Ein Sumpfbiber oder eine Biberratte, wie die Nutrias auch genannt werden, hatte schon ein paar Minuten zuvor sein Glück versucht, wurde bei der Suche an den Stufen aber nicht fündig – und zog wieder von dannen. Nun sieht die Sache anders aus. Es dauert nicht lange und die ersten Tiere entdecken den Küchenabfall für sich. Irgendwann schauen die Enten dann zu, wie sich ein halbes Dutzend Nutrias mit ihren Vorderpfoten sehr geschickt die offenbar leckere Nahrung einverleibt. Ein paar Spaziergänger blicken von oben herab, vom Limburger Steig, wie die Entenbrücke über der Weißen Elster zwischen Schleußig und Plagwitz, offiziell heißt.

Die Biber als kleine Internet-Stars

Zwei Teenager steigen die Stufen herab und machen aus dem tierischen Freßgelage eine kleine Social-Media-Show. Inklusive dem Versuch, die Nutrias zu berühren. Was den Tieren nur so semi zu gefallen scheint. Familien steigen vorsichtig mit ihren höchst interessierten Kindern herunter, bleiben aber auf Distanz. Viele Leipziger auf dem Weg in den Feierabend schauen von oben auf die Nutrias.

Stadt warnt: „Bitte Wildtiere nicht füttern“

Die Tiere machen einen harmlosen Eindruck. Doch auf einem Schild auf der Brücke heißt es: „Bitte Wildtiere nicht füttern“. Der erhobene Zeigefinger führt nach Angaben der Stadt weder zu Kontrollen noch zu einem Fütterungsverbot. Allerdings schrieb die Stadt MDR SACHSEN: „Viele Menschen, die die Tiere aus falsch verstandener Tierliebe füttern, sind sich über die Folge ihres Handelns oft nicht im Klaren. Die Bestände können sich nicht mehr natürlich regulieren, was Überpopulation fördert und Schäden durch die hohe Zahl an Tieren provoziert.“

Auch Ratten könnten vom Füttern profitieren

Nach Angaben des Amtes für Umweltschutz könnten so Ufer- und Böschungsbereiche in Mitleidenschaft gezogen werden. Und auch Ratten, die in Leipzig schon an manchen Stellen ihr Unwesen treiben, würden angefüttert und sich so vermehren. Ratten würden als Krankheitserreger gelten. Nutrias wiederum seien „echte Wildtiere und auf keinen Fall Streicheltiere“. Man sollte sie auf Abstand halten. In Sachen Fütterung appelliert die Stadt an die Bürger.

Natürliche Feinde selten

Weder die genaue Anzahl der Nutrias an der Entenbrücke noch die Menge in ganz Leipzig lassen sich nach Angaben der Stadt bestimmen. Da natürliche Feinde wie Fischotter und Seeadler in Leipzig noch relativ selten seien, schwanke die Population vor allem wegen der Klimabedingungen im Winter. Vereinzelt auch wegen des Fütterns. Seit Ende der 1990er-Jahre hätten Nutrias in Leipzig praktisch alle möglichen Lebensräume im Umfeld von stehenden und fließenen Gewässern eingenommen.

Nutrias nach Ende der DDR freigelassen

In der DDR gab es rings um Leipzig mehrere Farmen zur Pelzproduktion. Nach der Wende wurden diese unrentabel. Danach landete Tiere in der Freiheit, entweder durch die Farmen selbst oder durch „Tierbefreiungsaktionen“ von Teirschützern. Diese Nutrias bildeten die Basis für die freilebenden Tiere iheute in Leipzig, erklärt die Stadt.