Am fünften Wettkampftag der Spiele sorgte das Verhalten des deutschen Para Langlauf-Duos Linn Kazmaier und Florian Baumann bei der Siegerehrung für heftige Kritik. Sie drehten sich demonstrativ weg, als die russische Hymne zu Ehren der Siegerin Anastasiia Bagiian erklang. Im Anschluss verweigerten sie ein gemeinsames Foto.

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„Die Siegerehrung hat sich vollkommen komisch angefühlt. Menschlich gönnt man es den Personen total. Ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht: Vielleicht unterstützen sie das System in Russland genauso wenig“, sagte Linn Kazmaier danach gegenüber der ARD. Es sei schade, dass die politische Situation die Spiele so überschatte.

Auf Instagram sind die Reaktionen dazu gemischt. „Danke für eure Haltung, das Aggressorland nicht zu unterstützen“, schreibt eine Nutzerin. Andere User:innen bezeichnen das Verhalten von Kazmaier und Baumann als peinlich und respektlos. Auch einigen Hasskommentaren mussten sich die beiden aussetzen. Kazmeier zeigte sich im Anschluss schockiert. „Ich finde es gut, dass jeder seine eigene Meinung hat, aber ich bin schon erstaunt, dass das so große Kreise zieht.“ Sie habe in dem Moment gemacht, was sich richtig angefühlt habe, und sei von den positiven Reaktionen von Ukrainer:innen berührt gewesen.

Bei den Paralympischen Spielen in Italien dürfen Russen und Belarussen zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder unter eigener Flagge antreten, im Siegesfall wird ihre Hymne gespielt. Vor allem die Ukraine kritisierte diese Entscheidung lautstark. Das Land wehrt sich seit vier Jahren gegen die russische Invasion.

ITALY, TESERO - MARCH 10, 2026: Silver medalist Linn Kazmaier of Germany guided by Florian Baumann, gold medalist Anastasia Bagiian of Russia guided by Sergei Siniakin, and bronze medalist Jihong Cong of China guided by Jiaxuan Liu (L-R) pose during the victory ceremony for the women s para cross-country skiing classic vision impaired sprint event at Tesero Cross-Country Stadium during the 2026 Winter Paralympic Games 2026 Winter Paralympics: Para Cross-Country Skiing - ZUMAt113 20260310_zaa_t113_260 Copyright: xMikhailxTereshchenkox Linn Kazmaier und Florian Baumann drehen sich bei russischer Hymne weg.

© IMAGO / ZUMA Press

Die ukrainische Para Langläuferin Oksana Schischkowa findet dafür deutliche Worte: „In der Ukraine sterben jeden Tag Menschen“, sagte die 34-Jährige gegenüber der Deutschen Presseagentur. „Es ist einfach nicht normal, dass ich jetzt hier mit Russen bin, während in der Ukraine Freunde und Familie verletzt oder getötet werden“, sagte Schischkowa, die aus der wiederholt massiv angegriffenen Stadt Charkiw stammt.

„Mein Bruder war im Krieg und wurde verletzt. Er hat nun eine Amputation.“ Am Dienstag startete Schischkowa 20 Sekunden nach der Russin Anastasija Bagijan im Qualifikationsrennen der sehbehinderten Frauen. Bagijan gewann Gold.

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Bereits die Bekanntgabe, dass es für sechs russische und vier belarussische Athlet:innen nach Norditalien geht, sorgte für internationale Kritik. Genauso bei der Eröffnungsfeier der Spiele, bei der sich viele Nationen dem ukrainischen Boykott angeschlossen haben.

Gleichwohl erklang die russische Hymne bereits bei acht Siegerehrungen. Die Nation belegt am siebten Wettkampftag Platz sechs im Medaillenspiegel. Insgesamt gewannen sie bisher vier Gold-, eine Silber- und drei Bronzemedaillen in den Sportarten Para Langlauf und Para Ski alpin.

Fernab sportpolitischer Gründe äußerten manche Sportler:innen bereits vor den Spielen auch Bedenken bezüglich russischer Leistungen. Die Para Biathletin Johanna Recktenwald sagte etwa im Interview mit der Paralympics Zeitung: „Man weiß auch nicht, was sie in den letzten Jahren gemacht haben. Es wurden dort ja keine Dopingkontrollen durchgeführt, und jetzt dürfen sie einfach wieder starten.“

Geteilte Meinungen auf den Rängen

Unter den Zuschauenden war die Meinung dazu gemischt. „Ich finde, sie sollten die Hymne spielen dürfen. Sie können stolz auf ihre Leistung sein, sie sind eine stolze Nation, trotz ihrer grausamen politischen Führung“, sagte Brian O’Driscoll aus den USA, der am Donnerstag im Publikum beim Riesenslalom der Frauen in Cortina saß. Für ihn sei die Teilnahme der russischen Athlet:innen in Ordnung.

„Ich bin froh, dass sie hier sind. Ich denke, die Paralympics sind der einzige friedliche Ort auf der Welt. Ich bin absolut gegen Russland und unterstütze die Ukraine. Aber wir müssen jeden einbeziehen. Wenn wir anfangen auszuschließen, bekommen wir Probleme“, sagte er.

Im Publikum sieht man an diesem Tag die russische Flagge nur kurz nach der Abfahrt von Varvara Voronchikhina, die in der stehenden Klasse Silber gewann, aufblitzen und dann wieder verschwinden. Ukrainische Fans waren nicht vor Ort, weil keine Ukrainerin antrat.

ARCHIV - 11.03.2022, China, Zhangjiakou: Paralympics, Para Ski Nordisch, Biathlon, 12,5 km, sehbehindert, Damen, Oksana Schischkowa (Gold) aus der Ukraine mit ihrem Guide Andriy Marchenko bei der Siegerfeier nach dem Rennen über 12,5 Kilometer. (zu dpa: «Bruder im Krieg verwundet: Ukrainerin beklagt Russen-Start») Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Ihr Bruder wurde im russischen Angriffskrieg verwundet: Ukrainerin Oksana Schischkowa.

© dpa/Jens Büttner

Wie angespannt die Lage ist, wird auch beim Verhalten gegenüber ukrainischen Athlet:innen deutlich. Oleksandra Kononowa habe laut ukrainischem Paralympischen Komitee nach ihrem Sieg im Biathlon-Sprint bei der Siegerehrung ihre Ohrringe in den Landesfarben Gelb und Blau sowie mit der Aufschrift „Stop War“ herausnehmen müssen. Ein Vertreter des IPC habe rüde versucht, sie ihr wegzunehmen, schrieb der Verband. Das IPC bestätigte, dass Kononowa ihre Ohrringe abnehmen musste. Sie sei aber höflich darum gebeten worden und habe zugestimmt.

Weitaus kritischer zur Teilnahme russischer Athlet:innen äußerte sich eine Anhängerin der deutschen Para Ski alpin Fahrerin Andrea Rothfuss. „Grundsätzlich bin ich kein Fan davon, dass die unter eigener Flagge antreten dürfen. Die Athleten dürfen ihre Leistung bringen, das ist definitiv berechtigt, aber unter eigener Flagge ist es dann doch eine etwas schwierige Angelegenheit“, sagte sie.

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Rothfuss erreichte im Super-G am ersten Wettkampftag den vierten Platz. Ohne die russische Siegerin Varwara Worontschischina wäre die 36-Jährige vielleicht auf dem Treppchen gelandet. „Ein Ergebnis, was wir uns alle so nicht gewünscht haben mit der Situation momentan. Aber man muss aus sportlicher Sicht ganz klar sagen, dass Warwara die beste Fahrt hingelegt hat“, bilanzierte sie in der Sportschau.

Ähnlich sieht das Joel, der Freund der Schwedin Ebba Aarsjoe. Sie sicherte sich die Bronzemedaille im Super-G. „Bei Olympia durften die Athlet:innen starten, aber unter neutraler Flagge. Das wäre die bessere Option gewesen“, sagte er. „Aber Ebbas Bronzemedaille kam durch ihr Skifahren zustande, nicht durch die Aufnahme der Russ:innen in den Wettbewerb.“