Haben Sie das Gefühl, dass sich Frauen noch immer schwer tun, sich zu vernetzen und zusammenzuschließen, um gemeinsam auf Missstände aufmerksam zu machen?
Netzwerke entstehen oft informell: nach Dienstschluss, bei Abendveranstaltungen, auf Kongressen, in inoffiziellen Runden oder über persönliche Empfehlungen. Diese Zeiträume liegen meist abends oder am Wochenende – Zeiten, in denen viele Frauen Care- und Sorgearbeit leisten. Geschützte Zeitfenster für Vernetzung während der Arbeitszeit fehlen im Klinikalltag weitgehend.
Für diesen Kongress habe ich viele Frauen kontaktiert – und ausnahmslos offene, freundliche Zusagen erhalten. Das zeigt: Die Bereitschaft ist da. Wir müssen sie nur bündeln.
Wurden Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn Opfer von genderbasierter Diskriminierung durch Kolleg*innen, aber auch durch Patient*innen?
Ich kenne mehr Frauen, die Diskriminierung erlebt haben, als solche, die davon verschont geblieben sind. Auch ich habe früh geschlechterspezifische Ungleichbehandlung erfahren.
Ein besonders absurder Moment in meiner Laufbahn war eine klare Grenzüberschreitung im beruflichen Kontext, bei der nicht das Verhalten selbst, sondern mein Widerstand dagegen infrage gestellt wurde.
Ich habe mich gewehrt. Und genau das muss selbstverständlich sein. Belästigung und Respektlosigkeit dürfen keinen Platz haben und müssen Konsequenzen haben.
Ist die berühmte »gläserne Decke« in den ärztlichen Berufen besonders dick?
Frauen stellen längst einen Großteil der Medizinstudierenden und Ärzt*innen – doch mit jeder Hierarchiestufe werden sie weniger. Nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen starrer Strukturen, intransparenter Machtwege und einer Kultur, in der Vereinbarkeit mit Care- und Sorgearbeit karriereschädigend wirkt. Diese Decke ist nicht naturgegeben. Sie ist gemacht – und damit veränderbar.
Was würden Sie vor allem jungen, angehenden Mediziner*innen raten?
Vernetzen, vernetzen, vernetzen. Baut euch Netzwerke, die tragen, fordern und stärken. Holt euch Impulse, teilt Erfahrungen, sucht aktiv Unterstützung, Mentorinnen und Vorbilder. Niemand muss diesen Weg allein gehen.
Habt den Mut, Dinge klar zu benennen. Schaut nicht weg, wenn Grenzen überschritten werden oder Entscheidungen euren Werten widersprechen. Haltung ist kein Risiko – sie ist Zukunft.
Wo besteht besonders großer Aufholbedarf?
Überall – aber vor allem im Denken – gibt es Nachholbedarf. Es fehlen Stillräume. Es fehlen Konzepte, wie sich Schwangerschaft mit Weiterbildung vereinbaren lässt. Es fehlen Strukturen, die Frauen in der Care- und Sorgearbeit unterstützen und sie gleichzeitig fördern, statt auszubremsen. Hier braucht es wachsame, mutige Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen und aktiv unterstützen. Und es braucht weibliche Impulse in den Führungsebenen – nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil von Macht, Entscheidung und Gestaltung.