Klug ist, sich selbst kritisch zu befragen, was man weiß und was man nicht weiß. Als bekannt gilt, dass sich Volkswagen vom Augsburger Motoren- und Turbomaschinenbauer Everllence, der früher MAN Energy Solutions und ganz früher MAN Diesel & Turbo hieß, trennen will, dem Vernehmen nach von 51 Prozent. Als gesichert darf gelten, dass die meisten Menschen in Augsburg immer noch von „dem Diesel“ sprechen und Volkswagen dringend die Milliarden aus Augsburg braucht, ist der Kapitalhunger des in der Krise befindlichen Unternehmens doch immens. 

VW sieht sich bei Everllence „sehr gut unterwegs“

Durchgesickert ist überdies, dass eine Bieterschlacht um das Unternehmen entstanden ist, zumal Everllence klimafreundliche Technologien entwickelt hat, mit denen sich etwa der CO₂-Ausstoß von Schiffen verringern lässt. Dann verflüchtigt sich weiterer Erkenntnis-Gewinn. Wer sich umhört in der Volkswagen-Welt, landet bei dem Befund des griechischen Philosophen Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Wichtige Gesprächspartner halten es explizit mit der journalisten-unfreundlichen Theorie: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Diese Einstellung stammt wiederum vom Philosophen Ludwig Wittgenstein. VW-Finanzvorstand Arno Antlitz ist kein Philosoph und sagte auf der Volkswagen-Pressekonferenz am Dienstag, es sei noch nicht klar, ob ein strategischer, also industrieller Interessent oder ein Finanzinvestor zum Zuge komme. Auf jeden Fall sei man „sehr gut unterwegs“, was auch immer das heißen soll. 

Nach Informationen unserer Redaktion ist zwar die heiße Phase im Wettstreit um Everllence eingeläutet, es könnte sich indes noch etwas hinziehen, bis eine Entscheidung fällt, wer in Augsburg an Bord gehen darf. So ein Geschäft ist kompliziert. Das hindert die Nachrichtenagentur Reuters nicht daran, munter zu spekulieren, Sokrates und Wittgenstein hin oder her: Volkswagen habe Angebote erhalten, die Everllence einschließlich Schulden mit rund acht Milliarden Euro bewerten. Das wäre ein Preis am oberen Rand, der von sechs bis acht Milliarden Euro reichenden Einschätzungen. Private-Equity-Firmen wie Advent, Blackstone, Brookfield, CVC und EQT hätten Gebote abgegeben. Dabei solle Porsche SE, also die Beteiligungsholding der Familien Porsche und Piëch, auf alle Fälle mit vielleicht rund zehn Prozent als Co-Investor einsteigen. Die Volkswagen-Großaktionäre könnten damit, wenn Everllence in einem zweiten Schritt an die Börse gebracht wird, ordentlich mitkassieren. In Zeiten schrumpfender Gewinne in der VW-Welt wirkt das als sichere Einnahme-Bank. 

Schwedischer Finanzinvestor EQT wird oft genannt

Der schwedische Finanzinvestor EQT wird von Experten, die von unserer Redaktion befragt wurden, nach wie vor am häufigsten genannt. Damit würden nur noch Finanzinvestoren an der Bieterschlacht teilnehmen, Interessenten aus der Industrie wären raus. Soweit die Spekulationen, eben das gesammelte Nicht-Wissen. Gewiss ist lediglich, dass noch nichts gewiss ist, außer einem interessanten Umstand: Volkswagen sah sich in der Everllence-Sache erstmals genötigt, ein klares Dementi abzugeben, und teilte zu dem Reuters-Bericht mit: „Es ist ein offenes Bieterverfahren, die Angebote werden neutral bewertet, das beste Angebot wird den Zuschlag erhalten. Gegenteilige Behauptungen oder Gerüchte sind schlicht falsch.“ An Wittgensteins Schweige-Appell hält sich selbst VW nicht. 

  • Stefan Stahl

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