Carbonnetze ersetzen Stahl als Beton-Bewehrung. Im Hintergrund ist das entstehende Carbonbetonhaus "Cube" in Dresden zu sehen. Foto: Heiko WeckbrodtCarbonnetze ersetzen Stahl als Beton-Bewehrung. Im Hintergrund des Archivfotos ist die einstige Baustelle für das Carbonbetonhaus „Cube“ in Dresden zu sehen. Foto: Heiko Weckbrodt

Roboterfabrik soll Leichtbau-Revolution im Bausektor auslösen

Dresden/Leipzig, 14. März 2026. Sachsen kehrt zur industriellen DDR-Plattenbauproduktion zurück – unter stark modernisierten Vorzeichen: hochautomatisiert, digitalisiert und vergleichsweise umweltfreundlich mit dem noch jungen Leichtbaustoff Carbonbeton. Um den samt kompletter Bauteile in Serie herzustellen, entsteht im Freistaat mit der „C-Factory“ das „weltweit erste Carbonbetonwerk zur digitalen und vollautomatisierten Herstellung CO₂-speichernder Carbonbetonbauteile“. Das hat das „C-Factory“-Betreiberkonsortium unter Federführung der Leipziger Baufirma „Kahnt & Tietze“ mitgeteilt. Die genauen Pläne für das Werk wollen die Partner Ende März im Carbonbetonhaus „Cube“ in Dresden vorstellen.

Betreiber versprechen „radikale Ressourceneinsparung“ auf dem Bau

„Sachsen positioniert sich damit als Modellregion für klimaneutrales Bauen und industrielle Dekarbonisierung“, schätzen die Konsortialführer Alexander Kahnt und Matthias Tietze ein. Durch die C-Factory werde eine „radikale Ressourceneinsparung“ und der Einsatz umweltfreundlicher Materialien im Bausektor möglich, insbesondere durch CO₂-reduzierte Zemente, Recyclingstoffe und alternative Bindemittel möglich. Grund: Carbonbeton verwendet Kohlenstofffasern statt Stahl zur Bewehrung, ist dadurch etwa 75 Prozent leichter, ermöglicht deutlich dünnere und filigranere Wand- und Deckenbauweisen, ist zudem langlebiger, da weniger korrosionsanfällig. Die Leichtbauweise mindert insofern den Bedarf an Zement, Sand und Kies – samt deren Transporte – deutlich.

Prof. Manfred Curbach. Foto: Heiko WeckbrodtCarbonbeton-Vordenker Prof. Manfred Curbach von der TU Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Zwei Jahrzehnte Forschung legten die Basis

Das neue Baumaterial geht auf rund zwei Jahrzehnte Forschung unter anderem an der TU Dresden und der HTWK Leipzig zurück. In der Folge entstanden zunächst Pilot- und Referenzprojekte mit dem Leichtbaustoff, unter anderem das weltweit erste Carbonbetonhaus „Cube“ in Dresden, innovative Sanierungsprojekte wie der innere Neuaufbau des Beyerbaus der Dresdner Uni, aber auch mehrere Brücken und Brückenerweiterungen.

Das noch junge Baumaterial Carbonbeton ist mit Gittern und Stäben aus Kohlenstofffasern statt mit Stahl verstärkt. Dadurch ist eine leichtere, dünnere Bauweise möglich. Foto: Heiko WeckbrodtDas noch junge Baumaterial Carbonbeton ist mit Gittern und Stäben aus Kohlenstofffasern statt mit Stahl verstärkt. Dadurch ist eine leichtere, dünnere Bauweise möglich. Foto: Heiko Weckbrodt

Carbonbeton-Linien in Leipzig, Riesa und Dresden entstanden

Nun stehe der Schritt in die industrielle Serienfertigung an, heißt es vom „Kahnt & Tietze“. Das 2014 in Leipzig gegründete Unternehmen hat laut eigenen Angaben eine vollautomatisierte Referenz-Fertigungslinie für CO₂-speichernde Carbonbeton-Bauteile entwickelt und aufgebaut, basierend auf den Erfahrungen im Carbonbetontechnikum Leipzig-Engelsdorf. Das System speist digitale Baupläne direkt in die roboter-dominierte Fertigungslinie ein. Dabei werde „CO₂ aus industriellen Quellen abgeschieden, aufbereitet und gezielt in Baustoffe integriert“, heißt es vom Unternehmen. Weitere Carbonbeton-Fertigungslinien sind unabhängig davon unter anderem im Betonwerk Oschatz und im Schwenk Zementwerk Dresden entstanden.

Bauwirtschaft gehört zu den größten Energie- und Materialverbrauchern und CO2-Schleudern weltweit

Das Interesse an neuen Lösungen für die Bauindustrie ist groß – aus Kostengründen ebenso wie mit Blick auf den enormen Materialbedarf, Energiebedarf und die Umweltbelastungen in diesem Wirtschaftssektor. Vor allem die Zementindustrie ist sehr energiehungrig und verursacht laut Schätzungen des Umweltverbandes „BUND“ weltweit rund acht Prozent der menschengemachten Treibhausemissionen. In Deutschland liegt die Quote allerdings niedriger. Verantwortlich dafür sind vor allem die hohen Temperaturen beim Produktionsprozess, der bei etwa 1450 Grad Celsius abläuft. Die Herstellung einer jeder Tonne Zement benötigt rund 110 Kilowattstunden elektrische Energie. Das entspricht etwa 100 bis 200 Waschgängen mit einer gängigen Haushaltswaschmaschine. Neben dem Zement verursacht auch der Nachschub an Stahl, Kies und Zuschlagstoffen für Stahlbeton Probleme – sowohl mit Blick auf die energieaufwendige Stahlproduktion als auch auf die aufwendigen Transporte bis hin zu schlichten Verfügbarkeitsfrage.

Die Archivaufnahme vom Dezember 2022 zeigt die Risse, die sich kurz nach der Einweihung des "Cube" genannten Carbonbetonhauses neben dem Campus der TU Dresden zeigten. Foto: Heiko WeckbrodtDie Archivaufnahme vom Dezember 2022 zeigt Risse, die sich kurz nach der Einweihung des „Cube“ genannten Carbonbetonhauses neben dem Campus der TU Dresden zeigten. Foto: Heiko Weckbrodt

Carbonbeton muss erst Alltagstauglichkeit und Kostenbilanz auf lange Sicht beweisen

Carbonbeton, der bei seiner Produktion auch gleich noch Kohlendioxid aus anderen Industriefabriken abbindet und den Verbrauch an Stahl wie Beton beim Hausbau drastisch senkt, könnte insofern mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Abzuwarten bleibt aber, ob sich dieser Leichtbaustoff auch auf lange Sicht bewährt – man denke an die Risse im „Cube“ -, ob er das Vertrauen der eher konservativen Bauindustrie gewinnt und wie teuer oder billig er in der Gesamtbilanz ausfällt.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Kahnt & Tietze, BUND, Oiger-Archiv, HTWK Leipzig

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt