Am Anfang noch angeregte Gespräche, dann auf einmal Stille. Nur noch Umblättern von Buchseiten, vereinzeltes Räuspern und ab und zu eine vorbeifahrende Straßenbahn. Im Literaturhaus in Halle herrscht an diesem Abend eine konzentrierte Lese-Stimmung. Zum Treffen des Silent Book Clubs haben sich 50 Leute angemeldet, so gut wie jeder Stuhl ist belegt.

Bei einem Silent Book Club ist der Fokus das gemeinsame stille Lesen. Dabei unterscheidet sich das Format von klassischen Buchclubs: Statt eines Buchs, das alle diskutieren, bringt jede und jeder ein eigenes Buch mit, ohne Druck oder Verpflichtungen. Den Ursprung hatte dieser Silent Book Club in den USA, inzwischen gibt es auch viele Ableger in Deutschland – neben Halle auch in Chemnitz, Dessau oder Jena.

Es gibt immer dieses verbindende Element, dass man direkt übers Buch sprechen kann.

Folke
Teilnehmende beim Silent Book Club in Halle

Das Publikum bei diesem Treffen ist bunt gemischt: Frauen und Männer, von Anfang 20 bis Mitte 60 ist alles dabei. Auch Folke ist heute mit einem Buch gekommen. Die 25-Jährige freut sich, beim Silent Book Club so viele Gleichgesinnte zu finden. „Ich finde es super cool, dass ich mit so unterschiedlichen Leuten in Kontakt komme – Leute, die noch in der Schule sind oder im Alter von meinen Eltern, mit denen ich sonst weniger zu tun habe. Aber es gibt immer dieses verbindende Element, dass man direkt übers Buch sprechen kann“, erzählt Folke begeistert.

Gemeinsames Lesen verbindet

Den Club in Halle haben Lea und Tabea gegründet. Die Idee kam ihnen im Sommer 2024: Einen für sie passenden Buchclub fanden die beiden nicht, der nächste Silent Book Club in Leipzig war ihnen zu weit weg. So kam der Entschluss, einen eigenen Ableger der Idee in Halle zu gründen. Die zwei Studentinnen erstellten eine liebevoll designte Website, druckten und verteilten Flyer in der Stadt, und testeten Cafés und Veranstaltungsorte. Das erste Treffen folgte im Dezember 2024. Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählen.

Das alles machen Lea und Tabea ehrenamtlich – ganz schön viel Arbeit, zählt Lea auf: „Wir treffen uns einmal in der Woche, jeden Freitag, um den E-Mail-Verkehr zu bewältigen, für Instagram und so weiter. Also pro Woche sind das mindestens acht Stunden, manchmal auch länger.“ Drei Euro Eintritt kostet das Treffen. Das Geld gehe für die Locations und Getränke drauf. Manchmal – wenn die Einnahmen nicht ausreichen – zahlen Lea und Tabea die Kosten aber auch aus eigener Tasche.

Silent Book Club soll für alle zugänglich sein

Von Anfang an war den beiden Organisatorinnen wichtig, mit dem Silent Book Club einen Safe Space zu gestalten, wo sich alle wohlfühlen können. So gibt es beispielsweise einen Ruhetisch, wo man lesen kann, ohne überhaupt mit jemandem sprechen zu müssen. Tabea und Lea beschäftigen sich zudem intensiv damit, wie barrierefrei die Veranstaltungsorte sind. Und sie wollen so transparent wie möglich sein, erklärt Lea: „Wir sind sehr ausführlich in unseren Mails und auf unserer Website, damit auch introvertierte Menschen oder zum Beispiel Leute mit Angststörungen genau wissen, worauf sie sich einlassen, wohin sie kommen und was los ist.“

Mein Eindruck ist, dass meine Generation viele Dinge eher für sich alleine tut. Und da finde ich es einen coolen Ansatz, Lesen als Gemeinschaftshobby aufzufassen.

Hedwig
Teilnehmende beim Silent Book Club Halle

Der Andrang ist groß, häufig gibt es auch eine Warteliste, weil es so viele Anmeldungen für die monatlichen Treffen gibt. Hauptgrund scheint für viele die Suche nach Gemeinschaft zu sein. So auch für Hedwig, die seit mehr als einem Jahr regelmäßig dabei ist. Sie liest schon ihr Leben lang gern, findet aber im Alltag selten Zeit dafür. „Lesen ist für mich eher etwas, das man alleine macht. Mein Eindruck ist, dass meine Generation viele Dinge eher für sich alleine tut. Und da finde ich es einen coolen Ansatz, Lesen als Gemeinschaftshobby aufzufassen“, sagt die 23-jährige Masterstudentin.

„Permanently Connected“ – Wenn Vernetzung zu viel wird

Auch Organisatorin Tabea berichtet davon. Viele Teilnehmende würden erzählen, wie hektisch der Alltag sei, dass sie kaum Zeit finden, mal ein Buch zu lesen. „Das ist auch mit darauf zurückzuführen, dass man dauernd gefühlt für alle Leute erreichbar ist und dauernd was zu tun hat.“