Bielefeld. Sie sind Deutsche und sie sind Ukrainerinnen. Sie kamen nach Deutschland als Studentinnen und fanden hier den Mittelpunkt ihres Lebens. Zwei Herzen schlagen in jeder Brust, doch seit vier Jahren nicht mehr im Takt, denn die Blau-Gelben hämmern um ihr Leben. Das von Olena Turow pocht ganz gewaltig, wenn sie nur das Wort „Ukraine-Krieg“ hört oder liest: Am Jahrestag der russischen Invasion in die Ukraine, am 24. Februar, war es auch in Bielefeld in vieler Munde.

„Das ist semantisch falsch und leistet dem Framing weiter Vorschub“, sagt die studierte Soziologin, Mutter einer 17-jährigen Tochter, Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, Aktivistin der ersten Stunde. Die weiter sammelt und spendet, und sich einsetzt für die Soldaten, die ihre alte Heimat verteidigen. Und die Demokratie Europas, doch das gerate bei vielen in Vergessenheit, dann würde sie vielleicht wieder mehr geben.


Olena Turow von der DUGB bei der Mahnwache vor dem Alten Rathaus. - © Jörg Dieckmann

Olena Turow von der DUGB bei der Mahnwache vor dem Alten Rathaus.
| © Jörg Dieckmann

Gegenwärtig gebe es nur noch wenige Spenden für die Ukraine, sagt sie. Selbst die Stoffquellen für die Tarnnetze seien versiegt, mittlerweile würden die Stoffe in der Ukraine gekauft, in Bielefeld auf dem großen Rahmen in der Halle am Jagdweg geknotet – und dann mit dem nächsten Transport an die Front gebracht. Das aber könne dauern, denn auch die Zahl der privat organisierten Hilfsfahrten habe stark abgenommen. So warteten Krankenhausbetten über Monate auf ihre Mitnahme gen Osten.

Nächste Hilfslieferung für Cherkasy im März


Bürgermeister-Delegation aus Cherkasy zu Besuch in Bielefeld: Treffen mit Oberbürgermeisterin Christiana Bauer und Übergabe eines Transporters. - © Stefan Becker

Bürgermeister-Delegation aus Cherkasy zu Besuch in Bielefeld: Treffen mit Oberbürgermeisterin Christiana Bauer und Übergabe eines Transporters.
| © Stefan Becker

„Die Betten kommen jetzt mit dem nächsten Transport mit“, versichert Olaf Selonke erfreut. Der Referent im Büro der Oberbürgermeisterin organisiert seit Dezember 2022 die Hilfslieferungen in Bielefelds Partnerstadt Cherkasy. Diesen Freitag war nach langer Zeit wieder eine Delegation aus der von Bielefeld fast 2.000 Kilometer entfernten Stadt zu Besuch. In der Mitte des Landes gelegen, am Fluss Dnepr, kämpfen die Menschen mit Entbehrungen und der Angst vor ständigen Angriffen durch die russische Luftwaffe.

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Wie mittlerweile überall im Land. Galt der Westen lange Zeit als sichere Zone, so habe sich auch das Leben in Lviv vollkommen verändert, sagt Turow. Ihre Mutter lebe dort und bei den jüngsten Besuchen habe die Stadt grau und trist gewirkt, gezeichnet vom russischen Zermürbungskrieg mit stetigen Drohnenangriffen. Das ganze Ausmaß der Tragödie zeige sich am Maidan in Kiew: Ein Meer aus Fahnen und Fotos bedecke den Platz, Erinnerungen an die gefallenen ukrainischen Soldaten und ihre toten Kameraden aus dem Ausland.

Rock- und Popgrößen auf Benefiztour gastieren am Jagdweg

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Viele Männer aus der Kulturbranche seien sofort in den Krieg gezogen und etliche nicht lebend zurückgekehrt, berichtet Turow. Und der DUGB gelinge es immer wieder, bekannte Künstler auf deren Charity-Tourneen auch nach Bielefeld an den Jagdweg zu holen. Wie jüngst Vadym Krasnooky von der populären Skaband „Mad Heads“. Der Frontman spielte solo auf der akustischen Gitarre und trotzdem heizten die Tanzenden die eisige Halle auf: „Eure Stimmen, eure Unterstützung und eure Stimmung heute Abend sind etwas Besonderes. Es gab ein Gefühl von wahrer Einheit. Danke, Bielefeld“ postet der Mann mit dem markanten Trilby.

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Im vergangenen Juli gastierte auch die ukrainische Popsängerin Anna Dobryneva am Jagdweg. Im Garten der Halle spielte sie ihr Benefizkonzert. Das Familienfest zum Beginn der großen Ferien stand ganz im Zeichen der Kinder und Jugendlichen: singen und springen, tanzen und fröhlich sein, ein Hauch von Normalität im Alltag in der Ferne. Nicht mehr Fremde, die meisten sind angekommen – auch Dank der ukrainischen Schule.

Jeden Samstag öffnet in der VHS die ukrainische Schule

Irene König und ihre Mitstreitenden von dem Verein Bielefelder Ukrainische Gemeinschaft (BUG) riefen die Schule im März 2022 ins Leben, als die ersten Geflüchteten eintrafen. Mittlerweile gilt sie als Institution in der Community, fester Anlaufpunkt für Familien aus ganz OWL. Jeden Samstag treffen sich die ehrenamtlichen Lehrkräfte und die Kinder um 13 Uhr in der VHS. In den Räumen der ersten Etage malen und basteln die Kleinsten, lesen und schreiben die Grundschulkinder und befassen sich die Großen bereits mit komplexen wissenschaftlichen Themen.


Irene König von der BUG in ihrem provisorischen Schulbüro in der VHS. - © Stefan Becker

Irene König von der BUG in ihrem provisorischen Schulbüro in der VHS.
| © Stefan Becker

Wie mit dem Hypothalamus – der Kommandozentrale im Gehirn für Stressreaktionen. Bachelor-Studentin Elena Gaidai unterrichtet die Jugendlichen und trainiert damit gleichzeitig für ihren Master in Psychologie, den sie an der Uni Bielefeld anstrebt. Ob sie danach auch noch promovieren möchte wie ihre Mentorin, das sei noch ungewiss, sagt sie. Irene König promovierte in Kiew, lebt aber auch schon seit 20 Jahren in Bielefeld und leitet mit ihrem Mann in Bielefeld das Unternehmen Empirie MPU GmbH.

Einsatz für die alte Heimat seit der ersten Stunde der russischen Invasion

Und jeden Samstag sitzt sie in ihrem provisorischen Schulbüro in einer Ecke des VHS-Flures, trägt Noten ins große Buch, spricht mit den Eltern der rund 120 Kinder, motiviert zu Yoga- oder Deutsch-Kursen, bindet die qualifizierten Frauen voll mit ein ins Schulprogramm. Gemeinsam mit Olga Ziane, die an einer deutschen Schule unterrichtet und auch seit der ersten Stunde mitanpackt: Eine Woche nach dem russischen Überfall auf die Ukraine gehörte sie mit zu den helfenden Händen der Gemeinde, die den ersten 40-Tonner voll beladen mit Hilfsmitteln in die bedrohte alte Heimat schickte.

Widerstand in und aus Bielefeld gegen die russischen Invasoren in der Ukraine.

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Die katholisch-ukrainische Gemeinde in Bielefeld besteht schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Daraus hat sich die gemeinnützige Hilfsorganisation BUG formiert. Die kirchliche Verbundenheit zeigte sich zu Weihnachten, als die Spielschar von Musiklehrerin Yana Holubenko das Musical „Weihnachtswunder“ auf die Bühne des großen Saals der Volkshochschule brachte: So künstlerisch kreativ mit Gesang, Schauspiel und Tanz gab es die Geschichte von Jesus bisher wohl eher selten zu sehen. So sehr die biblische Botschaft auch bewegt, das nächste Musical trägt im Sinne der unterstützenden Frauen den Titel „Slawa Ukrajini – Ruhm der Ukraine!“

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Transporter für kriegsversehrte Sportler

Bielefeld (stb). 2.000 Kilometer Anreise, zwei Tage Bielefeld, 2.000 Kilometer Heimfahrt im gemieteten Bus: Die zwölfköpfige Delegation aus Bielefelds ukrainischer Partnerstadt Tscherkassy scheuten keine Strapazen zum Überbringen von Grüßen und Geschenken und für eine kurze Auszeit vom nun schon vier Jahre währenden Verteidigungskrieg.Die stellvertretenden Bürgermeisterinnen Anastasiia Chubina und Maryna Harkava kamen in Begleitung von Kolleginnen aus der Stadtverwaltung und sechs Schülern. Die letzte Station der kurzen Reise für die Gäste aus der Ukraine ins Rathaus. Dort empfing sie Oberbürgermeisterin Christiana Bauer zusammen mit ihrem Referenten Olaf Selonke, dem Mann hinter der Tscherkassy-Hilfe. In einer Video-Schalte begrüßte Bauer ihren Amtskollegen in Tscherkassy und erkundigte sich nach dem Befinden: Erst kurz vor dem Gespräch sei der Fliegeralarm wieder aufgehoben worden und alle gingen wieder ihren Tätigkeiten nach, berichtete Anatolii Bondarenko. Man habe sich so sehr an die ständige Bedrohung gewöhnt, dass man das Gefühl habe, schon immer so gelebt zu haben. Dann stellte er die Gäste an seinem Tisch vor: kriegsversehrte Veteranen – und Sportler. Stille im Saal. Ein ehemaliger Soldat ergriff das Wort. Nach seiner Genesung in Deutschland und der Versorgung mit Prothesen trainiere er jetzt als Bogenschütze für die nächsten Paralympics. Schweigen. Der Betroffenheit im Saal setzt er seinen Lebensmut entgegen: Er freue sich mit seinen Ex-Kameraden und neuen Sportkollegen über den Transporter, der schon am Montag im Stadion von Tscherkassy ankommen soll, sagt er. Bepackt mit Medikamenten und weiteren Spenden stand der mit einer Rollstuhlrampe ausgerüstete Wagen am Freitagmittag vor dem Rathaus für ein gemeinsames Foto vor der Abreise.